Diesen Gastbeitrag aus dem Digital Society Report schreibt Felix Walker:

Im europäischen Online-Handel gibt es ein Dilemma, das viele Händler sehr viel Geld kostet: Kundinnen und Kunden lieben es, auf Rechnung zu bestellen, unter anderem weil ihnen diese Zahlungsweise am wenigsten riskant erscheint. Verkaufen auf Rechnung ist aber ein unsicheres Geschäft; mit Verlusten durch Nichtbezahlung muss immer gerechnet werden. Trotzdem müssen Online-Shops weiterhin Rechnungen verschicken, wenn sie gegen die Konkurrenz bestehen wollen.

Beinahe jeder zweite Online-Shopper zahlt beim Online-Kauf am liebsten per Rechnung, wie eine neue deutsche Studie des ECC-Köln ergab. Die zwar leicht abnehmende, aber immer noch sehr hohe Beliebtheit der Rechnung beim Online-Shopping ist eine typisch mitteleuropäische Gewohnheit: In Nordamerika zum Beispiel ist das Rechnungsstellungsverfahren nicht nur im Zusammenhang mit Online-Shopping gänzlich unbekannt. Wer sich in den USA oder Kanada mit Waren oder Dienstleistungen eindeckt – ob diese nun vom Automechaniker, dem Zahnarzt, dem Klempner oder vom Online-Shop kommen – bezahlt in den allermeisten Fällen cash, mit Check oder per Kreditkarte. Wir kennen keinen einzigen nordamerikanischen Online-Shop, der das Bezahlen per Rechnung akzeptiert. Das hat nicht nur mit Zahlungsmoral, sondern auch mit den Kosten und der Umständlichkeit dieses Bezahlverfahrens zu tun. Vor allem aber stellt der Verkauf per Rechnung für alle Anbieter ein Verlustrisiko dar, wie eine Studie des Inkasso-Anbieters EOS zeigt:

Besonders schlecht ist die Zahlungsmoral im Südosten Europas. In Bulgarien und Rumänien etwa werden gerade einmal 70 % der Rechnungen termingerecht bezahlt. Und auch in Griechenland und der Slowakei bleibt der Wert mit 71 % unterdurchschnittlich. Besser sieht es dagegen in Frankreich und vor allem in Deutschland aus. Während immerhin 80 % der Franzosen zuverlässig zahlen, begleichen hierzulande sogar 83 % fristgerecht ihre Rechnungen.“

Das Diebesgut wird ins Haus geliefert

Im internationalen Vergleich sei der deutsche Wert zwar relativ gut. Betriebswirtschaftlich gesehen sei die Zahl trotzdem alarmierend. Schließlich bedeute sie, dass fast jeder sechste Kunde in Deutschland seine Rechnungen verspätet oder am Ende gar nicht bezahle, sagt EOS-Manager Klaus Egberding zum Thema. Tatsächlich ist das Zahlverfahren per Rechnung auch eine Einladung zum Betrug, die oft und gerne angenommen wird. Zitat aus der “Welt“:

Der moderne Dieb lässt sich sein Diebesgut bequem ins Haus schicken. Er zahlt einfach nicht und ist nachher nicht mehr auffindbar. Oder er behauptet, die Ware sei nicht angekommen, und verlangt sein Geld vom Onlineshop zurück. Die Hemmschwelle ist niedrig […] Prominentestes Opfer in jüngster Zeit ist der Modehändler Zalando. Spektakulärster Fall beim Berliner Handelshaus: Zwischen Juni 2014 und Juni 2015 gingen 962 Bestellungen aus dem Raum Lebach im Saarland ein und wurden auf Rechnung ausgeliefert. 627 davon wurden nie beglichen. Bei einer Rechnungssumme von insgesamt 180.000 Euro blieb Zalando auf 120.000 Euro sitzen – hochwertige Schuhe, edle Kleidung, teure Koffer – alles weg. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken beschuldigt 46 Personen, von denen 41 in der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge wohnten. Auch sie sind zum Teil weg.

Immerhin gibt es auch in Europa Hoffnung für jene Online-Händler, denen die Rechnung gestohlen bleiben könnte: Unter den von Online-Shoppern favorisierten Zahlungsverfahren sei die Rechnung eher umständlich. Sie werde vor allem von sicherheitsaffinen Konsumenten, die nur selten online einkaufen, gewählt. Da Konsumentinnen jedoch immer häufiger online shoppen und dabei zunehmend auf Faktoren wie Schnelligkeit und Bequemlichkeit achten, werde die Rechnung in Zukunft weiter an Relevanz verlieren, prognostiziert man bei ECC-Köln.


Felix Walker ist Journalist, Autor und Übersetzer. In seiner Arbeit, zu der auch der Digital Society Report gehört, befasst er sich vorwiegend mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft. Er lebt in Novia Scotia, Kanada.