Aus dem Unterricht des CAS Disruptive Technologies mit Daniel Krebser berichtet Silvan Schumacher:

Die Frage, wie viele Meter 30 Schritte betragen, beantworten die meisten Menschen mit Leichtigkeit. Etwas anders sieht es aus, wenn sie gefragt werden, wie weit ein Mensch mit 30 exponentiellen Schritten gehen kann. Die korrekte Antwort, oder zumindest eine gute Schätzung, wäre die Antwort 25 mal rund um den Erdball. Das ist vermutlich für die meisten eine kaum zu lösende Rechenaufgabe. Das menschliche Gehirn ist dafür schlicht und einfach nicht geeignet. Der Umgang mit exponentiellen Rechenaufgaben ist für Menschen etwa die gleich schwierige Aufgabe, wie für Unternehmen der Umgang mit exponentiellem Wachstum.

In der Vergangenheit benötigten traditionelle Unternehmen rund drei Jahrzehnte, um ein milliardenschweres Unternehmen aufzubauen. Das hat sich fundamental verändert. Aktuell beträgt die Dauer für den Aufbau eines solchen Unternehmens im Durchschnitt 18 Monate. Das stellt viele Unternehmungen vor grosse Herausforderungen. Bisherige Paradigmen geraten ins Schwanken. Sich selber zu Potenzieren ist schwierig.

Wie erhalten Unternehmen Hilfe dabei?

Unternehmen müssen nicht alles wissen, sie können Fragen stellen. Denn es gibt viele Menschen, die sie dabei unterstützen wollen und auf Fragen antworten. Die Grundlage für Wachstum sind Innovationen. Dazu braucht es gute Ideen – und diese entstehen oftmals durch die Verknüpfung von mehreren Ideen. Diesen voran gehen Fragen. Fragen an möglichst Viele.

Wisdom of Crowds – weil Viele mehr wissen

Der Ursprung von Schwarmintelligenz geht auf ein Experiment von Francis Galton im Jahr 1906 zurück. Nach einem Gewinnspiel über die Schätzung des Gewichts eines Rindes an einer Nutztiermesse sammelte er sämtliche abgegebenen Schätzungen ein. Daraus berechnete er den Mittelwert. Dieser entsprach exakt dem Gewicht und war damit genauer als die Schätzung des Gewinners. Damit wird aufgezeigt, dass bei einer klaren Aufgabenstellung, einer möglichst breiten Community sowie der Möglichkeit zur Aggregation der Ergebnisse, überdurchschnittlich gute Aussagen auf eine bestimmte Frage getroffen werden können.

Ein ebenso bekanntes Beispiel für die Weisheit von Vielen kann anhand der TV-Quizshow “Wer wird Millionär” aufgezeigt werden. Wie eine Auswertung beweist, beträgt die Erfolgsquote beim Bezug des Telefonjokers im Durchschnitt 61 Prozent. Das ist zwar besser als der 50:50-Joker, aber deutlich schlechter als der Publikum-Joker. Die Erfolgsquote hierbei liegt bei 90 Prozent.

Crowdsourcing – die Weisheit der Vielen nutzen

Die Weisheit der Vielen zu nutzen ist heute weit verbreitet. Die wohl gängigste und allen Verkehrsteilnehmenden bekannte Form von Crowdsourcing dürften Staumeldungen sein. Die Angabe von Verkehrsbehinderungen über das Radio ist nur möglich, weil einzelne betroffene Autofahrerinnen und Autofahrer die Meldung überhaupt weitergegeben haben.

Das Besondere an Crowdsourcing liegt darin, dass kein 1:1 Verhältnis, sondern ein 1:n Verhältnis besteht. Der Radiosender im obigen Beispiel weiss also nicht, ob und wer allenfalls Verkehrsmeldungen angeben wird.

Der Anwendung von Crowdsourcing sind beinahe keine Grenzen gesetzt. Beispiele dafür gibt es für Geld (Funding, Invest), Wissen (Ideen, Design) oder auch Arbeit. Ebenso vielfältig mögen die Gründe sein, weshalb Menschen sich daran beteiligen. Es geht darum, etwas Sinnvolles zu tun, Spass zu haben, einen Status zu erreichen oder teilweise auch um monetäre Anreize.

Wichtig scheint hierbei der Aspekt der Zusammensetzung der “Vielen”. Bei Fragestellungen aus Unternehmenssicht kann eine sinnvolle Community aus Kunden, Konsumenten, Mitarbeitenden, Lieferanten, Partnerunternehmen, Experten oder auch Konkurrenten bestehen.

Open Innovation – das Wissen verknüpfen

Wie Eingangs beschrieben, stehen Unternehmen einem zunehmenden Innovationsdruck gegenüber. Was hat nun aber Crowdsourcing mit Innovationen zu tun? Wenn es darum geht, eine Problemlösung zu erstellen, können so auf einfache Art Experten hinzugezogen werden. Die Einsatzgebiete sind vielfältig: Probleme verstehen, Prototypen validieren oder einfach Inspiration einholen. So kann Crowdsourcing dazu dienen, im Bereich HR & Employer Branding den Arbeitsmarkt zu screenen, im Marketing & Market Research dazu, Feedback einzuholen oder für Communication & PR schlichtweg dafür, die eigene Unternehmung entsprechend zu positionieren.

Walk the talk – wenn, dann richtig

Im Umgang mit Crowdsourcing ist aber auch Vorsicht geboten. Die Wirkung auf Medien kann sowohl positiv wie auch negativ sein. Im schlimmsten Fall sind gar Reputationsschäden möglich. Wird das Vorhaben schlecht aufgegleist, kann dies verheerende Folgen haben. Es kann sein, dass die Ergebnisse nicht zur Unternehmensstrategie passen oder auf andere Weise unpassend wirken. Dennoch – sofern das Ergebnis nicht rechtswidrig ist – sollten die Aussagen und Erkenntnisse aus dem Crowdsourcing unbedingt weitergetragen werden. Walk the talk.