Vergessen Sie Öl, Gold oder Silizium: Der wahre Rohstoff der Zukunft lautet “Digital Talent”. Zumindest ist es das, wonach Unternehmen in sämtlichen Wirtschaftsbranchen momentan lechzen.

Doch was ist Digital Talent? Als Talent bezeichnet man gemäss Duden eine Begabung, die jemanden zu überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten Gebiet befähigt. Ausserdem war Talent auch eine altgriechische Münzeinheit, was ins Bild passt – denn in der Tat ist digitales Talent das Kapital von morgen. Wer es besitzt, bewegt sich geschickt in der Welt von Social Media, Mobile, Analytics und Big Data.  Er oder sie ist anpassungsfähig, flexibel, hat eine Can-Do-Einstellung, fühlt sich wohl in der Unsicherheit, die der digitalen Transformation inherent ist. Ein Digital Talent ist vernetzt, weiss das Wissen der Crowd zu nutzen, denkt innovativ, schreckt nicht davor zurück, Fehler zu machen. Arianna Huffington ist ein Digital Talent, Bendrit Bajra ebenso. Und, natürlich, auch Steve Jobs war eines.

Aber wir können nun einmal nicht alle Steve Jobs sein. Was also passiert mit all jenen, die kein digitales Talent haben? Eine Begabung kann man zwar nicht erlernen, aber was man immer kann ist sich heraufarbeiten. “Hard work beats talent when talent fails to work hard”, sagte einmal der US-Basketballstar Kevin Durant. Eine digital durchschnittlich talentierte Person wird zwar nie zu einem Cyberspace-Genie werden, aber sie wird zumindest sehr gut mitreden können, wenn sie den entsprechenden Effort dafür leistet, sprich: sich weiterbildet, dazulernt und Neues ausprobiert.

Soviel zu den Mitarbeitenden. Was aber tun Unternehmen, um solch digitales Talent anzulocken? Wollen Firmen digitale Experten langfristig an sich binden, müssen sie ihnen die perfekten Arbeitsbedingungen liefern, damit diese ihr Talent optimal zugunsten des Unternehmens einsetzen können. Spricht man von diesen Pull-Faktoren, ist der Aspekt der Unternehmenskultur kaum zu überschätzen. Dies weiss auch Brian Chesky, CEO von Airbnb. In einem offenen Brief an seine Mitarbeitenden beschreibt er Kultur als “a shared way of doing something with passion.” Kultur, so Chesky weiter, kreiert das Fundament für sämtliche zukünftigen Innovationen: “If you break the culture, you break the machine that creates your products.”

Eine solche Kultur kann nicht verordnet und schon gar nicht vorgeschrieben werden, sondern sie muss (vor)gelebt werden, vor allem von den Führungspersonen. Denn so sehr eine gute Unternehmenskultur auch bottom-up funktioniert: Solange sie nicht in der Chefetage angekommen ist, ist sie nicht authentisch. Sehr banal aber leider wahr. Da kann man im Headquater noch so viel Gratiskaffee ausschenken, putzige Haustiere organisieren oder Masseure auf Firmenkosten engagieren – das Digital Talent zieht schnell weiter, wenn es keine (Denk-)Räume für Innovation und Experimente vorfindet. Verstehen Sie mich nicht falsch: Farbenfrohe Open Offices sind eine tolle Sache. Aber sie bringen gar nichts, wenn die gelebte Unternehmensphilosophie so grau daherkommt wie ein typischer Zürcher Novembertag. 

Zu viele Schweizer Unternehmen haben das meiner Meinung nach noch nicht verstanden. Man wäre zwar gerne cool und trendy, aber das Bünzlitum ist noch immer allgegenwärtig. Bürokratie, wohin das Auge blickt: Für jeden Facebook-Post schreibt man am besten zuerst ein Konzept, welches von der PR-Abteilung abgesegnet werden muss. Die Angestellten verbringen 50 % ihrer Arbeitszeit damit, Mails zu beantworten oder an Meetings teilzunehmen, die an Effizienz und Konstruktivität kaum zu unterbieten sind. Die Führungspositionen sind besetzt von älteren Herren, die noch nicht so recht daran glauben, dass sich Social Media wirklich durchsetzt. Seriously: Könnten Sie in einem solchen Umfeld kreativ und innovativ sein?

Natürlich sind die Ansprüche, die hier an Unternehmen gestellt werden – Neues ausprobieren, Experimente wagen, verrückten Ideen eine Chance geben, anders sein – stets auch mit Risiken verbunden. Scheitern ist ein Teil des Business, und wir Schweizerinnen und Schweizer sind nicht gerade Weltmeister darin, sich die eigenen Fehler einzugestehen. Dabei kann Scheitern auch durchaus produktiv sein, ganz nach dem Motto “When you fail, fail forward!” Deswegen gehört eine starke Fehlerkultur zu einer starken Unternehmung wie der Like-Button zu Facebook.

Manuel P. Nappo

* Dieser Kommentar ist zuerst in der Handelszeitung erschienen