Aus dem Unterricht des CAS Digital Finance mit Andy Siemers zum Thema Konsumenten Kredit in der Schweiz bloggt Lucien Moser:

Wie sollte die Strategie für die nächsten drei Jahre der Cembra Money Bank aussehen? So lautet der Auftrag für eine kurze Gruppenarbeit während dem Unterricht. Warum es sich lohnt, nach relativ kurzer sowie simpler Internet-Recherche, die Fallstudie noch einmal zu thematisieren.

Cembra Money Bank’s Ausgangslage ist ein sehr gutes Beispiel eines Schweizer Finanzinstituts, dass heute zwar sehr gut da steht, aber in Zeiten des Wandels bzw. Digitalisierung Gefahr läuft, die Weichen für die Zukunft falsch zu stellen. Damit droht das Ende einer Erfolgsgeschichte und eine schwierigere Zukunft. Auslöser sind Fehlentscheidungen in der Strategie für die nächsten 3 Jahre.

Eine komfortable Ausgangssituation
Zum Zeitpunkt der Aufgabenstellung (6. Juni 2017) ist die Cembra Money Bank wie bereits erwähnt eine Erfolgsgeschichte. Ein simpler Beleg dafür ist die Aktienkursentwicklung: Im Oktober 2013 kam das Unternehmen zu CHF 51.00 pro Aktie an die Börse. Cembra wurde damals vom U.S. Mutterkonzern General Electric losgelöst. Schlusskurs am 9. Juni 2017 war CHF 90.85 – ein sattes Plus von über 77% in gut 3.5 Jahren. Alle Dividendenzahlungen wurden in dieser Zeit nicht mitgerechnet! Diese grosszügige Dividendenpolitik war und ist wichtiger Kurstreiber hinter diesem satten Plus. Nachvollziehbar in Zeiten negativer CHF-Zinsen.

Bereits 2018 aber dürfte die Gewinnausschüttungsquote 100% erreichen. Das Unternehmen ist mit einer Eigenkapitalquote (Kernkaptial Tier-1) von 20% komfortabel ausgestattet und hat sogar Überschusskapital, dass man für etwas verwenden könnte. Cembra musste nicht wie andere Banken mit Nachwehen (Aufstockung Kapital, faule Investments im U.S. Häusermarkt, Imageverlust etc.) der Finanzkrise kämpfen. Durch die robuste Bilanzsituation dürfte die Dividende nicht unmittelbar gefährdet sein. Für weitere Erhöhungen muss aber der Gewinn wachsen. Hier liegt aber die grosse Herausforderung mit der Frage: Wie und wo?

Cembra’s Herausforderung
Woher und wie soll zukünftiges (Gewinn-) Wachstum sicher gestellt werden? Eine berechtigte Frage, wenn man einen Blick auf die Ertragsentwicklung von Cembra wirft:

Mit dem Bundesrat-Beschluss die Maximalzinsen von 15% auf 10% bei Konsumkrediten zu senken, leidet die Zinsmarge. Gleiches Bild beim Auto-Leasing, wie die obige Grafik zeigt. Gemäss einer aktuellen Umfrage von Comparis haben Schweizer nach wie vor grosse Vorbehalte gegenüber Privatkrediten. Weiter ist der Hauptverwendungszweck Autofinanzierung, was wiederum das Auto-Leasing-Geschäft kanibalisiert.

Zwar wächst das Kreditkartenvolumen, doch ist auch hier ein harter Wettbewerb im Gang. Nicht zuletzt wegen der Digitalisierung (Comparis lässt grüssen) werden Kunden Kosten-sensitiver und rechnen öfter, welche Kreditkartenlösung für sie am günstigsten ist. Mit ziemlicher Sicherheit dürften in diesem Markt auch neue (Fintech-) Players eintreten, wie beispielsweise Revolut (lässt zumindest ein kürzliches Statement vermuten). Daneben könnten Mobile Payment Solutions, wie Apple Pay oder Twint, die Kreditkarten-Präferenzen der Konsumentinnen und Konsumenten verändern.

Es ist nicht zu gewagt zu behaupten, dass die Ertragsquellen von Cembra Money Bank in nicht allzu ferner Zukunft unter starkem Druck stehen werden.

Crowdlending – eine Chance für Cembra
Wo gibt es also Wachstum und Chancen im Finanzierungsgeschäft? Online Recherchen liefern mögliche Antworten. So setzen Schweizer vermehrt auf Crowdfunding. Von Volumen, wie in den USA, UK oder China, ist man hierzulande zwar noch weit weg – was aber für ein grosses Wachstumspotential spricht. In diesem Bereich wachsen junge Fintech-Firmen rasant. Das belegen auch die beiden folgenden Grafiken:

Demnach hat sich gemäss einer Studie der Hochschule Luzern im Untersegment Crowdlending (bedeutet Vermittlung von Krediten über Internetplattformen) das Kreditvolumen 2016 versechsfacht im Vergleich zum Vorjahr.
Cashsare, Creditgate24, Lend.ch, Swisspeers und Creditworld, um nur einige zu nennen, sind Unternehmen, die in diesem noch jungen Markt tätig sind. Für 2017 erwartet Michael Borter, CEO und Mitbegründer der Crowdlending-Plattform Cashare, einen Anstieg des Volumens in der Crowdlending-Branche im dreistelligen Millionenbereich.

Auch die Märkte in der UK und den USA haben klein angefangen. Die Weiterentwicklung der Digitalisierung (Technologien sowie Kundenerlebnisse) dürfte automatisch mehr Kunden auf diese Finanzierungsform bringen und Crowdlending als Finanzierungsalternative etablieren.

Kommt gewünschter sowie notwendiger Support vom Regulator (schlanke und dynamische Regulierung ist wünschenswert) und entdecken institutionelle Anleger das Geschäftsfeld, so könnte das Wachstum plötzlich rasant vorwärts gehen.

Eine Chance auch für Geldgeber:
Stand heute: Es muss davon ausgegangen werden, dass das Tiefzinsumfeld in der Schweiz bis auf Weiteres anhalten wird. Die Gründe dafür sind alt bekannt: Überbewerteter Schweizer Franken (gemäss wiederholtem Statement von SNB Präsident Thomas Jordan) sowie eine anhaltend lockere Geldpolitik in Europa, dem wichtigsten Handelspartner der Schweiz.
Beim Verfassen dieser Zeilen steht der 3-Monats-LIBOR-Zinssatz CHF bei -0.73% und die Rendite 10-jähriger Schweizer Staatsanleihen bei -0.18%. Dominierendes Thema bei Banken ist die Weitergabe von Negativzinsen an Kunden. Ein abnormales Horror-Umfeld für Sparer und Zinsanleger. Je länger dieser Umstand anhält, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass mehr und mehr Anleger Crowdlending entdecken und als Alternative verwenden werden. Der Zinsmarkt als Treiber.

Was beabsichtigt Cembra zu tun?
Ob Cembra das auch glaubt, darf zumindest bezweifelt werden. So sieht der CEO von Cembra, Robert Oudmayer, in den nächsten 5-10 Jahren kaum einen grossen Markt für Peer-to-Peer-Kredite in der Schweiz. Weiter erachtet er einen Einstieg in dieses Geschäft als nicht attraktiv (Quelle: cash.ch-Interview vom 30.05.2016). Demnach ist man allgemein Übernahmen gegenüber offen, nicht aber für ein Fintech aus dem Bereich Crowdlending.

Fazit
Die Zeichen für Veränderungen im Kreditmarkt Schweiz sind unübersehbar und voll im Gang. Die Digitalisierung ist Auslöser und macht dieses Geschäft umsetzbar. Ein weiteres unverkennbares Zeichen ist die Tatsache, dass immer mehr Unternehmen in diesem Bereich (Crowdlending / Peer-to-Peer-Kredite) auftauchen. Kaum ein Anzeichen von geringem Wachstum sowie einem unattraktiven Markt.

Trotz komfortabler Ausgangssituation der Cembra Money Bank, wie Eingangs geschildert, denkt man aktuell nicht über eine solche Investition in der Zukunft nach, so gewinnt man den Eindruck. Natürlich ist der Markt gemessen am Gesamtvolumen noch klein, hat aber deshalb entsprechend grosses Wachstumspotential. Die Frage sollte nicht sein wie gross der Markt heute ist, sondern wie stark er wächst und was aus ihm werden wird.

Zu warten und vorsichtig die Entwicklung beobachten ist eine Möglichkeit. Das kann aber teuer werden.

Entwickelt sich der Crowdlending-Markt weiterhin rasant und etabliert sich tatsächlich als Alternative, so dürfte die spätere Übernahme eines Peer-to-Peer viel teurer werden als heute. Die Frage wen man heute übernehmen soll, ist sicher nicht einfach zu beantworten. Es wird irgendwann zu einer Konsolidierung in der Branche kommen. Einige Player werden wieder verschwinden. So wie man das in vielen anderen Segmenten nach rasantem Wachstum gesehen hat.
Cembra hat aber die finanziellen Mittel, um ein Unternehmen aus diesem Bereich zu kaufen und an der langen Leine laufen zu lassen, damit sich dieses weiterentwickeln sowie etablieren kann.

Man könnte die heutige Finanzkraft (Gewinne, Überschusskapital) nutzen, um Aktionäre eine gewisse Zeit weiter bei Laune zu halten. Sei es via Erhöhung der Dividenden, Kapitalrückzahlungen oder sogar Aktienrückkäufe. Dieser Anreiz oder besser gesagt diese Gefahr, sich auf den Lorbeeren auszuruhen und kurzfristig zu denken, ist vorhanden. Wie es nicht selten bei börsenkotierten Unternehmen der Fall ist. Doch könnte sich das in der Zeiten der Digitalisierung und raschen Veränderungen als fataler Fehler erweisen – provokativ könnte man auch behaupten, dass sich solche Massnahmen als Geldverschwendung entpuppen werden.

Da im Moment noch Vieles in den Kinderschuhen steckt, dürfte das finanzielle Risiko bei einem Engagement im Crowdlending-Bereich für Cembra überschaubar sein.

Auch nach einer tieferen, aber banalen Internet-Recherche, lautet die Empfehlung gleich wie das Ergebnis im Unterricht: Cembra würde sich gut daran tun, sich nach einem Übernahmeobjekt im Bereich Crowdlending umzuschauen. Diese Variante könnte effektiver sein als alles selber von Null aufzubauen. Im Falle einer Übernahme bleibt die Empfehlung bestehen, die Plattform vorläufig eigenständig laufen und gedeihen zu lassen. So wird vermieden, dass bestehende Leute von Cembra (der Old Economy) stark reinreden und behindern. Try and Error. Fehler zu lassen. Etwas Neues versuchen.

Es dürfte weniger riskant sein ein Engagement im Corwdlending-Bereich zu haben als überhaupt keines. Die nicht-zu-ferne Zukunft wird die richtige Antwort liefern. Für zukünftige Studenten der HWZ wird es in drei Jahren spannend sein, diesen Fall aus dem Archiv zu holen um ihn wieder zu besprechen.