Aus dem Unterricht des CAS Digital Finance berichtet Andrea Ruch:

Mit Core Banking kommt eigentlich jeder Bankmitarbeitende in Berührung. Teilweise geschieht dies unbewusst beim Abrufen von Daten oder Erfassen von Transaktionen, oder auch ganz bewusst wie beispielsweise im Bereich Application Management. Auch im Rechnungswesen einer Bank ist das Thema präsent, dort jedoch meist als grosser Kostenblock, der geführt werden muss. Vorgestellt wurde uns das Thema von Simon Kauth, der als Chief Development Officer bei Finnova ein Experte in diesem Gebiet ist.

Core Banking, definiert

Im ersten Unterrichtsblock ging es darum, den Begriff Core Banking zu definieren und ein gemeinsames Verständnis zu schaffen. Bereits hier wurde klar, dass Core Banking ein weitläufiger Begriff ist und es verschiedene Auffassungen davon gibt.

Gemäss Gartner ist ein Core Banking System ein Datenverarbeitungssystem, welches alle Transaktionen eines Tages abwickelt und danach aktualisierte Kontodaten zur Verfügung stellt. Das System beinhaltet die Führung von Kontokorrent- und Kreditkonten, ermöglicht die Kreditabwicklung und stellt Reporting Tools zur Verfügung.

Gemäss der Seite www.corebankingblog.com wird der Begriff bereits weiter gefasst. Neben der historischen Funktion der Transaktionsabwicklung enthalten neuere Core Banking Systeme auch Elemente wie beispielsweise das Customer Relationship Management, die Produkteverwaltung oder Möglichkeiten für das Content Management und umfassen auch Systeme wie die Schalterapplikation oder das e-Banking.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ein Core Banking System auf die Abwicklung von Transaktionen, die Kontoführung und die Positionsführung ausgerichtet ist. Die Funktionalität des Systems ist für Banken kritisch. Aus diesem Grund muss im Core Banking sichergestellt werden können, dass Transaktionen korrekt ausgeführt werden und die daraus resultierenden Daten konsistent sind. Nur so können die Daten auch als Ausgangsposition für das Reporting beispielsweise im Bereich Risikomanagement verwendet werden. Auch modernere Systeme, welche mit weiteren Applikationen oder bspw. dem Customer Relationship Management angereichert sind, müssen diesen Kriterien entsprechen.

Modelle im Core Banking

Um sicherzustellen, dass alle betroffenen Parteien jeweils vom Gleichen sprechen, kann das Core Banking mit der Hilfe von Modellen vereinfacht und gesamthaft dargestellt werden. Durch die Modellierung wird die Geschäftsarchitektur von der Systemarchitektur getrennt, gezielt betrachtet und zum Schluss zu einem gesamtheitlichen Bild zusammengefasst. Weiter ermöglichen Modelle die Standardisierung von Prozessen oder Funktionen.

Architekturmodell

In der Bankenindustrie gibt es neben den reinen Architekturmodellen noch zwei Industriestandards:

  • Competence Centre Sourcing (CC Sourcing)
  • Banking Industry Architecture Network (BIAN)

Banken haben unterschiedliche Geschäftsmodelle und benötigen somit unterschiedliche Systemlandschaften für die Erbringung ihrer Leistungen. Mit Hilfe der Industriestandards wird versucht, wo möglich Standards zu schaffen und die Anbindung von Applikationen zu vereinfachen. Dadurch sollen die Banken die zu ihren Bedürfnissen passenden Applikationen mit möglichst tiefen Kosten in ihre Systemlandschaft integrieren können. Weiter helfen die Standards bei der Definition der Wertschöpfungstiefe und liefern Anhaltspunkte dazu, wo Sourcing-Lösungen sinnvoll sein können.

Core Banking aus Digital-Finance-Perspektive

Mit der digitalen Transformation der Finanzwelt stehen Banken vor der Herausforderung, ihre bestehende Systeminfrastruktur und die Core-Banking-Systeme an die neuen Anforderungen des Marktes anzupassen. Die nachfolgende Grafik zeigt, wie diese Transformation aussehen könnte:

Core Banking aus Digital Finance Perspektive

Die Grafik zeigt im Bereich „System of Records“ das heutige Core Banking. Dieses System bietet Funktionen für verschiedene Bereiche in der Bank und ist auf Transaktionen ausgerichtet. Weiter findet sich hier die zentrale, konsistente Datensammlung.

Aufgrund der vielen Funktionalitäten ist das Core Banking in der Weiterentwicklung eher träge und birgt viele Abhängigkeiten, denen Rechnung getragen werden muss. Um mit der Entwicklungsgeschwindigkeit von anderen digitalen Lösungen mithalten zu können, werden hier dynamische User Interfaces mit reduzierten Funktionalitäten im „System of Engagement“ gebaut.

Weiter ist die performante Verarbeitung im Core Banking zentral. Damit Analyse oder Simulationen die Systemperformance nicht belasten, werden diese hier in das „System of Insight“ ausgelagert. Damit die Datensysteme mit der gleichen Datenbasis arbeiten können, werden die drei Systemwelten mittels Schnittstellen verbunden.

Um neue, digitale Prozesse zu implementieren, müssen die Banken das Anforderungsmanagement für das Core Banking sowie die Integrationsmöglichkeiten für Umsysteme kennen.

Anforderungsmanagement an Core Banking

Die nachfolgende Grafik zeigt, wie das Anforderungsmanagement aussehen kann.

Anforderungsmanagement Core Banking

In einem ersten Schritt muss eine Idee vorhanden sein und ein Business Case definiert werden. Anschliessend soll definiert werden, welche Anforderungen dazu erfüllt werden müssen. Dabei wird zwischen funktionalen und nicht-funktionalen Anforderungen unterschieden:

Funktionale Anforderungen (was?) Nicht-funktionale Anforderungen (wie?)
Funktionalität

  • Was/welcher Prozess muss im Core Banking gebaut werden?
  • Welche bestehenden Services des Systems sind nötigt?
  • Welche Erweiterungen sind nötig?
Verfügbarkeit

  • Müssen Servicezeiten eingehalten werden?
Datenbezug

  • Welche Daten werden benötigt und in welcher Periodizität?
  • Sind die Daten dynamisch oder statisch und gibt es bereits einen ähnlichen Datenbezug?
Business Continuity

  • Wie lange darf das System max. nicht verfügbar sein?
  • Welcher Datenverlust kann maximal verkraftet werden?
Datenanlieferung

  • Welche Daten liefert ein neues System dem Core Banking zurück und in welcher Periodizität?
  • Ist die Anlieferung konsistent?
Performance

  • Welche Last wird generiert und wie ist diese verteilt?
Betrieb/Unterhalt/Weiterentwicklung

  • Wird durch die neue Funktion Zusatzaufwand im Betrieb der Systeme verursacht und wie kann das System weiterentwickelt werden?
Sicherheit

  • Wer hat Zugriff auf die Daten?
  • Wie wichtig sind die Daten?
  • Müssen diese exportiert werden können?

Sind die Anforderungen einmal definiert, muss geprüft werden, ob diese in die bestehende Architektur passen und die definierten Prinzipien erfüllen. Erst dann kann in der Umsetzung geprüft werden, ob eine Lösung selbst erstellt oder eingekauft werden soll und welche Abhängigkeiten und Veränderungen dadurch entstehen würden. Um eine optimale Lösung zu erreichen, kann dieser Prozess in mehreren iterativen Durchgängen ausgeführt werden.

Integration in das Core-Banking-System

Resultiert aus dem Anforderungsmanagement beispielsweise, dass ein Produkt eines weiteren Anbieters gekauft werden soll, stellt sich die Frage, wie dieses in die bestehende Infrastruktur integriert werden kann.

Dabei muss sichergestellt werden, dass das Core Banking weiterhin stabil läuft, performant verarbeitet und die Daten konsistent bleiben. Deshalb wird das Core Banking durch verschiedene Schichten geschützt:

Wird beispielsweise eine Zahlung aus dem e-Banking angeliefert, werden die Daten beim Eingang zuerst validiert. Mittels zentraler Services können dann beispielsweise die Gebühren für die Zahlung definiert werden. Die Zahlung durchläuft anschliessend verschiedene Prüfungen wie beispielsweise die Kontodeckung oder Prüfungen aus dem Compliance-Bereich. Muss ein Kontoüberzug gewährt werden, wird die Zahlung zwischengespeichert und im Kontoauszug vorerst disponiert, aber nicht definitiv angezeigt. Erst, wenn die Abwicklung vollständig ist, werden die Daten auf dem Datenmodell nachgeführt und der aktuelle Kontoauszug angezeigt.

Für den Datentransfer zwischen zwei Systemen gibt es Schnittstellen oder Vermittlungssysteme, welche Daten in einer bestimmten Struktur (Protokolle der Datenstandards wie SWIFT) austauschen.

Integration Core Banking

Trends für das Core Banking

Die Herausforderungen an das Core Banking sind gross. Mit der Digitalisierung sind einfache, schöne und schnell entwickelbare User Interfaces gefragt. Die Analyse und Verwendung von Daten werden zunehmend wichtiger. Gleichzeitig müssen die heutigen Transaktionen im Bankgeschäft schnell und zuverlässig ausgeführt werden können und die Daten für die Kunden überall und jederzeit aktuell verfügbar sein. CC Sourcing hat für den Weg zu diesem Ziel drei mögliche Hypothesen definiert:

  • Modularisierte Core-Banking-Systeme
  • Öffnung von Core-Banking-Systemen
  • Standardisierung von Core-Banking-Systemen

In der Konsequenz kann davon ausgegangen werden, dass Core-Banking-Systeme zukünftig wieder mehr der engen Definition von Gartner folgen werden und modernere Systeme auf die Kernkompetenz der Transaktionsabwicklung zurückgebaut werden. Je nach Bedürfnis der Bank werden weitere Applikationen mittels Drittsystemen oder einzelnen Modulen angeboten und uninteressante Leistungen möglicherweise ganz weggelassen. Die Modularität des Core Banking wird mit einer grossen Wahrscheinlichkeit zunehmen. Die angebotenen Applikationen werden zukünftig den Kundenbedürfnissen entsprechend entwickelt und wo möglich und finanziell sinnvoll mittels Schnittstelle am Core Banking System angebunden. Um in der Anbindung von Drittsystemen möglichst flexibel zu sein, werden die Core-Banking-Systeme zwangsläufig geöffnet und Schnittstellen standardisiert werden. Nur so wird es auch möglich sein, Schnittstellen möglichst kostengünstig zu realisieren. Für die Zukunft des Core Banking werden somit wahrscheinlich alle drei Hypothesen vereint realisiert werden müssen.