Von der Study Tour des CAS Digital Leadership ins Silicon Valley / San Francisco bloggen Michael Markworth, Marco Canepa und Christian Schweizer:

Am vierten Tag der HWZ Study Tour geht es im Silicon Valley wieder mit einem vollen Programm weiter:

Highlights

    • Superpublic
    • Bossard Design Center

Superpublic

Nach den spannenden Silicon-Insights von Oliver Flückiger ging unsere Reise, generalstabsmässig organisiert, weiter.

Mit den überall in wenigen Minuten verfügbaren ‚Uber‘ verschoben wir uns in den Staat Washington DC. Das Gebäude der Sicherheitsstufe 4, bewacht von Homeland Security, unterliegt nämlich nicht Kalifornischem Recht, sondern ist ein offizielles Bureau of the United States. Nach dem Security Check führte uns ein Vertreter der City Innovate Foundation in ein bisschen in die Jahre gekommenes Meetingzimmer. Was für eine inspirierende Umgebung für ‚open innovation‘ ;-).

federal_office

Gert Christen, COO von City Innovate / SuperPublic, hiess uns herzlich willkommen und schilderte uns die Ziele der City Innovate Foundation und SuperPublic.

Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Problemlösung, welche die Urbanisierung mit sich bringt sowie städtische Innovationen durch ‚open innovation‘ voranzutreiben.

Was bedeutet das konkret? Was ist/macht die City Innovate Foundation:

  • Ein internationales Netzwerk von Städten, welches in den nächsten Jahren weltweit bis auf 100 Städte auszuweiten. Auch Zürich gehört zu den Städten die eine Mitgliedschaft überlegen.
  • Entwickelt technische Lösungen um urbane Probleme zu lösen
  • Managed und betreibt ‚SuperPublic‘
  • Es stehen 90+ on demand experts zur Verfügung

SuperPublic lässt sich als Lab beschreiben, welches sämtliche Interessen und Level der US Administration vereint (Gemeinde, Staat und Bund) und Raum für Kollaboration mit der Privatwirtschaft zur Verfügung stellt und bei der Verknüpfung hilft.

Auch in den USA haben öffentliche Institutionen erkannt, dass der Digitalisierungs-Tsunami unaufhaltsam auf sie zurollt. Speziell in der San Francisco Bay Area ist diese Entwicklung natürlich extrem ausgeprägt. Heute arbeiten mehr als 19’000 Einwohner von San Francisco für eine der Top 10 Tech-Firmen.

Or is it a Blessing?

Ebendiese Firmen stossen hier, im Norden von Kalifornien, auf technologisch fruchtbaren Boden und profitieren von der technologisch aufgeschlossenen Mentalität der Bevölkerung.

Wenn eine Firmen wie Uber oder Google ihre selbstfahrenden Fahrzeuge testen, sind die Leute begeistert und nehmen auch kleinere, durch die Tests entstehende Verkehrsunfälle in Kauf. Aus Fehlern lernt man ja!

uber-car
SuperPublic fokussiert sich natürlich nicht in erster Linie auf die Technologie der autonom fahrenden Fahrzeuge. Das Hauptaugenmerk liegt vielmehr auf dem Gesamtökosystem und wie sich solche Fahrzeuge in eben dieses integrieren lassen. Untenstehende Darstellung vermittelt einen Überblick über die zur Zeit laufenden SuperPublic-Projekte.

Themes & Current Projects

Im Miami Dade County läuft zur Zeit das grösste Projekt. Zehn Personen arbeiten während 12 Monaten in vier Sprints an der Verbesserung beziehungsweise besseren Vernetzung des öffentlichen Verkehrssystems.

  • Sprint 1: Backend Integration
    Wie werden komplementäre Fortbewegungsmittel miteinander verschmolzen. Zum Beispiel das ÖV Verbundticket mit Uber.
  • Sprint 2: Payment Integration
    Die Bezahlung der Transport-Services soll durch den Endverbraucher über eine Instanz erfolgen, ähnlich wie dem uns bekannten ZVV Ticket-System in Zürich.
  • Sprint 3: Autonomous Vehicles
    Der Einsatz von selbstfahrenden Personen-Bussen
  • Sprint 4: Equitable Access
    Der öffentliche Personentransport soll sämtlichen Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden (zum Beispiel: Kinder, betagte, arme, etc.)

Nach erfolgreichem Abschluss dieses Projekt, sollen die erarbeiteten Lösungen auf weitere 10 Städte appliziert werden. Dem öffentlichen Verkehr stehen spannende Zeiten bevor!

Vielen Dank an Gert Christen für die super spannenden Einblicke… und weiter gehts mit der BART (natürlich ein öffentliches Verkehrsmittel), nach Milpitas ins Bossard Design Centre.

Bossard Design Center

890 N. McCarthy Blvd, Milpitas, CA 95035,

Steen Hanssen, CEO Bossard Americas und Brad Timmer, Marketing Manager Americas begrüssen uns im ganz neu eingerichteten neuen Standort von Bossard in Milpitas.

img_7622

Zur Intro gab es den historischen und ökonomischen Footprint:

Bossard wurde als Eisenwarenhandlung in Zug gegründet, ist nun 185 Jahre alt und noch in Familienbesitz und so z.B. nicht prioritär an Quartalsresultaten orientiert. In den USA 18 Locations, die neueste in Canton MA, der US-Umsatz ist rund 250 Mio $. In Asien expandiert Bossard parallel mit seinen europäischen Kunden an neue Produktionsstandorte, aktuell sind es 35 Locations.

img_7625

Bossards Kernkompetenzen und Geschäftsfelder:

  • Produktlösungen für Verbindungen

Dieser Sektor ist aus dem traditionellen Schraubenangebot herausentwickelt:

Kunde bestellt nach Katalog, über verschiedene Kanälen integriert, baut Teile in Komponenten und Produkte ein, bestellt wieder. Bossard bietet über 800’000 Verbindungslösungen an, inklusive des Papierbergs von bis zu 150 Seiten an, um die vor allem in den USA (rechtlichen) Haftungsrisiken zu minimieren.

  • Produktions-Engineering

Bossard versucht bei bestehenden Kunden wie auch bei neuen Anfragen, insbesondere bei Startups, möglichst früh in die Produktentwicklung einbezogen zu werden und so ihr Knowhow für alle Arten von Material-Verbindungen einzubringen. Auf diese Weise können bereits vor der Produktion viel unnötiger Aufwand und damit Kosten reduziert werden. Sehr viele Flops von Produkten geschehen wegen mangelhafter Materialverbindungen.

  • Solutions: Smart Factory Logistics

Bossards neue Königsdisziplin!

Das Smartbin System besteht aus einem herkömmlichen Lagerbehälter für Einzelteile und einer angebauten Sensor- und Kommunikationskomponente. Der Kunde bestellt also nicht mehr selbst und spart dadurch enorm Zeit und Aufwand, vor allem bei unzähligen Lieferanten. Die von Bossard eigens entwickelte Software bietet ausgebaute Schnittstellen zu SAP und anderen ERPs. Nebst den eigenen Artikeln (Verbindungen) bietet Bossard das System nun auch für Drittparteien/Lieferanten an. Durch diesen digitalisierten RealTime-Materialfluss weiss Bossard oft viel genauer über den aktuellen Stand der Produktion (oder Abweichungen davon) Bescheid als der Hersteller selbst. Eine Inventur geschieht so per Knopfdruck auf Einzelteil und –kosten genau und beschäftigt einen Betrieb nicht mehr fünf Tage über Neujahr. Und hier noch dynamisch:

Der Tesla-Case: Steen meets Elon

Situation 2010 bei Tesla: Falsches Inventar, respektive fehlende Schrauben halten die gesamte Produktion auf. Kuriere holen notfallmässig kofferweise Schrauben persönlich in Taiwan ab – ein perfektes Beispiel für die Risiken einer globalisierten Supply Chain und eine Steilvorlage für Bossard, dies zu verbessern. In der Folge überzeugt Steen Hanssen dann Elon Musk, sich aus dem Micromanagement der Verbindungslösungen herauszuhalten und dies Bossard zu überlassen, was ab 2012 geschieht. Andere Lieferanten waren nicht auf Teslas Herausforderung einstiegen, weil das Projekt als zu risikobehaftet erschien.

Tesla ist überdies ein Paradebeispiel für den Application-Engineering-Approach von Bossard: Es bringt für eine Kostenreduktion viel mehr, die Anzahl Schrauben und damit die Anzahl Transaktionen durch gutes Produkt- und Produktionsdesign zu reduzieren als den Preis von Einzelteilen herunterzuhandeln. Wenn Bossard die rund 700 unterschiedlichen Verbindungen in einem Vehikel durch ihr eingebrachtes Knowhow um einige Kilos reduzieren kann, erlaubt dies eine kleinere und damit viel günstigere Batterien für die gleiche Reichweite: Eine gehebelte Kostenreduktion, welche nur durch das kombinierte Knowhow von Hersteller und Lieferant realisiert werden kann.

Seither ist Bossard logistisch stetig mit Tesla mitgewachsen und mit aktuell 10’000 m2 produktionsnahen Lagern mächtig in der Bay Area präsent. Das Knowhow aus dem Tesla-Case kommt mittlerweile auch bei verschiedenen anderen E-motion-Herstellern zum Einsatz und anders herum organisiert Bossard andere Lieferanten in der Tesla-Logistik mit dem Smartbin-System.

Herausforderungen für den Traditionsbetrieb Bossard im Valley:

Der Einstieg in Kooperationen und Aufträge im Valley war trotz bereits bestehender Spitzenprodukten und –dienstleistungen ein Riesenchallenge für Bossard: Anschlussfähig an eine ganz andere Kultur zu werden hiess beispielsweise, in Tagen statt in Monaten zu denken und zu handeln (Teslas Lager musste innerhalb von zwei Wochen ausgelagert werden!). Das neue eröffnete Design Center ermöglicht nun geografisch, menschlich und zeitlich sehr enge Zusammenarbeiten mit vielfältigsten Parteien, von Zweipersonen-Startups bis zu Grosskonzernen wie Cisco.

Wachstum, Kooperationen und Akquisitionen:

Bossards Expansion erfolgt nur unter richtigen Bedingungen, z.B. wo Kooperationen, Wege und Kosten sich deutlich verbessern (Australien, Südafrika), aber nicht um jeden Preis. So wurden Pläne für Russland wieder aufgegeben.

In den USA arbeitet Bossard mit Supply Chain Consultants zusammen, um nun auch weitere, neue Branchen zu erobern.

Bei Akquisitionen wird in der Due Diligence Phase unter anderem auf eine gesunde Core Culture geachtet, die mit einer Swiss DNA kompatibel ist. Nach der Übernahme wird schnell das gesamte alte Management verabschiedet und dann mit genug Zeit (meist rund 2 Jahre) und Bossard-Führung vor Ort ein Andocken an die Bossard-Kultur gefördert.

Be gentle, invite to onboarding and allow them to understand, that change is important„,
Steen Hanssen zu Bossards Akquisitionsapproach.

Eine sehr eindrückliche Präsentation zum smarten Weg einer Schweizer Firma auf dem globalen Parkett, bis in die San Francisco Bay hinein!