Diesen Gastbeitrag aus dem Digital Society Report schreibt Felix Walker:

Politik war nie ein einfaches Business, aber selten war Politik derart lärmig wie heute: 24 Stunden am Tag wird argumentiert, geschrien, gepöbelt und manipuliert. Meistens nicht auf der Strasse, am Arbeitsplatz, im Restaurant oder Zuhause – Gott sei Dank. Dafür im Internet. Die digitale Gesellschaft mit ihren 24-Stunden-Medien und der unendlichen Zahl von Meinungen generiert nach vermeintlich wichtigen Ereignissen eine News-Kakophonie, die zum Ohrensausen führt. Umso wichtiger wäre die Einordnungsfunktion der professionellen Medien, auch was die digitalen Aspekte der Ereignisse betrifft.

Brexit-Abstimmung reloaded?

Dies war auch letzte Woche wieder einmal zu beobachten. Kaum war die Brexit-Abstimmung vorbei, erschallte der Ruf nach einer erneuten Abstimmung. Die Medien nahmen die Forderung dankbar auf; sie wurde weltweit verbreitet, generierte Schlagzeilen, meist digitaler Art, wurde kommentiert und beworben.

“Über drei Millionen Briten fordern ein neues Referendum“, titelte die Schweizer Handelszeitung, die ja eigentlich in einem Land erscheint, wo Abstimmungen mehrmals jährlich stattfinden (und wo ein Ergebnis mit fast 4 % Unterschied zwischen Ja- und Nein-Stimmen als klare demokratische Meinungsäusserung und nicht als “hauchdünnes“ Resultat gilt).

Die Handelszeitung war natürlich nicht allein, und die Schlagzeilen häuften sich fast so schnell wie die Namen auf der Petition:

Nur hinterfragt wurde sie nicht, die Story, die so schön ins Brexit-Tohuwabohu passte – bis dann am Wochenende die britische Zeitung „The Telegraph“ endlich kritische Töne anschlug, als sich herausstellte, dass Zehntausende der in den Schlagzeilen erwähnten “Briten” nicht sehr britisch sind.

Vatikan, Nordkorea und Frankreich mischten mit

Wohl ohne sich auf einen Ast hinaus zu wagen, kann man diejenigen, die Stunden nach einer Abstimmung sofort eine Wiederholung der Abstimmung verlangen, als schlechte Verlierer bezeichnen. Abgesehen davon hätte man von den etablierten Medien auch etwas mehr Skepsis gegenüber der zitierten Petition erwarten dürfen. Fragen, die sich in diesem Zusammenhang geradezu aufdrängen, wären zum Beispiel:

  1. Wer kann digital seine Stimme abgeben?
  2. Wie einfach ist es, eine digitale Petitionsstimme zu fälschen?
  3. Woher kommen die Millionen von Menschen, die sich für ein erneutes Plebiszit aussprechen?

Zumindest die letzte Frage liess sich schon früh klar beantworten. Petitionsstimmen wurden an den erstaunlichsten Orten abgeben: Zehntausende der Stimmen kamen aus dem Vatikan, aus Nordkorea und aus Frankreich.

Auch die erste und die zweite Frage waren (übrigens schon lange vor dem Brexit) relativ einfach zu beantworten. Abstimmen auf Websites ist extrem einfach. Das können nicht nur engagierte Bürgerinnen und Bürger, sondern auch Softwarebots – und zwar gleich tausendfach. Und die Manipulation ist nicht mal besonders schwierig, wie die Hacker von 4chan.org bewiesen haben.

Und jetzt: noch einmal gegen Island!

Immerhin haben die Briten ob all dem Brexit-Tumult ihren Humor noch nicht verloren. Englische Fussballfans gehen davon aus, dass auch sie petitionieren können und verlangen online, dass das Spiel zwischen England und Island so oft wiederholt werde, bis das gewünschte Resultat erzielt sei.


Felix Walker ist Journalist, Autor und Übersetzer. In seiner Arbeit, zu der auch der Digital Society Report gehört, befasst er sich vorwiegend mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft. Er lebt in Novia Scotia, Kanada.