Valérie Vuillerat, Founder of Hiversity & Co-Founder of We Shape Tech.

  1. Haben Sie als Frau in der Tech-Branche mit Vorurteilen oder Schwierigkeiten zu kämpfen?

Aktuell spüre ich vordergründig keine Vorurteile weil ich eine Frau bin. Doch das war nicht immer so. Als ich jünger war, traute man mir weniger zu. Diese unterschwellige männliche Süffisanz, in der selteneren weiblichen Form auch Zickenneid waren teilweise echt zermürbend. Erfolge und Visibilität schaffen Vertrauen. Damit wächst auch der Respekt. 

Diesem Phänomen begegnet man natürlich nicht nur in der Tech-Branche. Verankerte Stereotypen und unbewusste Voreingenommenheit beeinflussen unsere Entscheidungen: davor ist niemand gefeit.

Womit ich aber auch heute noch konfrontiert werde ist mit Sexismus. Frauen werden noch zu oft nach Ihrem Äusseren beurteilt, nicht nach Ihren Fähigkeiten. Da fallen teilweise schon recht krasse Sprüche.

2.  Der Schweizer Tech-Branche fehlen die Frauen. Woran liegt das? 

Das Problem der fehlenden Frauen in der Tech-Branche ist nicht neu und ist auf eine Vielzahl von Gründen zurückzuführen.

Viele junge Frauen kommen gar nicht erst auf die Idee, einen technischen Beruf in Erwägung zu ziehen. Das Image der Informatik ist zu sehr vom klassischen Programmieren bestimmt. Und der allgegenwärtige «Nerd» gehört ebenfalls zu diesen Klischees. Obwohl er heute hip und salonfähig geworden ist, schreckt es noch immer viele junge Frauen ab, in einem von dieser «Kultur» geprägtem Umfeld zu arbeiten.

Die noch grössere Herausforderung, als Frauen in die Tech-Branche zu bringen, ist sie dort zu halten. 15–20% der Angestellten in der Tech-Industrie sind Frauen, obwohl wir 30% weibliche Studienabgängerinnen in technischen Wissenschaften haben. Wo bleiben also diese 10%?

Die Tech- und Innovations-Unternehmen sind von einer männlichen Kultur geprägt. In den Geschäftsleitungen sitzen kaum Frauen. Entscheidungsgremien sind also männerdominiert. Dies hat zwei Effekte:  Einerseits bewerben sich eine geringere Anzahl von Frauen. Sie trauen sich weniger zu als ihre männlichen Kollegen. Gemäss Studien wissen wir, dass sich Frauen nur bewerben, wenn sie 100% der Kriterien erfüllen. Männer bewerben sich bereits, wenn sie gerade mal 50% der Kriterien erfüllen.

Anderseits belegen andere Studien, dass diese männlich dominierten Entscheidgremien lieber jemanden anstellen, in welchem sie sich selbst wiedererkennen. Wir replizieren uns unterbewusst homogen. Entsprechend ist es schwieriger für Frauen einen Job zu bekommen. Um diesen «Just-like-me-Bias» weitestgehend zu reduzieren, müssen Vorstellungsgespräche strukturierter und objektiver werden. Erst dann wird die Person mit den besten Qualifikationen ausgewählt  – egal ob Mann oder Frau. Dies verschärft sich umso mehr, je höher die Seniorität ist und je weiter wir der Karriereleiter nach oben folgen.

Und weshalb ist das Thema Diversität wichtig?

Digitale Dienste & Produkte werden von allen Teilen der Gesellschaft genutzt. Mindestens 50% davon sind Frauen. Mehr Vielfalt in den (Produkt-)Teams bedeutet bessere digitale Produkte. Die Digitalisierung wird unser Leben immer weiter durchdringen. Wenn die Teams, die diese digitale Zukunft gestalten, allzu homogen bleiben, ist das problematisch, weil es den Bedürfnisse einer heterogenen Zielgruppen nicht schon bei der Entwicklung Rechnung trägt.

Die fehlende Vielfalt in der Technologie-Branche ist ein grosses Thema. Nicht zuletzt seit Apple 2014 seine Gesundheitsapp herausbrachte, mit der die Benutzer alles tracken konnten – nur nicht den weiblichen Zyklus. Das Feature war schlicht vergessen worden. Apple brachte nach einem Jahr eine aktualisierte Version heraus.

Das System ist immer noch krank. Wenn wir in der Schweiz die Chancen der Digitalisierung wirklich ergreifen wollen, brauchen wir eine Kultur der Inklusion und Kollaboration – über Gender-, Alters- und Fachgrenzen hinweg. Hier haben die wenigsten Unternehmen einen wirklich stringenten Plan.

  1.   Was würden Sie Ihrem 20-jährigen Ich heute raten?

Gross denken – der Lebens- und Gedankenradius geht weit über die Landesgrenzen hinaus und muss keineswegs der Schweizer Durchschnittsnorm entsprechen.

Mutig sein und jede Herausforderung als Chance sehen. Jede Gelegenheit hat es verdient geprüft zu werden. Im Zweifelsfall «Ja» sagen, dazu lernen kann man immer.

Auf’s Bauchgefühl hören – heute weiss ich, dass ich darauf vertrauen kann.