Aus dem Unterricht des CAS Digital Leadership mit Dozent Adrian Zwingli berichtet Peter Herger:

In der Schweiz sind wir kulturell darauf getrimmt, Herausforderungen richtig gründlich anzupacken, gleichzeitig ist es in der VUCA*-Welt jedoch genau so wichtig, die richtigen Entscheidungen zu fällen und zwar schnell. Wie wir diese komplexe Herausforderung meistern können, vermittelte uns Adrian Zwingli am HWZ Digital Leader Agile Leadership Day.

* VUCA steht für die englischen Begriffe volatility, uncertainty, comlexity und ambiguity oder auf Deutsch Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit. Eine Welt also, die sich verändert und komplexer wird. In dieser VUCA-Welt können wir, genauso wie früher, nur erahnen, was die Zukunft bringt. Der Unterschied zu früher ist jedoch die exponentielle Entwicklung, die Fortschritt in einer globalen Welt immer schneller macht.

Der Markt ist in Bewegung

Egal in welchem Markt man heute zuhause ist, auf der Zeitachse ist 2019 jeder Markt in Bewegung, was die Planung schwierig macht. Gleichzeitig geht es uns aber so gut, dass der Schmerz der Veränderung grösser ist als der Schmerz des Status Quo. Waren wir die letzten Jahre in der Phase der Massenproduktion und der immer steigenden Effizienz, sind wir nun in einer Phase, in der Flexibilität und Beweglichkeit die dominierenden Fähigkeiten im Arbeitsmarkt sind. Die exponentielle Veränderung der Technologie hat unsere Kultur und unseren Lebensalltag so verändert, dass wir uns an diversen Fronten gleichzeitig entwickeln müssen. Das führt im Arbeitsalltag zu grossen Herausforderungen und zu – von Adrian Zwingli so schön bezeichneten – Switchkosten, die entstehen, wenn wir innert kurzer Zeit zwischen Tasks wechseln müssen, unsere Gedanken neu fokussieren, um auch beim neuen Task erfolgreich zu sein.

Gold Nuggets versus Overhead

Über die Zeit wurde das Angebot von Firmen immer grösser, da es einfach war, ein bestehendes Produkteportfolio zu erweitern und für den Kunden ein All-In-One-Paket anzubieten. Durch diese Erweiterungen stieg jedoch die Komplexität und damit auch der administrative Aufwand. So zitierte Adrian Zwingli eine Studie, wonach die Welt seit 1970 um Faktor 6 komplexer wurde, die Komplexität in Unternehmen jedoch in der gleichen Zeit um Faktor 35 zunahm. Durch das Internet und die globalen Märkte drängen jetzt mehr und mehr neue Anbieter auf die Märkte, die mit einfachen und schlanken Lösungen die lukrativsten Stücke von bestehenden Märkten für sich gewinnen wollen. Diese Gold Nuggets lohnen sich und sind mit einem klaren Fokus auch zu gewinnen, entsprechend weniger bleibt dort für angestammte Unternehmen. Wenn sich nun so ein Markt nur noch über den Preis gewinnen lässt, wird es für Unternehmen mit historisch gewachsenen Strukturen extrem schwierig, rentabel zu bleiben.

Wer den Kunden bedient, sitzt am längsten Hebel

Auch Google, Amazon und Facebook besitzen heute Banklizenzen und werden so direkte Mitbewerber zu den angestammten Banken. Diese Branche ist aktuell sehr spannend , um zu beobachten und zu sehen, wie sich der Markt verändert. Ein Faktor ist dabei nach wie vor das Vertrauen. Die Frage ist, wie lange können sich die etablierten Brands hinter dieser Schutzmauer verstecken und wann wird der Preis und auch die Bequemlichkeit der Anwender überhand gewinnen? Denn der Markt wird letztlich dort entschieden, wo der Kunde ist. Wenn der Kunde also alle Banktransaktionen auf seinem Mobiletelefon macht, sind plötzlich andere Anbieter näher. Wie WhatsApp mit seinen Geld-Transaktionen schon zeigt, braucht es dafür auch keine Bank als Intermediär mehr.

The 4 P’s in Leadership und Kultur

Innovation kostet Geld und dieses Geld wird nach wie vor mit dem klassischen Business verdient. Gleichzeit sollten für die zukünftigen Veränderungen neue Produkte geschaffen werden. Damit diese beiden Herausforderungen unter einen Hut gebracht werden können, braucht es Leader. Es reicht nämlich nicht, nur gute Ideen für Produkte und Services zu haben, sondern es braucht dazu auch die passenden Leute, die passenden Prozesse und eine entsprechende Organisation (Place, Processes, People and Product = 4 P).

Digital Transformation is not about Technology

War früher 10% Wachstum ein erstrebenswertes Ziel, herrscht heute in der globalisierten Welt eine andere Kultur. Die gewohnten 10% konnten mit Effizienz Jahr für Jahr gewonnen werden, man machte mehr vom gleichen, einfach etwas schneller. Heute geht es darum, wie wir zehn Mal besser werden können. Das ist ein ganz anderer Ansatz und verändert die Kultur jeder Organisation. Aber ohne diese DNA ist die Zukunft für jedes Unternehmen schwierig und das geht nicht ohne Veränderung und wer sich nicht die Zeit nimmt, sich um die Zukunft zu kümmern, für den gibt es keine.

Veränderungen müssen kosteneffizient sein

Wurde in der Vergangenheit durch nicht vorhandene Kommunikation viel schneller durch die Involvierten entschieden, werden heute Entscheidungen durch Mails oder Telefon nach oben delegiert. Zum Schluss entscheiden Personen, die viel zu weit weg sind und nicht mehr aufgrund von Fakten entscheiden können. Deshalb müssen sich etablierte Unternehmen neu erfinden:

  • Überflüssige Meeting absagen
  • Ungebrauchte Features entfernen
  • Unnötige Regeln streichen
  • Keine unnötige Arbeit generieren
  • Belanglose Prozesse abkürzen

Leadership beginnt bei dir selber

Damit all diese Veränderungen umgesetzt werden können, braucht es Leader. Und ein Leader muss zuerst sich selber führen können und das ist gleichzeitig die grösste Herausforderung. Nur wenn ich mich selber wahrnehmen kann und meine Emotionen und mein Verhalten im Griff habe, kann ich auch mein Umfeld wahrnehmen und entsprechend führen.

Agil in der Praxis am Beispiel der ZKB IT

Zum Abschluss präsentierte uns David Bänziger von der ZKB, wie er eine einzelne IT Abteilung intern auf agil trimmte. Dabei strich er heraus, wie schwierig dieses Unterfangen gewesen sei; wie wichtig eine konsequente Umsetzung sei und wie Werte, Haltung und Verhalten noch konkreter definiert werden müssten. Es brauche Reflektion und es benötige Commitment sowohl Top-down wie Bottom-up. Da habe sich dann auch gezeigt, dass nicht jede Person für so einen «Systemwechsel» geeignet sei, gerade für Führungskräfte sei so eine Transformation anspruchsvoll.

Das passende Fazit von David Bänziger:

“Der perfekte Moment kommt nie und in einem Jahr wünschten wir uns, wir hätten heute mit der Veränderung gestartet.”