Diesen Gastbeitrag aus dem Digital Society Report schreibt Felix Walker:

Amazon beherrscht nicht nur den Online-Handel, sondern verändert buchstäblich die Welt, in der wir leben. Gründer und CEO Jeff Bezos beschäftigt sich währenddessen mit anderen Hobbys: Die Weltraumfahrt ist nur eines davon. Die Tageszeitung Washington Post ein zweites. Ausserdem plant er, nicht nur online weiter zu wachsen. In Zukunft soll es immer mehr nicht-virtuelle Amazon-Läden geben.

Jeder zweite Besucher kauft etwas

Dass Amazon von vielen Detailhändlern gefürchtet oder gar gehasst wird, hat gute Gründe:  Die Umsätze des Giganten wachsen immer im zweistelligen Bereich (zuweilen um über 40 %, wie zum Beispiel im Jahr 2011). Diese Wachstumsraten sind umso eindrücklicher, als es sich dabei um Umsätze in schwindelerregenden Höhen handelt (zum Beispiel rund 90 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014). Eine amerikanische Studie, die vom Fernsehsender CNBC zum neuen Jahr veröffentlicht wurde, zeigt nun, wie derartige Erfolgsbilanzen zustande kommen. 40 % aller (amerikanischen) Konsumentinnen und Konsumenten begeben sich zuallererst in den Amazon-Onlineshop, wenn sie online einkaufen wollen. Das Erstaunliche ist, dass dann im Durchschnitt jeder zweite Besucher bzw. jede zweite Besucherin einen Kauf tätigt. Das ist eine Konversionsquote von 50 %. Zum Vergleich: Gemäß CNBC geht man im übrigen Onlinehandel von einer durchschnittlichen Konversionsquote von rund 3 % aus.

Trotz dieser Zahlen (oder vielleicht gerade deswegen) geben 10 % der Befragten an, Amazon beim Einkaufen zu meiden. Amazon als Feindbild – das gilt vor allem für die Konkurrenz. Amazon müsse gestoppt werden, verlangte zum Beispiel ein Teilnehmer des IBM-Amazon-Forums im letzten Jahr:

“Amazon ist dabei, den Einzelhandel komplett platt zu machen. Der Konzern hat sich zu einem Ungeheuer entwickelt, der ohne Rücksicht auf Verluste Macht und Umsatz an sich reisst. Das schadet nicht nur dem Handel, sondern auch der Wirtschaft und letztlich uns allen. Es ist Zeit, dem Moloch entgegenzutreten und ihn mit welchen Mitteln auch immer zu stoppen.”

Amazons Zukunft ist (auch) offline

Amazon-Boss Jeff Bezos, inzwischen der viertreichste Mann der Welt,  dürften solche Ausbrüche kalt lassen. Was den Buchhändlern passiere, habe nicht Amazon verschuldet, sondern die Zukunft, hat er einmal gesagt. In einem seiner seltenen Interviews erklärte er kürzlich gegenüber der Süddeutschen Zeitung,  Amazon wolle mehr Läden eröffnen. Damit meint der Amazon-Gründer nicht etwa neue Online-Shops, sondern richtige Läden, in Innenstädten oder Einkaufszentren. Den Anfang hat er bereits gemacht, in Seattle. Auch hier spielt das digitale Amazon die entscheidende Rolle, wie die SZ berichtet:

“Das Verblüffende ist, was Amazons Daten aus dem Geschäft gemacht haben. Sie haben ihn kuratiert. Sterne führen durch die Regale, es sind die Rezensionssterne der Internetkunden. Gleich hinter dem Eingang: Wirtschaftsbücher mit mehr als 4,8 Sternen. Daneben Titel, die öfter als eine halbe Million Mal verkauft wurden. Und – für Weihnachten – Bücher, die am häufigsten auf den Wunschlisten stehen. Hinten bei den Tierbüchern ein unbekanntes Buch namens Dogs Rule Nonchalantly, das kaum einer kennt, aber jeder der vierzig Bewerter mit fünf Sternen bedachte. Vorgestellt werden die Bücher mit Leserkommentaren aus dem Internet – oder mit jenen Textzitaten, die, wie die Daten ergaben, Kindle-Leser am häufigsten markieren. Der Laden ist der Vorbote. Die Grenzen zwischen online und offline lösen sich auf. Die Zeit bricht an, da Händler wie Amazon oder Zalando sich Läden kaufen und in die Innenstädte gehen. Es werden Läden sein, die unser Einkaufen verändern. Genauer wissen wir es noch nicht. ‘Wenn ich meine Kunden gefragt hätte, was sie wollen’, erklärte Henry Ford einmal, ‘hätten sie gesagt: schnellere Pferde…’


Felix Walker ist Journalist, Autor und Übersetzer. In seiner Arbeit, zu der auch der Digital Society Report gehört, befasst er sich vorwiegend mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft. Er lebt in Novia Scotia, Kanada.