Aus dem Unterricht des CAS Disruptive Technologies mit Max Meister berichtet Cornelia Diethelm:

How to build your own inkubator? Max Meister lud die angehenden Disrupter in die Swiss Startup Factory ein, um dieser Frage aus verschiedenen Blickwinkeln auf den Grund zu gehen.

Was macht ein Inkubator?

Ziel der Inkubatoren ist es, die Jungunternehmer vom Start über die Ausgründung bis hin zur Wachstumsphase zu begleiten. Am Ende der Phase “Early Stage” wird sozusagen der Spreu vom Weizen getrennt (vgl. Phasen-Modell risikofinanzierter Wachstumsunternehmen nach Gerhard Eberle 2004).

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Junge Startups sind in dieser Phase auf private Finanzierungsspritzen angewiesen, da Banken ihnen noch keine Kredite gewähren. Zu gross sind ihnen die Risiken. Entsprechend wird auch von Early-Stage-Finanzierung oder Seed-Finanzierung (Samen-Finanzierung) gesprochen. Zu Beginn dieser Phase haben viele Startups bereits von einem Co-Workingspace wie z.B. dem Impact Hub profitiert.

Swiss Startup Factory 

Die Swiss Startup Factory ist gemäss eigener Aussage der erste unabhängige privatfinanzierte Inkubator in der Schweiz. Er beteiligt sich finanziell mit rund 10% an ausgewählten Startups, bietet ihnen unternehmerische Dienstleistungen an (Beratung, Wissen, Netzwerk, Arbeitsplatz etc.) und verschafft ihnen Präsenzmöglichkeiten. Die intensive Begleitung in der Early-Stage-Phase dauert rund 12-15 Monate. Als Investor verfolgt die Swiss Startup Factory insgesamt einen Horizont von 4-7 Jahren pro Unternehmen. Ausschlaggebend für den Entscheid, wer ins Programm aufgenommen wird, sind vor allem zwei Faktoren: Ein kleines Team mit vielfältigen Kompetenzen inkl. Mehrheitsbeteiligung am eigenen Startup sowie eine Idee mit grossem Wachstumspotenzial.

Unter den Inkubatoren lassen sich zwei verschiedene Ausrichtungen unterscheiden:

  • Singularity: Gründerzentren, die Startups aus unterschiedlichen Bereichen unterstützen,
    z.B. Y Combinator (AirbnB, Dropbox etc.).
  • Company Building: Unternehmen, die Startups in einem bestimmten Markt unterstützen,
    z.B. Rocketinternet (div. Internet Startups wie z.B. Zalando).

Die Swiss Startup Factory verfolgt beide Stossrichtungen: Sie versteht sich als Fabrik für Startups und bietet ausgewählten Unternehmen das Company Building an. Mit diesem Geschäftsmodell wollen sie dazu beitragen, dass die nächste Generation von weltweiten Unternehmerinnen und Unternehmern aus der Schweiz stammt.

Company Building

Mit ihrem Angebot will die Swiss Startup Factory disruptive Bedrohungen vom jeweiligen Unternehmen bzw. Partner abzuwenden. Dazu tragen insbesondere der Zugang zu Talenten ausserhalb des Unternehmens und die Entwicklung von Produktinnovationen bei. Was das konkret heisst, wird vor Ort an einem konkreten Beispiel der Goldbach Group aufgezeigt.

Startup WEAVR: CEO Miguel Rodriquez erläutert die Idee seiner Plattform für VR-Inhalte und macht sie für die Studierenden sogleich erlebbar. Virtual Reality ist zwar attraktiv für Mitarbeitende. Was ihnen im Gegensatz zu etablierten Unternehmen fehlt sind der Zugang zu Unternehmen sowie ehrliche Rückmeldungen. Eine weitere Herausforderung sieht er darin, dass VR im Moment noch ein Early Adapter Markt ist. Um erfolgreich zu sein, muss das Startup den Massenmarkt erreichen.

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Goldbach Group: Martin Radelfinger leitet bei der Goldbach Group den vor 1.5 Jahren lancierten Innovationsprozess. Damit soll vier Herausforderungen begegnet werden:

  • Fragmentierung des Angebots
  • Konvergenz der Medien
  • Datengetriebenes Marketing
  • Werbung als 360 Costumer Experience

Um diese Herausforderungen erfolgreich zu meistern, ist ein Kulturwandel bei der Goldbach Group nötig: Weg vom Verkäufer, hin zum datengetriebenen Berater. Ziel ist es, so effizient wie möglich die Zielgruppe zu erreichen – und das mit möglichst grosser Reichweite. Im Rahmen des Innovationsprozesses werden Trends identifiziert, ein Projekt-Portfolio bewirtschaftet sowie Partner und Kunden einbezogen. So prüft das Unternehmen zum Beispiel, ob sich gewisse Geschäftsmodelle, Produkte oder Dienstleistungen von Startups durch Lizenzen, Partnerschaften oder Beteiligungen in die Goldbach Group Märkte übertragen oder einführen lassen. Ein Beispiel dafür ist das Startup WEAVR, basierend auf dem Scouting der Swiss Startup Factory. Seit September unterstützt die Goldbach Group die Jungunternehmer während drei Monaten (externe Lösung).

Wie wird ein Unternehmen zum Inkubator?

Ziel ist es, Innovationen für das eigene Unternehmen zu generieren. Dabei können sich die Unternehmen für eine interne, externe oder eine halb-externe Lösung entscheiden.

Interner Inkubator, z.B. LinkedIn, Adobe

  • Vorteile: Enger Austausch mit dem Unternehmens-Sponsor, Unternehmertum innerhalb des Unternehmens, vertieftes Branchenwissen
  • Nachteile: Langwieriger Prozess (Teambildung, Infrastruktur etc.), teuer, zu viel Aufsicht durch den Unternehmens-Sponsor, Innensicht und so höhere Verletzlichkeit durch Disruptionen, Konflikt zwischen Unternehmen und Startup (Kultur/Mentalität, Umfeld)

Externer Inkubator, z.B. Lufthansa Innovation Hub, Swiss Startup Factory

  • Vorteile: Ziel-/Sachbezogener Zugang als Basis zur Vermeidung von disruptiven Bedrohungen, tiefere Kosten, überschaubare finanzielle Risiken, schneller in Bezug auf das Etablieren und Adaptieren von Produkten
  • Nachteile: Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit, fehlende Aufsicht, fehlendes vertieftes Branchenwissen, Risiken bzgl. Geschäftsgeheimnissen

Bei disruptiven Innovationen (neue oder veränderte Märkte) empfiehlt Max Meister eine externe Lösung. Die Grafik veranschaulich, wie ein solche Prozess für Unternehmen aussieht, die sich für eine externe Lösung entscheiden (BCG 2014).

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Bei inkrementellen Innovationen (bestehende Kunden und Produkte) kann eine interne Lösung durchaus sinnvoll sein. Neben der Rolle als Inkubator gibt es drei weitere Möglichkeiten, wie Unternehmen mit Startups zusammenarbeiten können (aus der Präsentation von Max Meister):

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Situation in der Schweiz

Für Mike Bauer, CEO der Swiss Startup Factory, ist das Ergebnis der Startup Förderung in der Schweiz verbesserungswürdig. Zwar existieren sehr viele Plattformen (Co-Workingspaces, Acceleration Programme etc.), doch was fehlt, ist die Finanzierung und Begleitung von Startups in der kritischen Phase Early-Stage. Während in den USA z.B. sehr viel Risikokapital vorhanden ist, pflegen die institutionellen Anleger in der Schweiz eine konservative Investitionspolitik.

Wichtig ist, dass die Startups möglichst schnell konkrete Resultate liefern müssen, anstatt in einem geschützten Bereich von zu viel Coaching zu profitieren, so seine Erfahrung. Gerade weil Business Pläne zu diesem Zeitpunkt Fiktion sind, muss das Moto lauten: Going out of the comfort zone!

Der Besuch bei der Swiss Startup Factory war äusserst interessant und hat die Wertschätzung der Studierenden gegenüber Startups und ihren Unterstützern sicher gestärkt – denn echte Startup Förderung ist mit überdurchschnittlich viel Herzblut, Durchhaltewille und einem hohen finanziellen Risiko verbunden.