Aus dem Unterricht des CAS Disruptive Technologies mit Adrian Gerber berichtet Serguei Walentchouk:

The Wisdom of Crowds

Bereits im Jahre 1906 erkannte der britische Naturforscher Sir Francis Galton die Intelligenz der Masse. Bei einem Ochsen-Gewicht-Schätz-Wettbewerb der jährliche westenglischen Nutztiermesse, nahmen insgesamt 787 Personen, sowohl Unbedarfte als auch einige Experten, teil und gaben einen Tipp ab. Dabei entschloss sich Galton zu einem Experiment: Er wertete die fast 800 Schätzungen statistisch aus. Der Mittelwert aller Schätzungen (1207 Pfund) kam dem tatsächlichen Gewicht des Ochsen (1198 Pfund) erstaunlich nahe (Abweichung von 0,8 Prozent). Daher nannte er diese Erkenntnis „Stimme des Volkes“.

James Surowiecki verfasste 2004 das Buch „The Wisdom of Crowds“ (deutsche Fassung “Weisheit der Vielen”) wonach folgende Punkte zentral für eine erfolgreiche Anwendung sind:

  • Die Frage muss klar formuliert sein, ohne Interpretationsspielraum
  • Die Community muss eine hohe Diversität aufweisen
  • Optimale Aggregation durch einheitliche Informationen

Crowdsourcing

Heute nutzt man diese Erkenntnis für Crowdsourcing (von englisch crowd für ‚(Menschen-)Menge‘, und sourcing für ‚Beschaffung‘). Es bezeichnet die Auslagerung traditionell interner Teilaufgaben an eine Gruppe freiwilliger User, z. B. über das Internet oder auch offline. Diese Bezeichnung ist an den Begriff Outsourcing angelehnt, die Auslagerung von Unternehmensaufgaben und -strukturen an Drittunternehmen. Wobei bei Crowdsourcing keine dedizierte Gruppe damit beauftragt wird.

Diese Definition entstammt teilweise dem Online-Lexikon Wikipedia, das selbst zugleich eines der bekanntesten Beispiele für Crowdsourcing darstellt. Internetnutzer schreiben, bearbeiten, erweitern und verbessern die Artikel selbst, sie übernehmen die Aufgaben von Autoren und Redakteuren.

Ein anderes Beispiel, welches uns allgegenwärtig erscheint, sind Staumeldungen im Radio oder per App. Die Verkehrsteilnehmer teilen ihre Informationen mit einer Plattform, welche zugleich die anderen Teilnehmer weiter informiert. Durch die eigene Teilnahme profitiert also jeder Involvierte von aktuellen Informationen.

Open Innovation

Die exponentielle Entwicklung der Technologien und die daraus entstehende Informationsflut, kann der Mensch nur in einem begrenzten Rahmen verarbeiten. Um seinen Horizont für Innovationen oder Kundenbedürfnissen zu erweitern, muss daher Wissen von aussen einfliessen. Crowdsourcing ist ein effektives Werkzeug für Open Innovation.

Open Innovation heisst, Ideen werden von verschiedenen Personen weiterverfolgt und optimiert/aufgebaut. Wissen wird interdisziplinär von aussen geholt und auf das Problem angewendet. Das Projekt ist nicht für alle Wissenslieferanten einsehbar, jedoch profitieren sie vom Ergebnis. Closed Innovation hingegen heisst, eine dedizierte Gruppe arbeitet an einem Projekt ohne Hilfe von aussen.

Open vs. Closed Innovation

Es ist erwiesen, dass richtig eingesetztes Open Innovation Zeit- und Kostenersparnisse bietet, gegenüber dem Standard-Innovationsprozess. Dessen Anwendung schreitet jedoch etwas träge voran, da viele Unternehmen (vor allem die alt eingesessenen) die Transformation ihrer Innovationsstrategie nicht riskieren wollen. Sie sind zu voreingenommen und wollen nicht aus ihrer Blase ausbrechen, um die heute erfolgsrelevanten Kundenbedürfnisse wahrnehmen zu können.

Ein Beispiel für erfolgreiches Open Innovation ist ein Projekt von Mammut in Zusammenarbeit mit Atizo360 in dem ein neuer Lawinenairback entwickelt wurde. Der Standardprozess hätte 1-2 Jahre und ca 1.6 Mio CHF gekostet. Dazu hätte man auch neue Angestellte akquirieren müssen.

Mit dem Open Innovation Ansatz hat man Produktanwender “Crowds” mit technischem know how nach deren Ideen gefragt. Die ca. 600 Bewerbungen anschliessend nach den spannendsten Ansätzen auf 30 herunter gebrochen und auf einer virtuellen Entwicklungsplattform weiter verfolgt. Mammut Ingenieure haben daraus 5 praktikable Projekte gefiltert und dessen Innovatoren zu sich eingeladen. Die Entwicklung für das Endprodukt hat schlussendlich 3 Monate gedauert und weniger als 50’000 CHF gekostet.

Innovationssoftware

Solche Prozesse können heute auch mit sogenannter Innovationssoftware teilautomatisiert werden. Dabei werden Ideen gesammelt und strategischen Innovatiosfeldern zugewiesen. Kampagnen in den Innovatiosfeldern fangen diese Ideen auf und verdichten sie. Daraus entstehen Konzepte die weiter konkretisiert werden.

Innovationssoftware

Teilnehmer im Crowdsourcing-Prozess

Absender ist ein Mitarbeiter im Unternehmen. Meistens aus dem Corporate&Development, der Forschung&Entwicklungs-Abteilung oder dem Marketing. Teilnehmen sollten möglichst viele verschiedene Menschen sein:

• Kunden/Konsumenten/Produktverwender
• Mitarbeiter
• Lieferanten
• Partnerunternehmen
• Experten (Universitäten, Fachhochschule, etc.)
• Konkurrenten

Der Ideengeber sollte beim Projekt mitarbeiten können. Die Idee läuft sonst Gefahr, vom Projektteam nicht richtig umgesetzt zu werden resp. deren Ziel wird verfehlt. Ausserdem steigert man so die Motivation der Mitarbeiter neue Ideen zu liefern.

Was man auf keinen Fall machen sollte

Lässt man der Menge zu viel Spielraum, wie z.B. Design und Voting, führt dies zu absurden Produkten. In diesem Fall sollte der Schaden mit Humor betrachtet werden und um die Kundentreue nicht zu riskieren eine Sonder-Charge produziert werden. Ignoriert man diesen Entscheid und somit die Kunden, wird es nur noch schlimmer. Klare Vorgaben zum gesuchten Thema sind das A&O, ausserdem sollte vor oder nach dem Kundeninput eine Selektion von intern durchgeführt werden.