Aus dem Unterricht des CAS Mobile Business mit Bart De Witte berichtet Daniel Hasenfratz:

Was sind die Voraussetzungen, um eine Klasse am Freitag – und das nach einer stressigen Woche – bei Laune zu halten? Jaja, Kaffee vom Skatershop vis-à-vis ist wohl immer die Grundvoraussetzung. Aber wenn dann noch ein Referent vorne steht, der förmlich für sein Thema glüht und dazu über Etwas referiert, was wohl in absehbarer Zeit unser Leben in den Grundzügen verändern wird, dann sind sogar die Studenten in der letzten Reihe ganz Ohr.

Es war ein inspirierender Tag, der nicht nur sehr technologische, sondern auch philosophische und ja, manchmal sogar moralische Diskussionen auslöste. In der Vorstellungsrunde sollten wir in nur wenigen Sätzen unsere grösste Sorge im Gesundheitswesen ausdrücken – was oftmals in spannenden aber auch langen Ausführungen endete. Dies machte unseren Dozenten mit seinem Time-Management zu recht sichtlich nervös.

Aber genug von vielversprechenden Einleitungsworten…

Was ist denn genau Digital Health?

Wikipedia meint dazu: „Digital health is the convergence of the digital and genomic revolutions with health, healthcare, living, and society. Digital health is empowering people to better track, manage, and improve their own and their family’s health, live better, more productive lives, and improve society. It’s also helping to reduce inefficiencies in healthcare delivery, improve access, reduce costs, increase quality, and make medicine more personalized and precise.“

Wir haben alle unsere Laster, hin und da eine Gesundheitssorge. Oftmals ist es für Ärzte wie eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen, um herauszufinden, was die Ursache für unser Leiden ist. Fast endlos viele Komponenten spielen hierbei eine Rolle. Vom Essverhalten, über die Bewegung, bis hin zur täglichen Herzfrequenz. Was wäre also, wenn Ärzte mittels moderner Technologien exakte Muster und Auswertungen von unseren Gesundheitsdaten erstellen könnten? Analysen, welche so weit individualisiert sind und ins Detail gehen, dass sogar rechtzeitig Präventivmassnahmen vorgenommen könnten? Der Arzt wäre dann mehr als ein „Troubleshooter“, er wäre quasi als „Health-Berater“ für unser Wohl zuständig, noch bevor wir überhaupt Beschwerden haben. Noch stehen wir am Anfang solcher Methoden… Aber wohl nicht mehr lange…

Ein eindrückliches Beispiel zu Quantified Self ist das von Anne Wright. Eine Forscherin der Nasa, welche jahrelang von gesundheitlichen Problemen geplagt wurde, bis sie schliesslich anfing, sich selbst zu vermessen. Mittels akribisch genauer Analyse fand sie heraus, dass sie schlicht Nachtgewächse (Obst) nicht verträgt und dies die simple Ursache dafür ist. Hier gehts zu ihrem Beitrag.

Aber gut, ein paar Fakten zum Gesundheitswesen

  • Healthcare ist generell das ineffizienteste System von allen und verschwendet somit über 2 Billionen USD pro Jahr
  • 35% davon könnten erwartungsweise mit neuen Systemen und Modellen eingespart werden
  • Bis 2018 werden 10% der Weltbevölkerung über 65 Jahre alt sein
  • Bis 2020 verdoppeln sich alle 73 Tage die gemessenen medizinischen Daten
  • 53% der Mitarbeitenden im Gesundheitswesen fordern mehr Data-Insights für noch bessere Patientenbetreuungen
  • Bis zu 2035 werden uns 12.9 Millionen Mitarbeitende aus dem Gesundheitswesen fehlen

Bei diesen Entwicklungen müssen wir also viel stärker auf die Effizienz achten. Gerade bei fehlendem Bestand an Fachpersonen ist es wichtig, dass diese sich vermehrt auf den Patienten selber und nicht auf Administrativarbeiten und Vermessung fokussieren können. Gemäss Studie verbringen Ärzte nämlich 30% an ihrer Tastatur anstatt sich direkt um den Patienten zu kümmern. Krankenschwestern verbringen sogar nur 19% ihrer Zeit direkt beim Patienten. Der Rest wird für die Dokumentation, Verwaltung und Koordination eingesetzt. Die Rolle des Fachpersonals soll sich also durch neue Technologien vermehrt ändern. Es wird wertvolle Zeit in der Analyse, Datenmessung und Administration freigeschaufelt, damit sich das Personal wieder voll und ganz auf den Patienten fokussieren kann.

Weit mehr als nur eine Smartwatch

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Eine grosse Auswahl an Gadgets unterstützt diesen Ansatz. Dabei können sie uns nicht nur laufend vermessen und wertvolle Daten liefern, sondern auch Tipps für den Alltag mitgeben. Hier nur ein paar Beispiele:

  • Vestigen: Die mobile Blutspiegelmessung
  • Vessyl: Der Becher, der dein Getränk erkennt (als ob wir nicht wüssten, dass wir gerade eine Cola trinken ;-)). Interessant ist aber, dass er die Nährwerte misst und ans Mobile sendet
  • The Propeller sensor: Ein Asthmagerät, welches deine Daten teilt und andere Patienten informiert, wo die Luft dünner wird (beispielsweise auf einer Bergwanderung)
  • AliveCor: EKG via Smartwatch
  • HAPIfork (Abbildung oben): Vibriert, wenn du zu schnell isst
  • Modische Lifestyle Wearables: Beispielsweise Wearables in Form von Schmuck

Es ist absehbar, dass die beiden Märkte Consumer Electronics und Medical Device Makers immer weiter zusammen wachsen werden. Dabei wird generell der Trend, dass Technologie immer stärker in unsere Verhaltensweisen integriert wird (wie beispielsweise Anweisungen via Sprachbefehle) zum tragen kommen.

Je mehr Daten ich also über mich sammle, umso besser und individueller wird man mich behandeln können und Datenbanken anreichern, um auch anderen Patienten zu helfen. Zu recht kamen in der Folge zu dieser Erkenntnis einige kritische Stimmen aus der Klasse: „Was ist denn mit der Problematik des gläsernen Bürgers, Thema Datenschutz?“ Die Antwort von Bart war sehr klar: Daten sammeln ja, aber nur anonymisiert abgeben. Hört sich gut an! Aber da stelle ich mir schon die Frage, wer garantiert mir denn, dass diese Daten auch wirklich anonym bleiben?

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Disruption in Healthcare

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Die skandinavischen Länder machen es vor. Das Krankenhaus ist ein Auslaufmodell. Mit neuen Technologien können einfache Untersuchungen vermehrt dezentral, zum Beispiel via Hausarzt oder mit Datenübermittlung von Zuhause aus, vorgenommen werden. Dies fördert nicht nur verschiedenste Berufsfelder, sondern bringt den Patienten auch wieder mehr individuelle oder persönliche Betreuung.

Eine wichtige Voraussetzung, dass dieses System funktioniert, sind geteilte Krankenregister. Solange die Ärzte fix an ihrer Patientenakte festhalten, wird Wissen zu wenig geteilt.

Generell wird die Zukunft den Markt noch deutlich verändern. Dabei sind enorme Summen im Spiel. Drei wichtige Investitionsfelder sind:

  1. Analytics / Big Data (USD 339m): Verwendung von Big Data und Analytics, die ein sehr weites Spektrum an Anwendungsfälle abdecken
  1. Genom-Analysen & DNA-Sequenzierung (USD 274m): Sequenzierungstechnologien, Hardware und Software – Erweiterung Diagnostics
  1. Telemedizin (USD 231): Software Produkten zur Unterstützung von Telemedizinischen Dienstleistungen

Es bleibt also spannend…

Klar ist, dass sich noch einiges tun wird. Je stärker die Forschung voran geht, mit Artificial Intelligence akribisch genaue Algorithmen erstellt und einsetzt, umso älter werden wir werden. In der Ära des kognitiven Computing werden Maschinen die Welt viel besser um sich herum wahrnehmen und verstehen können. Technisch wäre bereits so vieles möglich – diverse Regulatorien bremsen jedoch noch eine rasante Umsetzung.

Im Unterricht war sogar von der Vision die Rede, dass wir in absehbarer Zeit „den Tod heilen können“ und somit das Thema Unsterblichkeit tatsächlich von anerkannten Forschern diskutiert wird. Bei allen Forschungserfolgen und viel versprechenden Aussichten bleibt die Frage aber offen, welche Folgen solche Szenarien für unsere Welt hätten…

Übrigens, für alle, die sich für Zukunftsszenarien interessieren: Wir bekamen noch folgende Buchempfehlung mit auf den Weg: The age of EM