Von der Studienreise in Tallinn des CAS Digital Masterclass berichtet Marc Brändli.

Es gibt wenige Länder, in denen die Rahmenbedingungen für Tech-Startups so gut sind, wie in Estland. Das Internettelefonie-Unternehmen Skype spielt dabei eine ganz zentrale Rolle.

Skype wurde 2003 von den beiden skandinavischen Unternehmern Niklas Zennström und Janus Friis gegründet. Die Software dazu wurde jedoch von den drei Esten Ahti Heinla, Priit Kasesalu und Jaan Tallinn entwickelt. Sie werden in ihrer Heimat als Volkshelden verehrt – und sind Vorbild im Speziellen für die wachsende Start-up-Szene im kleinen Land im Nordosten Europas. Bereits im September 2005 wurde Skype von eBay für 3,1 Milliarden US-Dollar gekauft und machte damit die drei Esten und die zwei anderen Gründer zu Multimilionären. Heute gehört Skype zu Microsoft. 2011 hat der Deal für grosses Aufsehen gesorgt. Mit einem Kaufpreis von 8,5 Milliarden US-Dollar war es bis dahin die teuerste Übernahme in der Geschichte von Microsoft. Der Jahresumsatz von Skype war zu diesem Zeitpunkt etwa um das zehnfache kleiner als der erzielte Kaufpreis.

Diese Erfolgsstory hat das Startup-Ökosystem in Estland entscheidend und sehr positiv beeinflusst.

Mehr Selbstvertrauen für ein ganzes Land

Seit dem Erfolg von Skype wissen alle, dass im estnischen Tallinn die Software entwickelt werden konnte, die die Art und Weise, wie wir heute kommunizieren, verändert hat. Das hat eine enorm inspirierende Wirkung für die nationale Gründerszene. Viele neue Gründer träumen von einer ähnlichen Erfolgsgeschichte. Es hat sich auch auf das Selbstbewusstsein der ganzen Nation ausgewirkt und junge Leute dazu motiviert, eine Karriere im IT-Sektor einzuschlagen.

Gemäss Angaben der staatlichen Agentur «Startup Estonia» gab es in der Ostseerepublik 2017 gut 500 Start-ups. Sie beschäftigen insgesamt fast 3000 Mitarbeitende und haben 2017 mehr als 37 Millionen Euro an Beschäftigungsabgaben in den estnischen Staatshaushalt fliessen lassen. Die vier Unternehmen TransferWise, Taxify, Pipedrive und Starship alleine beschäftigen in Estland etwas mehr als 1000 Mitarbeitende. Häufig verlegen erfolgreiche Startups ihren Hauptsitz ins Ausland, sobald sie eine Phase erreichen in der es um Wachstum und Skalierung geht. Auch weil die grösseren Geldbeträge von ausländischen Investoren kommen. In den meisten Fällen bleibt jedoch der grösste Teil der Entwicklung in Estland. Zurzeit besteht sogar ein Mangel an qualifiziertem Tech-Personal. Darum unternimmt der Staat einiges, damit Startups relativ einfach Fachleute aus dem Ausland einstellen können.

Mehr Zahlen und Fakten über die Estnische Startup-Szene findet man im Blog Beitrag „How Estonian startups rocked Estonia and the whole world in 2017“ von «Startup Estonia».

Die „Skype-Mafia“

Estland ist flächenmässig etwa so gross wie die Schweiz, hat aber nur 1,3 Millionen Einwohner. Diese überschaubare Zahl hat den Vorteil, dass in der nationalen Tech-Szene jeder jeden kennt. So ist über die Jahre ein enorm starkes Netzwerk entstanden. Die drei Skype Mitgründer und ehemalige, frühe Mitarbeitende haben einen sehr grossen Anteil an der gut vernetzten Community. Sie haben das erwirtschaftete Kapital wieder in neue, eigene Startups investiert und sind mit ihrem Know-How anderen Gründern mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Auf Grund der Art und Weise, wie diese estnische Community funktioniert, wird auch oft von der «Skype-Mafia» oder «Estonian Mafia» gesprochen. Es gibt sogar eine Webseite über die Startups mit Skype-Background.

Auch die vier zurzeit wohl grössten und erfolgreichsten Startups aus Estland haben alle einen Skype-Bezug.

TransferWise

TransferWise ist ein peer-to-peer Online-Geldtransfer-Service für Fremdwährungen.

Finanzierung: $396.4m
Mitarbeiter in Estland: 486
Gründungsjahr: 2011
Skype Bezug: Mitgründer Taavet Hinrikus war der erste Mitarbeiter von Skype. 2008 hat Hinrikus, nach sechs Jahren, Skype verlassen.

Taxify

Taxify ist eine mobile App, die ziemlich genau das gleiche bietet wie Uber und MyTaxi.

Finanzierung: $177.3m
Mitarbeiter in Estland: 174
Gründungsjahr: 2013
Skype Bezug: Martin Villig, einer der Gründer von Taxify, ist zu Skype gestossen, als sie sich für ihre grosse Wachstumsphase vorbereiteten. Seit 2014 ist der frühere Skype Mitarbeiter Rain Johnson bei Taxify als Head of Engineering dabei.

Pipedrive

Pipedrive ist ein webbasiertes Sales CRM.

Finanzierung: $81.3m
Mitarbeiter in Estland: 267
Gründungsjahr: 2010
Skype Bezug: Ott Kaukver, Martin Tajur und Andrus Purde haben in unterschiedlichen Positionen bei Skype gearbeitet. Martin Tajur hat Pipedrive 2010 mitgegründet, Ott ist ein wichtiger Berater und Andrus ist Head of Marketing.

Starship

Starship Technologies bauen ein Netzwerk von Robotern, um die lokale Lieferung von Waren zu revolutionieren.

Finanzierung: $42.2m
Mitarbeiter in Estland: 110
Gründungsjahr: 2014
Skype Bezug: Die Starship Gründer Ahti Heila und Janus Friis waren beide Co-Gründer von Skype.

Weitere Tech-Startups von Gründern mit Skype-Vergangenheit sind auf der Webseite skypemafia.com zu finden.