Diesen Gastbeitrag aus dem Digital Society Report schreibt Felix Walker:

Die Herstellung von Produkten im fernen Asien ist nicht mehr, was sie einmal war: Die Preise sind gestiegen, Zölle und Zollformalitäten erschweren den Import der Waren, und die Bevölkerung glaubt nicht mehr uneingeschränkt an die Vorteile des globalen Handels – wie der Streit um TTIP, das Transatlantische Handelsabkommen, beweist. Zum Glück gibt es die digitale Transformation. Diese macht es möglich, Produkte wieder vor Ort herzustellen, effizient und in hoher Qualität. Der Markengigant Adidas will es vormachen.

Kleiner, lokaler, agiler

Speedfactory heisst das Konzept, das Adidas dieser Tage in Franken in Deutschland vorstellte. In diesen Fabriken sollen Sportartikel schneller als je zuvor hergestellt werden. Und zwar genau dort, wo diese Artikel gebraucht werden und verkauft werden können. In der Speedfactory kommt intelligente Robotertechnologie zum Einsatz, mit der Qualitätsprodukte  gefertigt werden können; auch individuelle Schuhdesigns sind möglich. Die ersten 500 Paar Laufschuhe, die so hergestellt werden, will Adidas in der ersten Jahreshälfte 2016  präsentieren. Die kommerzielle Serienproduktion soll in naher Zukunft starten. Das Ziel: “flexibel, lokal und auf kleinstem Raum zu produzieren.“

Zeit und Transportwege sparen

Das Konzept besticht durch verschiedene Vorteile. Die hochentwickelten Industriegesellschaften haben die Ressourcen, derartige High-Tech-Kleinfabriken aufzustellen. Dies schafft wirtschaftliche Aktivität vor Ort, mit qualifizierten (allerdings verhältnismässig wenigen) Arbeitsplätzen. Auch auf die Umwelt könnte sich die Herstellung in lokalen Kleinfabriken durchaus positiv auswirken, da lange Transportwege entfallen. Heute braucht ein Schuh rund drei Monate, von der Bestellung bis zur Lieferung in Europa. Die Herstellung eines Schuhs in der neuen Fabrik dauert knapp fünf Stunden:

Wie eine Turnschuhfabrik sieht die Halle im mittelfränkischen Ansbach nicht aus, sondern eher wie eine Produktionsanlage für Computerchips: Die Wände sind schneeweiß, es gibt keine ratternden Nähmaschinen, nur eine Handvoll Mitarbeiter arbeitet an den Apparaten, ein Roboterwagen fährt zwischen zwei Maschinen hin und her und transportiert zugeschnittene Stoffe […] Doch in nur etwa fünf Stunden entsteht hier aus Garn, vier verschiedenen Kunststoffkügelchen und einem Paar Schnürsenkel ein Adidas-Laufschuh. In der Halle in Ansbach arbeiten gleich ein halbes Dutzend Maschinen zusammen, um die Schuhe zu produzieren. Eine Strickmaschine stellt zunächst den Stoff für die Oberfläche der Sneaker her, eine weitere schneidet ihn mit einem Laser zu. Auf der anderen Seite der Halle wird derweil aus Kunststoffteilen die Sohle gespritzt und zusammengesetzt. Auch Sohlen aus dem 3D-Drucker sollen künftig möglich sein. Statt Oberteil und Sohle am Schluss wie bisher zu verkleben, erhitzt eine weitere Maschine die Teile und schweißt sie zusammen.

Und wo bleiben die Menschen?

Die Gefahr, dass man in Zukunft gar ganz ohne Menschen Sportartikel herstellen wird, bestehe aber nicht, beteuert man bei Adidas:

Wir werden in der Speedfactory auch Menschen in der Produktion beschäftigen, die bestimmte Arbeitsschritte händisch ausführen.

Ähnlich wie in anderen Bereichen auch sei zwar vieles “technisch machbar, kostentechnisch aber nicht immer unbedingt sinnvoll.”


Felix Walker ist Journalist, Autor und Übersetzer. In seiner Arbeit, zu der auch der Digital Society Report gehört, befasst er sich vorwiegend mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft. Er lebt in Novia Scotia, Kanada.