Aus dem Unterricht des CAS Digital Finance berichtet Moritz Reichling:

Es ist soweit, der letzte Nachmittag unseres CAS Digital Finance an der HWZ ist angebrochen. Die „Schüler“ sind gespannt darauf was der letzte Tag wohl bringen mag. Der Studienleiter Rino Borini hat es sich natürlich nicht nehmen lassen, diese letzten Stunden selber zu gestalten. Es erwartet uns ein spannender Abschluss mit verschiedenen Dozenten, welche sehr unterschiedliche Berührungspunkte mit der Digitalisierung in der Finanzindustrie aufweisen. Es geht von Patrick Comboeuf, welcher uns sagt, dass wir „mehr Hund sein müssen“ über einen jungen Hacker der seine eigene IT-Bude leitet bis zur gestandenen FinTech Gründerin Christina Kehl, welche aus Ihrem Nähkästchen plaudert. Als krönender Abschluss wird unser Digital Marketing Monkey, Andy Waar, zum ersten Digital Rockstar des Jahres 2017 gekürt.

BE MORE DOG!

Patrick Comboeuf, seines Zeichens Studienleiter des CAS Digital Leadership und Silicon Valley-Kenner erklärt uns was die Techies im Valley besser machen als die Bünzlis hier in der Schweiz. Die Zahlen sprechen für sich; Apple beansprucht 92% der globalen Smartphone-Profite für sich während Facebook und Google den Markt für Werbeeinnahmen unter sich aufteilen. Zwischen 2014 und 2015 stieg Apples Umsatz um etwa 50 Mrd. USD. Von solchen Zahlen kann man in der Schweiz nur träumen, das totale potentielle Marktvolumen für Smartphones im selben Zeitraum betrug in der Schweiz damals rund 1 Mrd. USD. Was können wir in der Schweiz gegen solche Tech-Giganten schon anrichten fragt man sich und wo stehen wir im Vergleich, wenn es ums Thema Digital-Readiness geht?

Eines der Probleme in der Schweiz ist laut Comboeuf, dass es den Schweizer Firmen bis heute zu gut ging. Die ü50 Manager in den oberen Geschäftsetagen seien digitally-disconnected und verstünden nicht, dass die technologisch-hochgerüsteten Player aus Übersee nicht darauf warten Marktanteile abzugraben wo auch immer sie können.

Will man in Zukunft erfolgreich sein, soll man sich auf folgende fünf fundamentale Punkte fokussieren: 1. customer focus; 2. agility & openess; 3. new business models; 4. no silo thinking und 5. culture eats strategy for breakfast. Im Sillicon Valley würden diese Punkte viel erfolgreicher angegangen meint Comboeuf. Während man in der Schweiz stets versucht ein perfektes Produkt auf den Markt zu bringen, gilt im Valley das Prinzip: trial and error. Jede Idee wird wieder und wieder neu aufgenommen, alles wird ausprobiert auch wenn es noch nicht 100% fertig ist (minimum viable product) und wenn etwas nicht funktioniert wird es sofort emotionslos gekillt (ruthless prioritization). UBER’s heutiges Geschäftsmodel zum Beispiel wird schon wieder transformiert. Die UBER self-driving cars werden die heutigen UBER-Fahrer in Zukunft ablösen. Das Silicon Valley sei außerdem viel besser vernetzt, Ideen würden viel öfters geteilt und angezweifelt. Man geht an bestehende Businessmodelle ran und versucht diese zu optimieren wo man nur kann.

In der Schweiz müsse man lernen Ideen viel schneller umzusetzen (if you wanna do something, you find ways, if you don’t, you find reasons), jedoch muss der Zeitpunkt auch richtig gewählt werden. Wenn man eine gute Geschäftsidee hat, jedoch der Markt noch nicht reif dafür ist, kann dies in einem riesen Desaster enden (it‘s wrong to be right before anyone else). Die Umsetzung sei letztendlich wichtiger als die Idee selber ergänzt Comboeuf. Man soll nicht fragen „Wieso soll ich etwas tun?“, sondern „Wieso nicht?“. Somit muss man seine Idee nicht ständig vor anderen verteidigen, sondern überlässt die Rechtfertigung quasi den Kritikern.

Die Schweiz müsse „mehr Hund sein“ (be more dog) und „weniger Katze“. Sie brauche mehr Neugier und Aufregung, solle öfters Sachen ausprobieren ohne zu wissen wo einen die Reise hinführt. Sich nicht wie eine Katze zurücklehnen und sich auf dem vorhandenen Komfort ausruhen bringe uns nicht weiter.

Think before you click

Als nächster Dozent spricht Cyrill Tröndle, CEO einer IT-Security Firma, über die Methodik & Logik wie Hacker vorgehen und wie man sich und seine Firma am besten davor schützen kann. Dies tut er anhand einer einfachen Analogie:

Stellen Sie sich ein Haus vor. Dieses Haus repräsentiert zum Beispiel einen Computer in den man einbrechen möchte um Schmuck bzw. Daten zu stehlen. Hätte dieses Haus weder Fenster noch Türen wäre es sehr schwierig da einzubrechen und somit ein ziemlich sicherer Ort. Andererseits ist ein Haus ohne Türen und Fenster nicht wirklich bewohnbar.

Anhand dieses Beispiels versucht uns Cyrill zu erklären, dass es auch in der IT immer einen Tradeoff zwischen Sicherheit und Zweckmäßigkeit gibt. Wie beim Haus ohne Türen und Fenster würde 100% Sicherheit sogleich 0% Zweckmäßigkeit bedeuten. Wer zum Beispiel nur kurz auf seine Emails zugreifen will, hat keine Lust ein 30-stelliges Passwort einzugeben, anderseits möchte man seinen Email-Account auch nicht völlig ungesichert lassen. Baut man nun also Fenster und Türen in sein Haus ein um es bewohnbar zu machen, haben es Einbrecher ebenfalls einfacher um reinzukommen.

Gleich wie ein Einbrecher versuchen auch Hacker möglichst unerkannt zu bleiben. Klar könnte man zum Beispiel mit einer Bombe ein Loch in die Wand sprengen, jedoch ist dies sehr auffällig und die Polizei wäre sofort alarmiert. Das gleiche Prinzip gilt bei Hackern; um unerkannt zu bleiben bedienen sie sich dem sogenannten „social engineering“. Um irgendwo reinzukommen versuchen es Hacker über einen Umweg oder imitieren eine dem Opfer nahestehende Person.

Der Hacker könnte also versuchen sich als einen Bekannten oder Verwandten auszugeben. Dies ist zum Beispiel möglich, indem er den Email-Account einer nahestehenden Person hackt und sich als diese ausgibt. Ohne das es diese bemerkt, versucht er nun, getarnt als eine nahestehende Person, dem Opfer Informationen zu entlocken. Als Beispiel gibt sich der Hacker als die Tochter aus, welche kurz mit der Kreditkarte ihres Vaters etwas bezahlen möchte.

Ein weiteres „Tool“ das Hacker einsetzen ist, dass Menschen in Notsituationen, unter Stress oder bei Routinetätigkeiten oft überstürzt und unbedacht handeln. Als Beispiel könnte ein Hacker eine perfekte Imitation einer Email an sein Opfer schicken mit der Aufforderung sofort sein Account-Passwort über einen angegebenen Link zu ändern, da es jemand gestohlen haben könnte. Klickt nun die Zielperson auf den Link und gibt seine Informationen ein, hat der Hacker alle Informationen die er benötigt. Studien belegen, dass Leute sehr oft die gleichen Passwörter an verschiedenen Orten benutzen, wodurch der Angreifer Zugriff auf diverse Benutzerkonten erhält.

Sicherheit erreicht man gemäß Cyrill vor allem durch Wachsamkeit. Erhält man ein merkwürdiges Email wird geraten zuerst ruhig zu überlegen und bei Unsicherheit besser gar nichts anzuklicken und das Mail zu löschen. In diesem Sinne: think before you click!

Nähkästchen-Talk

Zum Schluss berichtet Knip-Mitgründerin und jetzige Geschäftsführerin von Swiss Finance Startups, Christina Kehl, von ihren Erfahrungen als Unternehmerin. In ihren Antworten wiederspiegelt sie was Patrick Comboeuf bereits hervorgehoben hat: be more dog!

Guter Ausgangspunkt für eine Geschäftsidee ist, wenn man ein eigenes Problem selber zu lösen versucht. Es kann ja sein, dass auch andere dieses Problem beschäftigt und diese ebenfalls an einer Lösung interessiert sind oder, in anderen Worten, für die Lösung dieses Problems bezahlen würden. Im Falle von Knip versuchte Christina und ihr Partner also, das für den Kunden mühselige und unübersichtliche Versicherungsbroker-Geschäft zu digitalisieren und zu vereinfachen. „Wie genau Knip einmal funktionieren solle war nicht von Anfang an klar“ gesteht sie. Im Gegenteil, man probiert einfach aus, verwirft Ideen und beginnt wieder von neuem – das sei Unternehmertum.