Verschiedene Epochen erfordern unterschiedliche Arten von Führungsmodelle – mit unterschiedlichen Mustern der hierarchischen Autorität, unterschiedlichen Fähigkeiten und Einstellungen sowie unterschiedlichen institutionellen Anreizen. In der aktuellen frühen Phase des Übergangs von einer Industriegesellschaft zu einer postindustriellen, digitalen Gesellschaft gehört es zu den wichtigsten Aufgaben von Führungskräften in der eigenen Organisation die Fähigkeit der rasanten Veränderung zu verankern und sie zu einer agilen Einheit weiterzuentwickeln. Doch klassische Führungskonzepte stossen hier offensichtlich an ihre Grenzen. Ein Paradigmawechsel seht an: Digital Leadership, eine Führung, die nicht nur das alte Management-Einmaleins beherrscht, sondern in der Lage ist, bewährte Führungskonzepte und Erfolgsrezepte zu abstrahieren, sie mit den neuen Werten und Erfolgsmodellen aus der digitalen Welt abzugleichen und diese dann erfolgreich zu implementieren.

Denn eine erfolgreiche Digital-Transformation ist heute nicht mehr nur ein Thema für visionäre Entrepreneurs aus Silicon Valley. Digital hat je länger je mehr Auswirkungen auf die gesamte Organisation und fordert die Führung an mehreren Stellen im gesamten Unternehmen. Der Vorstand muss seine eigenen digitalen Fähigkeiten und Erfahrungen aufbauen, um den CEO gut beraten zu können. Der CEO muss eine Vision der digitalen Transformation die nach der Unternehmensstrategie ausgerichtet ist entwickeln und durchziehen. Und auf der Management Ebene müssen digitale funktionale Rollen umgesetzt werden. Digital Leaders müssen die Veränderungen, welche durch neue Technologietreiber entstehen verstehen und dann diese in ihrer Branche, Organisation und individueller Ebene umsetzen. Geprägt wird die neue digital transformierte Gesellschaft durch vier wichtige strukturelle Veränderungen: Schnelle und weitreichende technologische Veränderungen; Eine beschleunigte Globalisierung; Eine Verschiebung zugunsten des Wissen als zentraler Produktionsfaktor; Weniger hierarchische Organisationsformen mit starker Beweglichkeit innerhalb und zwischen Organisationen und Branchen. Dabei gilt festzuhalten, dass weil technologische Innovation eine so hochdynamische Praxis ist, auch die Mischung aus digitalen Führungsqualitäten keinesfalls statisch ist, sondern sich durch die Zeit ändert. Jede Phase erforderte eine etwas andere Mischung von Führungskräften. Während in der Frühzeit des Übergangs die Fähigkeit zur Bewusstseinsbildung und Ressourcenmobilisierung sich als nützlich erweisen, wird in späteren Zeiten die operative Fähigkeit besonders geschätzt.

Digital Leaders unterscheiden sich von den Non-Leaders durch ihre unterschiedlichen Kombinationen von Fähigkeiten, Einstellungen, Wissen und ihre beruflichen und persönlichen Erfahrungen. Entscheidend ist vorerst die Attitude. Das hoch dynamische Umfeld zwingt zu stärkeren horizontalen Verbindungen zwischen den Eliten in den unterschiedlichen Sektoren und Ländern. Digital Leaders sind daher flexibel und anpassungsfähig, besitzen eine breite intellektuelle Neugier und sind hungrig nach neuem Wissen. Sie fühlen sich in der Unsicherheit wohl und suchen global nach Lösungen und Herausforderungen. Sie sind hungrig nach lebenslangem Lernen und bestehen auf ständiges Lernen von ihren Mitarbeitern und Anhängern. Wie alle Führungskräfte in jedem Zeitalter besitzen sie wahre Leidenschaft für das, was sie tun. Dazu kommen dann die Skills. Die Fähigkeiten die einen Digital Leader mit sich bringen sollte. Die Abilität Koalitionen zu schmieden und Interessensgemeinschaften aufzubauen ist auf jeden Fall eine davon. Dazu kommt die Gabe auf die eigenen Prioritäten fokussiert zu bleiben. Fachwissen ist in der Wissensgesellschaft logischerweise besonders wichtig, einschließlich Kenntnisse, wie die neuen Technologien eingesetzt werden können. Führungskräfte müssen auch wissen, was sie nicht wissen, und wie sie durch die Mobilisierung ihrer eigenen sozialen Netzwerke das fehlende Know-How erhalten. Diese neuen Kombinationen von Fähigkeiten, Einstellungen und Wissen erfordert neue Formen der Erfahrung, insbesondere persönliche Beweglichkeit durch verschiedene Arbeitsbereiche, welche die angehende Führungskraft dazu zwingt sich mit Menschen aus verschiedenen beruflichen und demografischen Hintergründen zu engagieren. 

Wie wird man nun zum Digitalen Leader? Wie so oft ist es die Bereitschaft. Die Bereitschaft mitzumachen und sich der digitalen Transformation zu unterziehen. Zusammen mit der Bereitschaft kommt auch der Willen zu Experimentieren. Und die Bereitschaft Fehler zu machen und machen lassen. Um es mit den Worten von Jeffrey P. Bezos, Gründer von Amazon und neu Eigentümer der Washington Post zu sagen: “Es gibt keine Karte, und den Weg zu zeichnen wird nicht einfach sein. Wir werden alles erfinden müssen, das heißt, wir müssen experimentieren.” 

Manuel P. Nappo

* Dieser Kommentar ist zuerst in der Handelszeitung erschienen