Aus dem Unterricht des CAS Digital Leadership mit Bettina Hein berichtet Tobias Marrel.

Der letzte Resident Schultag des CAS Digital Leadership stand ganz im Zeichen des digitalen Unternehmertums. Viele Menschen glauben nicht daran selber ein Unternehmen gründen zu können, da ihnen die Idee fehlt. Die Erfahrung zeigt aber, dass bei erfolgreichen Startups die Idee nur ca. 5% des Erfolgs ausmacht, 95% hängt von der erfolgreichen Umsetzung ab.

Unsere Dozentin Bettina Hein kennt diesen Umstand nur zu gut, hat sie doch in den letzten 18 Jahren bereits zwei erfolgreiche digitale Startups in der Schweiz und den USA mitaufgebaut.

Das erste Startup SVOX AG wurde im Jahr 2000 gegründet und hat in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich eine Spracherkennung und Text-to-Speech Software entwickelt. 11 Jahre nach der Gründung wurde das Unternehmen von dessen Hauptkonkurrenten Nuance Communications aufgekauft.

Das zweite Startup Pixability wurde 2008 gegründet und sollte zunächst Kunden ermöglichen selbstgedrehte Videos einzuschicken und zu einem günstigen Preis schneiden zu lassen. Nach nicht weniger als 8 Iterationen (siehe unten Punkt 3. Ausdauer) ist Pixability nun Anbieter von Ad Tech Software zur Optimierung von Videowerbung auf den wichtigsten Social Media Kanälen und beschäftigt mehr als 100 Mitarbeiter.

Es ist natürlich nahezu unmöglich in wenigen Sätzen zusammenzufassen, was es braucht um ein Startup erfolgreich aufzubauen. Dennoch gibt es vier simple Ingredients, welche jeder Gründer oder Gründerin mitbringen sollte:

1. Naivität…

…(=Gelassenheit, Unvoreingenommenheit) erlaubt es einem Dinge zu sehen, welche andere nicht sehen. Es empfiehlt sich eine Investment-These für die nächsten Jahre aufzustellen, welche die wirtschaftliche Daseinsberechtigung des Startups rechtfertigt. Man sollte Naivität aber keinesfalls mit Planlosigkeit verwechseln. Wie zu Beginn erwähnt ist die Umsetzung einer Idee oder eines Business Plans essenziel.

Tipps zur Naivität:

  • Mache immer wieder Experimente um neue Ideen zu testen
  • Nutze jede Möglichkeit um Deine Idee zu pitchen. Das Feedback wird helfen die Idee zu schärfen. Die Zeiten von Geheimhaltung und Stealth Mode sind heutzutage vorbei

2. Chuzpe …

…(=Anmassung, Dreistigkeit) ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit oder charmanter Penetranz, die nötig ist um seine Idee anderen zu präsentieren und selbstbewusst zu vertreten.

Tipps zu Chuzpe:

  • Suche einen grossen Markt, ein kleiner Markt vergibt einem Fehler viel weniger

3. Ausdauer…

…ist eine sehr wichtige Fähigkeit, da die Umsetzung einer Idee meistens länger dauert als geplant. IPOs und Exits nach 2-3 Jahren sind sehr selten, deshalb muss man an seiner Idee dranbleiben und falls nötig den Kurs auch immer wieder anpassen (=Iteration).

Tipps zur Ausdauer:

  • Sammle zu Beginn ausreichend Kapital (Business Angels, Venture Capital, etc.), denn schon vielen Startups ist auf der Zielgeraden das Geld ausgegangen
  • Um bei der Iteration eines Geschäftsmodells die Liquidität nicht zu gefährden, sollte das alte Modell so lange weitergeführt werden bis ca. 20% des Umsatzes auf dem neuen Thema erzielt wird. Dann aber relativ rasch wechseln
  • Du kannst nicht alles selber erledigen, delegiere wenn möglich und halte den Fokus auf den essentiellen Aufgaben
  • Wenn Du ein Startup gründest, stelle Dich auf eine emotionale Achterbahn ein, „ups and downs“ folgen in unglaublich raschen Abständen
  • Für die Bewältigung von Problemen eine Peer Group suchen. Mit Peers zu sprechen, welche ähnliche Problem bereits schon einmal erfolgreich gemeistert haben, ist enorm hilfreich
  • Gönn Dir regelmässig eine Auszeit. Unternehmer zu sein ist sehr intensiv, man ist 24 Stunden involviert, kann nicht kündigen und muss zahlreichen Verpflichtungen für Löhne, Angestellte, Investoren, etc. nachkommen

4. Kultur…

…entwickeln ist wichtig, da sie sich in jedem Startup mit der Zeit ergibt, egal ob aktiv beeinflusst oder nicht. Für eine positive Kultur lohnt es sich diese aktiv mitzugestalten und sie den Mitarbeitern tagtäglich vorzuleben.

Tipps zu Kultur:

  • Erstelle ein „Culture Code“, der aktuellen sowie auch zukünftigen Mitarbeitern erklärt was die Kultur im Unternehmen ist. Es empfiehlt sich diesen „Culture Code“ entweder mit den Mitarbeitern zusammen zu entwerfen oder zumindest validieren zu lassen

Nach einem angeregten Austausch, in welchem zahlreiche spannende Fragen aufkamen, gab uns Bettina Hein noch weitere wertvolle Tipps zu wichtigen Themen wie Mitarbeiter und Unternehmensstruktur.

Mitarbeiter

  • Vor allem junge Gründer fragen sich oft, ob es für die Glaubwürdigkeit des Startups wichtig ist erfahrene Berufsleute einzustellen. Natürlich kann das helfen, erfahrene Berufsleute müssen sich aber bewusst sein, dass in einem Startup noch keine ausgereiften Strukturen vorhanden sind und man die Ärmel hochkrempeln und anpacken muss.
  • Da zu Beginn das Geld knapp ist, kann es schwierig sein qualifizierte Mitarbeiter zu rekrutieren. Gute Mitarbeiter am Startup zu beteiligen kann eine Lösung sein. Man sollte aber darauf achten, dass sich die Mitarbeiter ihre Anteile auch wirklich verdienen (Founder Vesting). Typischerweise sind in Tech Startups ca. 10-40% der Anteile für Mitarbeiter reserviert. Zusätzlich sollte man versuchen die Löhne mit jeder neuen Finanzierungsrunde dem Markt anzupassen.

Unternehmensstruktur

  • Um Bürokosten zu sparen und Networking zu vereinfachen sind Accelerator eine gute Option für die ersten Gründerjahre
  • Strukturwechsel sind immer eine Herausforderung. Typischerweise erfordert ein Startup jeweils bei Überschreiten von 10, 50 und 150 Mitarbeitern neue Strukturen. Wenn man bei einem solchen Strukturwechsel nicht mehr weiterkommt, sollte man Mitarbeiter suchen, die das besser können. Es empfiehlt sich auch „sich als Gründer immer wieder arbeitslos zu machen“, man wird in seinem Startup so oder so immer schnell wieder ein neues Thema finden, wo man seine Stärken einbringen kann.
  • Bei Verwendung von Frameworks, Platforms, etc. sollte man möglichst flexibel bleiben um das Startup bei Iterationen schnell anpassen zu können
  • Outsourcen sollte man nur was klar nicht zu den Kernkompetenzen gehört. Ansonsten empfiehlt es sich auf jeden Fall das Know-how so schnell als möglich intern aufzubauen

Vielen Dank Bettina für Deine spannenden und inspirierenden Ausführungen. Auch wenn jeder Startup Gründer und Gründerin seinen Weg finden muss, sind solche Insights und Tipps Gold wert.

Buchtipp: The Hard Thing About Hard Things, Ben Horowitz