Folgender Blogbeitrag wurde von Sarah Hefti im Rahmen eines Leistungsnachweises des CAS Digital Ethics verfasst und enthält subjektive Färbungen. Bewertet wurde der Beitrag von Studiengangsleiterin Cornelia Diethelm und redigiert von der Redaktion des Institute for Digital Business.

Digitale Produkte wie Apps und Webseiten begleiten uns von den ersten Minuten des Tages bis kurz vor dem Schlafengehen. Wir versprechen uns von ihnen Information, soziale Vernetzung, Musik oder eine Übersicht anfallender Aufgaben.

Was ist UX Writing?

Apps und Webseiten bestehen aus einer Vielzahl verschiedener Bestandteile. Diese Komponenten sind einerseits visuell ausgestaltet, andererseits benötigen sie Text – viel Text. User Experience (UX) Writing beinhaltet das Benennen und Formulieren der einzelnen Textelemente innerhalb der Benutzer:innenschnittstelle (Interface). Dazu gehören zum Beispiel Buttons, Erfolgsmeldungen und Notifikationen. Eine kurze, einprägsame Auflistung zu UX Writing findet sich bei Adobe. Gutes UX Writing fällt nicht auf, mangelhaftes bis fehlendes hingegen schon.


Wenn der Text ungewollt in den Fokus rückt. Quelle: Twitter

Wann wird UX Writing dark?

Visuelle und sprachliche Elemente leiten und unterstützen uns während der Nutzung. Dieselben Elemente können uns aber auch manipulieren. Wir führen Handlungen aus, die möglicherweise nicht unseren Absichten entsprechen – getriggert durch gezielt ausgewählte Wörter im Interface. Dark UX Writing ist die Praktik, die hinter diesem manipulativen Einsatz von Sprache steht.

Andrea Drugay, Group Manager Copy bei Slack, liefert die passende Definition: «When the words in your product frustrate, shame, or manipulate people into taking actions they wouldn’t otherwise have taken». Es gibt zahlreiche Beispiele für Dark Patterns, in denen Wörter missbräuchlich eingesetzt werden. Es folgen drei davon. Als Nutzer:innen ist es wichtig, sie zu (er)kennen, um sich weniger beeinflussen zu lassen.

Verlust-Frame

Wie erkenne ich den Verlust-Frame? Die gewählte Formulierung suggeriert, dass wir gerade im Begriff sind, eine grosse Chance zu verpassen.

Warum funktioniert der Verlust-Frame? Die Forschung aus der Sozialpsychologie und Verhaltensökonomie zeigt, dass in der menschlichen Wahrnehmung Gewinne nur halb so schwer wiegen wie Verluste (etwa in der Prospect Theory von Kahnemann & Tversky). Der Verlust-Frame drängt uns zu einer Entscheidung. Ohne den befürchteten Verlust würde unsere Wahl womöglich anders ausfallen. Das Dark Pattern tangiert aus ethischer Perspektive unser Recht auf Selbstbestimmung. Wir können ausserdem nicht transparent nachvollziehen und überprüfen, ob der behauptete Verlust durch reale Umstände begründet ist.

Wo finde ich den Verlust-Frame? Das Paradebeispiel sind Buchungsplattformen. Durch den Einsatz von Sätzen wie «Nur noch 1 Zimmer verfügbar» stellen sie ständig einen möglichen Verlust in Aussicht.

Screenshot der Buchungsplattform booking.comDie Verfügbarkeitsangaben suggerieren einen baldigen Verlust, sollte nicht sofort entschieden werden. Quelle: booking.com

Manipulinks

Wie erkenne ich Manipulinks? Manipulinks sind Links, die uns manipulieren. Sie kommen zum Zuge, wenn wir uns anders verhalten, als es sich die App- oder Webseitenanbieter:innen wünschen.

Warum funktionieren Manipulinks? Wir möchten uns gut fühlen, das ist ein urmenschliches Bedürfnis. Das gilt auch bei der Nutzung von Webseiten und Apps. Manipulinks funktionieren, weil sie bei uns ein schlechtes Gewissen hervorrufen. Sie stellen unser Denken und Handeln in Frage, wir fühlen uns attackiert und missverstanden. In der Folge wollen wir das Gegenteil beweisen. Also klicken wir auf den Link und stimmen womöglich etwas zu, das nicht unserer Absicht entspricht. In diesem Zusammenhang wird auch von «Confirmshaming» gesprochen. Aus ethischer Sicht untergräbt dieses Dark Pattern unsere Integrität.

Wo finde ich Manipulinks? Manipulinks finden wir meistens dann vor, wenn Anbieter:innen bestimmte Ziele erreichen wollen. Sprich, dass wir uns für einen Newsletter anmelden, eine App herunterladen oder ihre Berater:innen anrufen. Eine Zusammenstellung von Manipulinks findet sich hier.

Screenshot einer Webseite
Wenn wir durch Unterlassen einer Handlung in Verlegenheit gebracht werden. Quelle: confirmshaming.tumblr.com

Nagging 

Wie erkenne ich Nagging? Uns Nutzer:innen werden via Pop-ups so lange Handlungsempfehlungen gemacht, bis wir sie annehmen.

Warum funktioniert Nagging? Nur genügend lang nörgeln, dann geben die Nutzer:innen nach. Unter diesem Motto steht Nagging. In der Regel erhalten wir keine Möglichkeit, eine Empfehlung abzulehnen. Entweder, weil die technische Option dazu fehlt oder weil wir den Dienst ohne die entsprechende Handlung gar nicht (mehr) nutzen können. Von Freiheit und Fairness kann keine Rede sein. Je nachdem mit welchen Empfehlungen wir «genagged» werden, wird auch unsere Privatsphäre verletzt.

Wo finde ich Nagging? Nagging kommt zum Einsatz, um uns stärker an eine App oder Webseite zu binden. Die Social-Media-Plattform Instagram erinnerte früher bei jedem Aufrufen der App daran, Push-Mitteilungen zuzulassen. Eine Option zur Deaktivierung dieser Erinnerungsmitteilung gab es nicht. Auch Google fragt immer wieder nach, sollten wir dem Teilen von Daten in Bezug auf unsere Suchanfragen nicht schon zugestimmt haben.

(Selbst-)Verantwortung übernehmen

UX Writer:innen bewegen sich zwischen dem, was Anwender:innen von Apps und Webseiten brauchen und dem, was Auftraggeber:innen wirtschaftlich erreichen wollen. Dark Patterns und Dark UX Writing zu unterlassen, funktioniert nicht so einfach.

Als Nutzer:innen sind wir Dark UX Writing jedoch nicht hilflos ausgesetzt. Dies dank der eigenen Sensibilisierung gegenüber der potenziellen Macht von Wörtern und dem Bewusstmachen unserer Rechte im digitalen Raum. Wir haben ein Anrecht darauf, dass Werte wie Freiheit, Integrität und Transparenz respektiert werden. Wir entscheiden selbstbestimmt, ob wir ein Angebot annehmen oder ablehnen. Egal, was uns ein Pop-up dazu sagt.

Gesetzlich reguliert oder gar verboten sind Dark Patterns in der Schweiz übrigens (noch) nicht. In welche Richtung es gehen könnte, zeigt Kalifornien. Der California Consumer Privacy Act beinhaltet seit März 2021 das Verbot von Dark Patterns.