Aus der Study Tour Silicon Valley des CAS Digital Leadership 17 berichten Christian Lindemann, Philippe Haller und Giuseppe De Carlo.

Unsere Silicon Valley Immersion Tour widmet sich heute den Themen „Innovation in the Public Sector“, „Internet of Things“ und „Smart Factory Logistics“. Nachdem wir die tägliche Ration Koffein zu uns genommen haben, geht es zum Campus der Berkeley University. Berkeley ist nicht nur eine der besten Universitäten in der Welt, sondern auch die Wiege von etlichen Bürgerrechten. Noch heute fokussiert sich die Universität auf ein 360-Grad Stakeholdermanagement, während sich die übrigen US Universitäten viel mehr auf den kapitalistischen Aspekt der Wirtschaftslehre richten. Mit dem kritischen, aufmüpfigen Charakter entspricht das Universitätsprogramm perfekt dem Motto unseres CAS Lehrgangs „DESTROY ORDER!“ 

Innovation in the Public Sector

Wir werden von Molly Turner begrüsst ehemalige Direktorin für Public Policy bei AirB&B und jetzt Dozentin an der Haas Business School and Public Policy Group.

Molly, stellt sich auf dem Standpunkt, dass Technologien, Städte zwar schon immer transformiert haben, aber nicht immer zum besseren. In der Tat, die Öffentliche Verwaltungen stehen vor grossen Herausforderungen wie zum Beispiel die Entwicklung der Infrastruktur, die Anpassung der Regulationen (bei neuen Technologien), die Bekämpfung von Armut und Ungleichheit, der Bedarf an Wohnfläche, der durch einen Bevölkerungszuwachs entsteht etc.. Um diese Herausforderungen zu meistern, wenden Verwaltungen vermehrt selber Technologie an, was zur Innovation in den Städten führt. Unter Urban Innovation versteht man Technologien, die das Leben in der Stadt und die Arbeit der Verwaltung einfacher machen.

Verwaltungen können über mehrere Wege Innovation betreiben:

  • eigene Innovations-Teams aufstellen
  • Revision der Gesetze, um neuartige Unternehmungen zu regulieren
  • das Risiko eingehen und selber Innovation betreiben (siehe Sion und das selbstfahrende Postauto)

Aber auch die Privatwirtschaft erarbeitet Lösungen um Behörden zu helfen. Neighborly, Starcity, Landed, Instacart und Superpublic sind da nur einige Beispiele.

Die Aufforderung von Molly an alle „urban innovators“ ist, die Technologie kritisch zu hinterfragen:

 

Siemens Web of Things Research Center

Siemens steht als nächstes auf dem Programm. Ihr Research Center befindet sich ebenfalls an der Uni. So verbinden wir die Visite mit einem kurzen Rundgang über den Campus.Wendy, Verkehrsingenieurin führt uns in ihren Arbeitsinhalt ein. In ihrer Mobility Division gehört der Umgang mit Big Data zum Handwerk. Im Vergleich zu anderen Wissenschaften sind hier Daten auch relativ einfach zugänglich. Gleichzeitig fühlt man sich –ganz nach dem Leitsatz des Firmengründers – dem erarbeiteten Leistungsausweises verpflichtet: ‘Für kurzfristigen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht.“ (Werner von Siemens). Der Fokus ist klar, hohe Innovationskraft soll auch in Zukunft gesellschaftlichen Mehrwert erzielen. So untersucht der Bereich wie Autos künftig miteinander kommunizieren, um Infrastruktur und Verkehrssignale optimal nutzen zu können.“Technology is there, but implementation lags behind!“ Wendy erwähnt als Hinderungsgrund auch Eintrittsbarrieren der Industrie wie unterschiedliche Standards (to standardise the standards…), mit welchen Siemens häufig zu kämpfen hat. Die Kombination von selbstfahrenden Autos und intelligentem Verkehrsmanagement lässt sowohl Technologien wie auch neue Geschäftsmodelle verschmelzen. Mit gezielten Anreizen zur richtigen Zeit am richtige Ort kann einer Verkehrsstauung schon vor deren Ausbreitung begegnet werden. Beispielsweise können Parkplätze / Konsumationsgutscheine mit zeitlicher Befristung abgegeben werden. Weitere Einsatzgebiete:

  • Ereignisprognose und deren Vermeidung
  • Wettereinfluss auf den Verkehr vermeiden
  • Selbstregelnde Signale
  • Optimierung des Fussgängerflusses

Schliesslich führte uns Markus in die virtuelle Welt der HoloLens mit direkter Anwendungsdemonstration: Die Kombination von Brille und Handbewegung ermöglicht dem User, eine aus einem Programm erstellten Grafik direkt in den Raum zu projizieren. Im Labor-Beispiel nutzten wir die Chance, die Brille selber aufzusetzen und die virtuelle 3D-Welt einer Modell-Eisenbahn zu erkunden und durch Handbewegung zu manipulieren. Semantisches Know-how bildet die Basis für dieses neuartige Ecosystem. Wenn die Technologie einst in der Praxis eingesetzt wird, bietet sie eine riesige Fülle von Anwendungsfeldern. Beispiel: Bevor in einem globalen Unternehmen ein kostspieliger Prototyp (z.B. einer Turbine) gebaut wird, können sich die verschiedenen Forschungsteams des Konzerns auf der ganzen Welt verteilt gleichzeitig über Optimierungsmöglichkeiten austauschen.

Bossard – Smart Factory Logistics

Nach einer weiteren Fahrt im klimatisierten Bus werden wir von Brad Timmermann, Director of Marketing bei Bossard USA, herzlich mit Kaffee und Kuchen empfangen. In seinem Referat stellt Brad die drei Dimensionen an Dienstleistungen vor:

Die erste Dimension fokussiert sich auf den Handel mit Befestigungstechnik und führt insgesamt 800’000 Befestigungslösungen im Sortiment, das von 4’000 Zulieferanten stammt – Bossard selber produziert keine Produkte.

Die zweite Dimension hat zum Ziel, den Haupt-Kostenblock, der bei den Kunden in der Produktion entsteht, zu reduzieren: Sie beraten und schulen die Kunden vor Ort, um den Umgang mit dem Liefersystem von Bossard kennenzulernen und gemeinsam mit dem Kunden dessen Prozesse zu optimieren. Der Kostenanteil des Produkts beträgt in der Befestigungstechnologie nämlich nur gerade 15 %. Die übrigen 85 % der Kosten stammen aus Prozessen: Der Lagerhaltung, dem Bestellungswesen, aus Logistik und Handling sowie aus Entwicklung und Vor-Fertigung.

Mit einem Satz bringt Brad auf den Punkt, wie Bossard ihren weltweiten Kunden echten Mehrwert bietet: «…für unsere Kunden ist immer jene Schraube die teuerste, die bei Bedarf nicht vor Ort ist!». Unter Anwendung digitalisierter Prozesse und Tools, hilft Bossard ihren Kunden, einerseits die Verfügbarkeit der richtigen Produkte, zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Menge sicherzustellen. Andererseits sparen die Kunden bei der Nutzung der perfekt abgestimmten Logistik, indem sie die Prozesskosten auf ein Minimum optimieren können.

Die Kosten des eigentlichen Produktes liegen höher als bei Mitbewerbern – Bossard bezieht aber den gesamten Produktionsprozess des Kunden mit ein, also auch die dritte Dimension, das «Smarte, automatisierte Logistik- und Liefer-System», das direkt beim Kunden installiert wird: Ein Sensor mit integriertem Minibildschirm wird an der Regal-Box angebracht. Die Beschriftung der Box verläuft automatisiert, sodass der Kunde die Box nach ändernden Bedürfnissen in der Produktion unterschiedlich mit Bossard-Produkten (Schrauben, Muttern…) bestücken kann. Neigt sich der Bestand dem Ende zu, so kann der Produktionsmitarbeiter den Bestellprozess einfach über einen Knopf am Sensor veranlassen – die automatisierte Logistik bei Bossard liefert das entsprechende Produkt umgehend aus.

Tesla zählt ebenfalls zu den bekannten Kunden von Bossart – wie es dazu kam: Bossard lieferte Schrauben und Befestigungstechnologien für die ersten Prototypen. Zu diesem Zeitpunkt wollte kaum eine Firma mit Tesla zusammenarbeiten, denn zu gross war das Risiko aus der Zusammenarbeit mit einem nicht etablierten Auto-Produzenten. Bossard ging das Risiko ein und optimierte mit Tesla zusammen die Produktionsprozesse direkt in-House. Der Kontakt und die Zusammenarbeit sind noch heute so wichtig wie herausfordernd zugleich.

Lessons learned:

  • Gehe vorsichtig aber entschlossen voran
  • Sei Experte in den Kernkompetenzen
  • Tausche Dich intensiv mit dem Partner aus
  • Tue was Du sagst (erfülle das Leistungsversprechen)
  • Bleibe agil bezüglich Veränderungen und Anpassungen
  • Nutze Google alerts, um Veränderungen und sich damit anbahnende Bedürfnisse des Kunden umgehend zu erkennen

Nach einer äusserst holprigen Fahrt zurück nach San Francisco schlossen wir den intensiven wie interessanten Tag mit dem Besuch der AR/VR-Veranstaltung am «French Tech Hub», wo verschiedene Startups ihre Geschäftsideen in Pitches zum Besten gaben, ab.