Aus dem Unterricht des CAS Multichannel Management mit Frank und Patrik Riklin berichtet Nicole Wicki.
Heute tauchen wir in die Welt der Kunst ein. Wir sind zu Gast bei Riklin Brüdern im Atelier für Sonderaufgaben. Die beiden freischaffenden Künstler haben es sich auf die Fahne geschrieben unabhängige, kompromisslose Kunst zu schaffen. Die beiden haben den Begriff „Artonomy“ geprägt.  Artonomy ist eine Art Verschmelzung zwischen Kunst und Wirtschaft, ohne dass sich die Kunst verbiegt und Kompromisse ein. Der Content ist König und nicht der Kunde. Die Unternehmung nimmt dabei die Rolle des Kurators ein.
Das erste Projekt mit internationaler Medienwirksamkeit war das Null Stern Hotel. Dabei wurde ein leerstehender Bunker in ein Hotel verwandelt. Das Hotel hatte zwar nur Mehrbettzimmer und nur die nötigste Ausstattung, jedoch gehörte der Service eines Butlers dazu. So haben Frank und Patrick nicht nur Luxus neu definiert, sondern auch in das bestehende Sternen-System der Hotelbranche in Frage gestellt. In den nächsten Jahren, wurde das Null Stern Hotel etwas umkonzipiert und das Hotelzimmer direkt in die Natur gestellt.

 

Null Stern Hotel

 

Frank und Patrick stellen uns drei Geschichten vor, die sie in den letzten Jahren realisiert haben:


Story 1 „Fliegen“

Eines Tages stand Dr. Reckhaus, CEO einer Insektenschutzmittel, im Atelier für Sonderaufgaben und wollte eine Vermarktungsidee zu der neusten Fliegenfalle. Nach einer konzeptionellen Phase war die Idee geboren: Statt Insekten zu vernichten, sollen diese in Zukunft gerettet werden. Diese Idee hat nicht nur die Daseinsberechtigung der Unternehmung in Frage gestellt, sondern auch beim CEO einen Charakterwandel ausgelöst. Dr. Reckhaus hat sich der Rettung der Insekten verschrieben und in den letzten Jahren seine Firma von Grund auf umstrukturiert.
In Deppendorf, dem Sitz der Firma, wurden an einem Tag mit den Mitarbeitenden Fliegen gerettet. Eine der geretteten Fliegen hatte sogar die Ehre mit dem Flugzeug in die Wellnessferien zu fliegen. Diese Fliege names Erika ist heute in der Hochschule St. Gallen ausgestellt.

Fliegen retten in Deppendorf

Diese Idee stiess innerhalb der Firma auf immensen Wiederstand. Dr. Reckhaus wurde zum Geächteten der Insektenvernichtungsbranche. Zur Zeit steht der kommerzielle Erfolg der Idee „Fliegen retten“ noch aus. In Kürze wird jedoch ein neues bekämpfungsneutrales Produkt von Dr. Reckhaus im Markt eingeführt. Ausserdem wurde das Label Insect Respect gegründet, mit dem Ziel Produkte zu kennzeichnen, die für eine ausgeglichene Insektenbekämpfung stehen. Die Riklin Brüder arbeiten weiter an einem Dokumentarfilm über den Wandel von Dr. Reckhaus.

 

Story 2 „Tücher“:

Mit der Story „Tücher“ haben Frank und Patrick Ricklin neue Wege im Standortmarketing beschritten. Die Region Ostschweiz soll durch ein jährliches Event das „bignik“ neu belebt werden. Dazu werden seit Jahren alte, rote und weisse Tücher gesammelt und zu Teilen einer riesigen Picknickdecke zusammengenäht. Einmal im Jahr wird diese ständig grösser werdende Picknickdecke ausgerollt und der Bevölkerung für ein Picknick zur Verfügung gestellt.

Bignik

Obwohl sich das Tuch bereits über mehrere Fussballfelder erstreckt, ist das Ziel noch lange nicht erreicht. Eines Tages soll es pro Einwohner der Region ein Tuch geben.  Zur Zeit sind etwa 5% der Fläche abgedeckt. Eines Tages soll sich die Picknickdeck über mehrere Ortschaften erstrecken.

 

 Story 3 „ Motorsäge“ 

Die Firma Glas&Raum hatte mit Telefonaquise bisher eher wenig Erfolg. Frank und Patrick hatten die Idee, den Sales-Verantwortlichen direkt zum Kunden zu bringen. Sie haben also das Büro mit einer Motorsäge ausgesägt, mitsamt dem Mitarbeiter auf ein Fahrzeug gebaut und fahren damit zu den potenziellen Kunden.
Vor Ort wird das fahrbare Büro vor das Fenster der Ansprechsperson gehievt und diese angerufen. Am Telefon wird die Person dazu aufgefordert das Fenster zu öffnen. Die Überraschung ist gross, wenn die Person direkt vor dem Fenster sitzt und man direkt und persönlich ein Gespräch führen kann. Die Firma hat mit dieser Art des Direktmarketing eine Erfolgsquote von 100%.
Unterwegs zu potentiellen Kunden

 

Fazit

Ein Geschichte soll immer nur so viel erzählen, damit es spannend bleibt. So hat der Kunde das Gefühl ein Teil der Geschichte zu sein und kann diese „live“ miterleben. So war die Reise der Fliege Erika von langer Hand geplant, wurde aber immer nur häppchenweise erzählt zu genau dem Zeitpunkt, als die Episode stattgefunden hatte.
Im Marketing soll man keine Angst vor Hindernissen und Ineffizienz haben. Manchmal macht genau dies eine gute Geschichte aus. Die Logistik für das Ausbreiten der fertigen Decke für das Bignik scheint ein Ding der Ummöglichkeit zu sein. Dies jedoch bedeutet für die Riklin Brüder kein Hindernis, sondern eine spannende Herausforderung. Mit einem auf einen Kran montierten Büro von Kunde zu Kunde zu fahren, ist auf den ersten Blick absolut ineffizient und unsinnig. Doch die Erfolgsquote lässt alle Kritiker verstummen.
Lasst uns also nicht von scheinbarer Unmöglichkeit zurück schrecken: Lasst uns bestehende Systeme hinterfragen, Absurditäten aufzeigen und Mut beweisen!