Aus dem Unterricht des CAS Digital Ethics (Modul Grundlagen digitale Ethik) mit Dozentin Cornelia Diethelm berichtet Student Andreas Disler:

Digital Ethics? Was ist denn das wieder Neues? Eine Frage, die ich häufig höre, wenn ich von meiner Weiterbildung an der HWZ erzähle. Die perfekte Antwort auf die Frage, wäre ein Besuch des Grundlagenmoduls mit Cornelia Diethelm, das wir am zweiten Unterrichtstag geniessen durften.

Vom Thema überzeugen musste uns die Dozentin sicherlich nicht mehr. Die gebotene Zusammenstellung von unterschiedlichen Problemstellungen war aber auch für uns überraschend gross. Dürfen von Kunden ohne deren Einwilligung Stimmprofile erhoben werden? Ist der Einsatz von gefälschten Influencer fair? Darf ein Unternehmen im Kinderzimmer mithören? Ist ein Geschäftsmodell nachhaltig, wenn dafür in einem Drittweltland sogenannte Ghost Worker ausgenutzt werden?

Zunehmende Wichtigkeit digitaler Ethik

Technologie ist heute allgegenwärtig. Waren zum Ende der neunziger Jahre nur wenige Haushalte am Internet angeschlossen, ist es heute überall und jederzeit verfügbar. Es sind seither eine unüberschaubare Menge von Services erfunden oder digitalisiert worden. Social Media, Streaming, online Banking und Shopping dominieren unseren Alltag. Als Benutzer solcher Dienste erzeugen wir enorme Datenmengen. Diese dienen dann wiederum als Quelle neuer Services, oder um die Nutzung weiter zu erhöhen.

Das alles sind keine neuen Themen. Was ist nun aber der Grund, dass das bekannte Beratungsunternehmen Gartner die Digital Ethics als einer der Top-10 Technologietrends (Jahr 2019) erkoren hat?

Technologie

Die wichtigste Ursache liegt wohl in der Weiterentwicklung der IT-Technologien. Wir haben im Unterricht u. a. die folgenden Themen besprochen:

  • Big Data
  • Künstliche Intelligenz
  • Robotik
  • Blockchain
  • Internet of Things

Durch Cloud Computing stehen diese Technologien je länger je mehr auch einem breiteren Publikum zur Verfügung.

Geschwindigkeit

Gleichzeitig muss man sich auch bewusst sein, dass die Veränderungen in immer schnelleren Zyklen erfolgen. Dies ist nicht nur ein subjektives Gefühl. In einem Blogbeitrag unter dem Titel “Das Konzept der Perpetual Disruption” beschreibt der Unternehmer Alain Veuve diese Entwicklung und kommt zu einer interessanten Erkenntnis:

„Davon auszugehen, dass die jetzt wahrgenommenen Veränderungen im Digitalen Bereich nur ein abermaliger Technologieschub im Geiste einer weiteren „Industriellen Revolution“ sei, ist fatal. Vielmehr sehen wir uns mit einer immer schneller werdenden Abfolge von erheblichen technologischen Verbesserungen konfrontiert. Die Antwort der Unternehmen kann keine „Transformation“ sein, sondern muss eine grundlegende Neudefinition des Unternehmensmodells darstellen. Der Wandel ist die neue Konstante.“

In diesem Zusammenhang spannend ist auch der Umstand, dass die technologische Entwicklung die Gesellschaft verändert:

Technologie treibt gesellschaftliche Entwicklung

Bild aus dem Foliensatz von Cornelia Diethelm

Digital ist heute nicht mehr nur ein Zusatz zum analogen Leben. Für viele Leute ist es wohl eher umgekehrt. Hierzu ein Ausschnitt aus einer Folie von Cornelia Diethelm:

Folie von Cornelia Diethelm

Grundlagen Ethik

Wir haben uns im Unterricht dann mit den drei bekanntesten Ethiktheorien befasst:

  • Konsequentialistische Perspektive (Nutzenethik)
    Hier steht die Beurteilung der Auswirkungen im Vordergrund (z.B. Ziele, Zweck, Folgeabschätzung, Kosten und Nutzen)
    Beispiel: “Cannabis darf nicht legalisiert werden, weil sonst viele Leute abhängig werden
  • Deontologische Perspektive (Pflichtethik)
    Beurteilung einer Handlung selber
    Beispiel: “unter keinen Umständen Bestechungsgelder zahlen
  • Tugendethische Perspektive (Tugendethik)
    Betrachtet wird der Charakter und die Motivation des Handelnden und Ziel ist das Streben nach einem guten und glücklichen Leben
    Beispiel: “Als Arzt kann ich es nicht vereinbaren, einen Suizid zu unterstützen

Ausserdem haben wir uns mit unterschiedlichen Bereichen der Moral befasst:

  • Alltagsmoral, z.B. Anstandsregeln, moralische Grundüberzeugungen
  • Recht, z.B. Verfassung, Gesetze und Ausführungsbestimmungen
  • Berufsethos, z.B. von einem Arzt

Wichtig ist, dass diese Normen und Regeln sich über die Zeit wandeln. Und ausserdem ist zu berücksichtigen, dass es grosse Unterschiede zwischen den Kulturen gibt.

“Richtige” Entscheide treffen

Einen richtigen Entscheid gibt es bei ethischen Problemstellungen wohl kaum. Ist man mit einer solchen Entscheidung konfrontiert, sollte nicht aus dem Bauch heraus entschieden werden. Vielmehr wird ein strukturiertes Vorgehen empfohlen. Wir haben uns an einem Modell der Universität von Santa Clara orientiert:

Ethical Decision Making by Markkula Center for Applied Ethics (University of Santa Clara)

Wichtig ist eine kritische Reflexion der Problemstellung sowie eine rundum Sicht auf alle Stakeholder. Welche Werte und Normen können durch die Situation verletzt werden? Hierzu einige Beispiele:

  • Schutz der Privatsphäre
  • Nichtdiskriminierung
  • Fairness
  • Transparenz
  • Solidarität (z.B. bei Versicherungen)

Bei einem Entscheid ist es ausserdem wichtig, dass dieser argumentativ begründet wird.

Fazit

Der Kurs hat uns eine sehr gute Übersicht über aktuelle Entwicklungen und den sich daraus ergebenden Fragestellungen gegeben. Ausserdem lernten wir Ethik-Grundlagen sowie mögliche Vorgehensweisen.

Während des Unterrichts hatten wir sehr spannende Diskussionen und konnten so üben, unsere Meinungen argumentativ zu begründen. Ausserdem hat es sich gezeigt, dass diese Gespräche Zeit in Anspruch nehmen.

Ich persönlich freue mich sehr auf die kommenden Monate und weitere spannende Themen und Diskussionen.