Aus dem Unterricht CAS Digital Masterclass mit Dani Fricker zum Thema Kryptowährungen, berichtet Marie-Françoise Ruesch

Die Themen Blockchain und Kryptowährungen werden global heiss diskutiert. Im nachfolgenden Interview geht der Experte Dani Fricker auf die Entstehung, die Verwendung und die Zukunft von Kryptowährungen ein.

Interview mit Dani Fricker, Experte für Kryptowährungen

Am 3. Januar 2009 erschienen die ersten 50 Bitcoins. Wie haben sich Kryptowährungen seither entwickelt?

Zur Stunde listet https://coinmarketcap.com/ mehr als 1’300 Kryptos mit einer Marktkapitalisierung von rund $350 Milliarden. Wichtigkeit, im Sinne einer Kapitalisierung von > $1 Milliarde, haben ca. 15 Währungen, wobei Bitcoin über 50 % ausmacht. Pro Tag werden heute zwischen 350’000 und 400’000 BTC-Transaktionen ausgeführt.

Aufgrund ihrer Wertsteigerung werden Kryptos nicht mehr nur von Techies wahrgenommen. In unseren Breitengraden wird meist in Kryptos als Spekulationsobjekt investiert. Als Zahlungsmittel sind Kryptos in der Schweiz wohl eher ein Nischenprodukt. Wir sind mit Kreditkarten oder mobilen Zahlungsmöglichkeiten wie Twint, Apple Pay oder Samsung Pay bestens abgedeckt.

In Asien – speziell in Japan und Südkorea – haben sich Kryptos als Zahlungsmittel aufgrund ihrer einfachen Handhabung stark verbreitet. In Ländern wie Venezuela oder Zimbabwe ist der Bitcoin eine funktionierende Parallelwährung, da die lokalen Währungen faktisch kollabiert sind. Immer mehr Staaten interessieren sich aus unterschiedlichen Gründen für eine eigene Kryptowährung als Parallelwährung.

Kryptos entwickeln sich mit einer bemerkenswerten Dynamik. Wir müssen aufpassen, dass wir das nicht nur aus europäischer Sicht betrachten. Weltweit spielen Kryptos – insbesondere Bitcoin – oft eine sehr lokal geprägte Rolle.

Woher kommt das Bedürfnis nach Kryptowährungen?

Bitcoin wurde als anonymes Bezahlsystem im Internet erfunden (Satoshi Nakamoto: Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System http://bitcoin.org/bitcoin.pdf). Genau wie mit Bargeld soll man auch im Internet anonym bezahlen können, also ohne gleich allen mitzuteilen, wofür man sein Geld ausgibt

Wie unterscheiden sich die verschiedenen Kryptowährungen Bitcoin, Ripple und Ethereum?

Die einzelnen Kryptos dienen immer einem spezifischen Zweck:

Bitcoin ist ein anonymes Internet-Zahlungssystem ohne Zwischenparteien

Ripple als Währung ist spezialisiert auf möglichst tiefe Transaktionskosten bei Zahlungen über Ländergrenzen hinweg. Anders als der Bitcoin, bei dem niemand eine kontrollierende Position hat (dezentralisiert), steht hinter dieser Kryptowährung die Firma Ripple, welche direkten Einfluss auf die Entwicklung ihrer Währung ausüben kann https://coinmarketcap.com/

Ethereum bietet die Möglichkeit, eine Transaktion an eine Bedingung zu knüpfen. Zusammen mit dem Ether-Coin wird ein beliebiger Programmcode verschickt, der Bedingungen enthält, die erfüllt werden müssen, damit die Transaktion ausgeführt werden kann. Dies wird zB für Crowdfunding genutzt:

Investoren schicken Ether-Coins an eine Crowdfunding-Plattform, um in ein bestimmtes Projekt zu investieren. Der Ether-Code, auch „Smart Contract“ genannt, wird den investierten Betrag aber erst dann an den Begünstigten weiterleiten, wenn innerhalb einer definierten Frist ein vorher festgelegter Minimalbetrag zusammengekommen ist. Ist dies nicht der Fall, werden automatisch an den jeweiligen Investor zurückgeschickt.

Bei vielen der 1’300 Kryptowährungen ist der Zweck nicht immer genau zu eruieren. Der Verdacht liegt nahe, dass sie als reine Spekulationsvehikel eingesetzt werden. Beim Kauf von Kryptowährungen ist es wichtig, sich genau zu informieren. Der Markt wird schnell unberechenbar und die Sache teuer.

Detaillierte Informationen zu den verschiedenen Kryptowährungen findet man ebenfalls auf der Seite von Cryptocurrency Market Capitalizations (https://coinmarketcap.com/)

Wie werden Kryptowährungen den Handel verändern?

Keine Ahnung. Die Chicago Mercantile Exchange (CME) – die weltweit grösste Börse für Futures und Optionen – wird ab Dezember 2017 Futures auf Bitcoins anbieten. Nach jahrelanger Ignoranz, Ablehnung, und Verteufelung, stehen nun die grossen Finanzinstitute gewissermassen ante portas. CME wird zwar nur Kontrakte auf Bitcoins anbieten, also nicht direkt in die Währung investieren. Trotzdem kann das eine beträchtliche Auswirkung auf die Preisentwicklung des Bitcoin und anderer Kryptowährungen haben. Oder auch nicht.


Was bezahlst Du mit Kryptowährungen?

Software, Hardware, Ausstände bei Freunden für Parkbussen, Bier, Spenden. Was halt geht. Und ich arbeite mit, dass mehr mit Bitcoins bezahlt werden kann: https://www.bitcoinnews.ch/5923/sips-pub-in-zuerich-oerlikon-beer-for-coins/


Wie sicher sind Transaktionen mit Krpytowährungen?

Die Bitcoin-Verschlüsselung scheint noch 10 Jahre sicher zu sein, bevor sie durch Quantencomputer geknackt werden könnte. Ich bin aber ziemlich zuversichtlich, dass vorher die Bitcoin-Community ihrerseits aufgerüstet hat.

Der Bitcoin läuft seit seiner Einführung 2009 stabil und fehlerfrei. Dies im Gegensatz zu anderen, weniger getesteten Kryptos. Momentan stecken Bitcoin Cash Coins im Wert von ca. $500k in den Niederungen des Netzwerkes fest. Aber auch im Bitcoin-Code können zukünftig Fehler auftreten. Da in diesem Fall aufgrund des dezentralisierten Bitcoin-Systems niemand für einen potentiellen Schaden aufzukommen hat, schwingt immer eine gewisse Unsicherheit mit. Davor muss und kann man sich schützen. Eine Anleitung dazu findet man beispielsweise hier: https://news.bitcoin.com/bitcoin-beginners-safeguard-cryptocurrency-holdings/

Die weitaus grössere Gefahr bei Krypto-Transaktionen sind jedoch falsche Handhabung und Angriffe von aussen, wie die Aufstellung der grössten Crypto-Desaster zeigt: https://storeofvalue.github.io/posts/cryptocurrency-hacks-so-far-august-24th/

Ich selber mache Bitcoin-Transaktionen auch von mehreren tausend Franken mittlerweile entspannter, als wenn ich das Geld über eine Bank verschicke. Hätte ich 1 Million zu transferieren, würde ich das mit Bitcoins machen. Aber es braucht ein bisschen Übung und Erfahrung, um das entsprechende Vertrauen aufzubauen.

Die Handhabung der Sicherheit bei Kryptos ist zwar oberstes Gebot, aber nicht einfach in den Griff zu bekommen, da ausser ich selbst niemand für meine Coins verantwortlich ist. Das Beste ist ein Hardware- oder Papierwallet zu haben, welches weit entfernt von jedem Internet-Anschluss aufbewahrt und damit gefeit ist vor Cyberattacken. Da leidet die Bequemlichkeit ein bisschen, aber es schläft sich besser.

Heute stehen wir bei 16 Millionen, die im Umlauf sind. Was passiert, wenn das Limit von 21 Millionen im Jahr 2140 erreicht ist?

Kurzer Blick in die Kristallkugel – keine Ahnung. Falls Bitcoin so lange durchhält, wird sowieso vieles anders sein. Momentan würde ich sagen, dass dann viele Leute Bitcoin benutzen und der Wert eines einzelnen Bitcoins beliebig gegen unendlich strebt, da keine Inflation den Wert eines Coins verwässert. Machen wir’s so: Ähnlich den Leuten vom KOF (Konjunkturforschungsstelle der ETH) und IMF (International Monetary Fund), werde ich diese Aussage einfach alle 3 Monate anpassen, um letztlich sicher recht zu haben.


Die EZB (Europäische Zentralbank) erwägt die Regulierung von Kryptowährungen – was hälst Du davon?

Nicht nur die EZB, so ziemlich jeder Regulator ist hier auf Zack. Na ja, was kann denn reguliert werden? Wenn Werte aus traditionellen Währungen in den Krypto-Raum verschoben werden, also z.B. beim Kauf von Bitcoins, Kauf von Finanzvehikeln (Zertifikate, Futures, ev. zukünftige ETF) oder Investitionen in neue Coins (ICO’s), kann das reguliert werden, weil der Startpunkt der Transaktion üblicherweise bekannt ist – das Bankkonto. Ausser meinen Vorbehalten gegenüber der Ausgestaltung der Regulierung, habe ich damit – nur schon aus Gründen der Fairness bezüglich Steuern und anderen Finanztransaktionen – keine Probleme.

Kommen die Werte aus dem Krypto-Space zB durch Cash Settlement wieder hinaus, ist das aufgrund der Anonymität zwar schwieriger zu erkennen, kann aber grundsätzlich auch reguliert werden.

Ganz anders verhält es sich, wenn die Fränkli mal im Krypto-Netzwerk sind. Hier hat es sich ausreguliert. Hier gelten nur die Regeln des Protokolls der jeweiligen Kryptowährung.

Ich finde es ziemlich nervig, wenn ein Regulator oder sonst jemand den Eindruck zu erwecken versucht, man müsse und könne die Kryptowährungen durch Regulation in den Griff bekommen. Was soll das heissen? Die eigenen Regeln einführen? Welche? Amerikanische? Europäische? Chinesische? Abhängig von Geburtsrecht, politischer Gesinnung oder sexueller Ausrichtung? Das ist ziemlich illusorisch und spiegelt falsche Tatsachen vor.

Was passiert, wenn ein Regulator versucht, das Problem durch Tabula rasa zu lösen, hat kürzlich der Crypto-Ban in China gezeigt. Nach dem Verbot von ICO’s und der Schliessung der Kryptobörsen ist das Geschäft stante pede nach Japan und Südkorea abgeflossen und der Bitcoin-Kurs markant gestiegen. Gut für Bitcoin, weil China im Bitcoin-Netzwerk ein bisschen zu viel Gewicht hatte.

Ich gehe davon aus, dass die chinesischen Börsen in einigen Wochen oder Monaten wieder online sind. Natürlich reguliert – also speziell inklusive Steuern. Das passt, denn Kryptowährungen sind ein Milliardengeschäft und natürlich sind die Gewinne zu versteuern. Wenn Regulatoren aber irgendeine Interpretation eines «good behavior» im Kryptoraum durchsetzen möchten, dann glaube ich, dass sie sich masslos überschätzen, weil wenn überhaupt nur sehr limitiert reguliert werden kann.


Am 22. November fand der erste Blockchain Summit in Zug in der Schweiz statt. Hat die Schweiz eine Chance zum Kryptofinanzplatz in Europa zu werden?

Die machen das schon seit einigen Jahren sehr gut in Zug. Das «Crypto Valley» wird global als wichtiger Influencer wahrgenommen. Die Stadt selber spielt ja auch hervorragend mit. Das Valley konkurriert mit Singapore, London und teilweise auch dem Silicon Valley. Good luck, das sieht nicht schlecht aus!

Wie beurteilst Du die Chancen und Gefahren, wenn Menschen in Entwicklungsländern OHNE Konto Zugriff zu Kryptowährungen bekommen?

Eine meiner Lieblinksfragen, danke dafür.

Ich muss ein bisschen ausholen: Wir sprechen hier von 2 Milliarden Menschen. Eine Packung Zahlen und Diagramme dazu gibt es hier: http://uk.businessinsider.com/the-worlds-unbanked-population-in-6-charts-2017-8

In meiner früheren Tätigkeit als Bank-Berater habe ich das Problem der «unbanked people» in verschiedenen Ländern der Subsahara-Zone direkt erlebt: Viele Menschen können kein Bankkonto eröffnen, weil es im Ort, in dem sie leben, gar keine Bank gibt. Oder sie bekommen aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation – sie sind zu arm – kein Konto. Dies bedeutet, dass sie vom Wohlstandsystem ausgeschlossen sind, also keine Chance haben, ihre Situation zu verbessern.

2008 hat das Telekommunikationsunternehmen Orange mit Orange Money-Diensten für die Elfenbeinküste gestartet. Angeboten wurden einfache Finanzdienstleistungen (cash-in and cash-out, airtime top-up), ohne Bankkonto. Orange übernahm die Aufgaben einer Bank. Das einzige, was für den Zugang zu Orange Money gebraucht wird, ist ein Handy und das gibt es in diesen Ländern im Überfluss.

Orange Money und ähnliche Dienste von anderen Telcos sind in der Subsahara-Zone mittlerweile weit verbreitet und haben damit markant zur Verbesserung der Situation beigetragen. Zugang zu einem Geldsystem ist hier also nicht primär ein Krypto Thema.

Aufgrund seiner meist nur regionalen Abdeckung, ist Orange Money allerdings für grenzüberschreitende Transaktionen weitgehend ungeeignet. Und hier liegt denn auch der Hase im Pfeffer. Sehr viel Geld ($500 Milliarden / Jahr) fliesst in Form von Überweisungen in diese Regionen (Zahlungen von Geldern von ausländischen Arbeitnehmern ins Heimatland). Das kann aber nicht über Orange Money laufen, weil ein afrikanischer oder auch indonesischer Telco zB in Westeuropa nicht vertreten ist.

Ist auf der Empfängerseite auch kein Bankkonto vorhanden, bleibt nur, das Geld über Western Union oder ähnlichem Anbieter ins Heimatland zu senden. Das dauert Tage und die durchschnittliche Transaktionsgebühr liegt bei 20%. Für diese Situation wird das Thema Kryptowährungen interessant:

Eine Bitcoin-Zahlung kennt keine Grenzen. Die nötigen Plattformen für Dienstleistungen wie Überweisungen per Krypto sind bereits vorhanden oder im Aufbau. Und Börsen oder Dienste wie localbitcoin.com sorgen einigermassen für Liquidität. Nicht in allen Ländern, aber in vielen.

Auch Crowdfunding-Plattformen tun gute Dienste, um Projekte in armen Ländern gezielt mit Geld zu versorgen. Daran sind speziell NGO’s sehr interessiert. Ausserdem sind Kryptogelder sofort für den Empfänger verfügbar. Das ist essentiell, wenn beispielsweise bei Naturkatastrophen Geld rasch verfügbar sein muss.

Für mich sind Finanzdienstleistungen für Leute ohne Bankkonto einer der interessantesten Anwendungsbereiche für Kryptos. Sie zielen darauf ab rund 2 Milliarden Menschen beim Eintritt in ein Wohlstandssystem zu unterstützten, was für alle Beteiligten lukrativ ist.

Das Problem dabei ist die Liquidität der Kryptos in diesen Ländern. Wie können die gesendeten Bitcoins so ausbezahlt werden, dass man damit im lokalen Supermarkt einkaufen kann? Es gibt schon Anbieter von Orange Money, welche Bitcoins zur Speisung der Konten akzeptieren. Die Plattform localbitcoins.com listet Bitcoin Traders in über 200 Ländern auf.

Eine Möglichkeit, die ich momentan zB in Zimbabwe nutze. Das Ganze ist noch ziemlich aufwendig und braucht noch viel Aufbauarbeit. Hier versuche ich mein Netzwerk in den lokalen Märkten zu nutzen und auszubauen, um mitzuhelfen, die dringend benötigten Finanzdienstleistungen in diesen Regionen zugänglich zu machen.


Über Dani Fricker

Dani Fricker hat über zwei Jahrzehnte Erfahrung in der IT- und Finanzindustrie. Er hat für schweizerische und internationale Banken in unterschiedlichen Rollen gearbeitet und war bei verschiedenen internationalen Beratern im Bereich Finanzdienstleistungen tätig.

Die letzten Jahre war er für die Softwarefirma Oracle in Europa, Afrika und im Mittleren Osten unterwegs und hat dabei Banken im Bereich des Risikomanagements beraten. Die ersten Bitcoins hat er 2013 gekauft.

Im Juni 2017 hat er Oracle verlassen, um sich auf Kryptowährungen zu fokussieren. Seine Firma Crypto Advisory Group bietet Dienstleistungen in den Bereichen Business Development, Investment Advisory und Education an. Natürlich immer im Kontext von Kryptowährungen.