Aus dem Unterricht des ​CAS Digital Ethics​ ​mit ​Dozent Markus Christen​ berichtet Grit Wolany​:

Ethik betrifft uns alle. Jeden Tag.

Mit diesem Satz begrüsste uns Markus Christen zu seiner Vorlesung “Ethik, Big Data & Entscheidungsfindung”. Was folgte, war ein spannender und mit vielen Informationen und Praxisübungen vollgepackter Samstag.

Der Tag gliederte sich in 4 Module:

  1. Einführung in die Ethik
  2. Big Data & Ethik
  3. Ethische Entscheidungsfindung
  4. Ein Daten-Ethik-Kodex

Hinweis: Aufgrund der komplexen Thematik ist dieser Blogbeitrag etwas länger geraten. Als Lesedauer sollte man ca. 20 Minuten einplanen. Wer weniger Zeit hat, kommt mit einem Klick zum jeweiligen Modul.

MODUL 1: EINFÜHRUNG IN DIE ETHIK.

Verwirrung

Wie heisst es so schön: wer stricken will, braucht Wolle. Und wer sich mit ethische Entscheidungsfindung beschäftigen will, braucht zuerst einige theoretische Grundlagen. Willkommen zu einem Philosophie-Crashkurs, der hoffentlich etwas Licht in den Begriffsdschungel bringt.

Was charakterisiert Moral und Ethik? Wie unterscheiden sich Werte, Normen und Prinzipien? Und welche traditionellen Ethik-Theorien gibt es?

Dr. Christen startet mit 4 Fallbeispielen und der Fragestellung Moral – ja oder nein? Bereits hier zeigt sich die Bandbreite des Begriffes. Unser alltägliches Verständnis von Moral prägen im weitesten Sinne drei Teilbereiche: Alltagsmoral, Recht und Berufsethos.

Unter Alltagsmoral versteht man Normen und Werte, die das menschliche Verhalten im Alltag bestimmen. Dies können Anstandsregeln, politische Ansichten, religiöse Anschauungen oder sonstige moralische Grundüberzeugungen sein.

Zum Bereich Recht gehört das sogenannte positive Recht, welches mit staatlicher Zwangsgewalt durchgesetzt wird. Also Verfassung, Gesetze und Ausführungsbestimmungen.

Und als Berufsethos werden Normen und Werte einer eigenen Berufsgruppe bezeichnet, welche durch definierte Ethik-Kodizees und individuelle Überzeugungen bestimmt werden. Dass sich dies in der heutigen Zeit nicht mehr nur auf Berufsgruppen beschränken muss, sieht man am Beispiel der vom Chaos Computer Club definierten Hackerethik.

Im Bereich der Moral haben wir es mit Werten und Normen zu tun, die als “Leuchttürme” für unser Handeln und Zusammenleben dienen. Und es zeigt sich: Der Gegenstand der Moral ist historisch und kulturell wandelbar. Man denke dabei nur an die Normalität der Sklaverei in früheren Zeiten, die Stellung der Frau in der Gesellschaft oder der Umgang mit Tieren.


Sehr empfehlenswert zu diesem Thema sind der Zeit-Artikel “Gestern böse, heute normal” über die schleichende Veränderung des Wertesystems von Personen sowie der TED-Talk von Dr. Molly Crockett “Can a pill can change our morals?”.


Natur & Kultur

Moral hat immer eine naturgeschichtliche und kulturgeschichtliche Komponente. Genau das erzeugt ein Spannungsfeld zwischen Werten, die für alle gelten sollen und den Kulturunterschieden. Und genau das macht die Gespräche und Diskussionen über Moral so schwierig, interessant und herausfordernd.

Die Norm des Teilens beispielsweise ist durch die naturgeschichtliche Entwicklung tief im Menschen verankert. Als die Menschen in kleinen Gruppen zusammenlebten, war klar, dass der Jäger nicht alle Beute für sich behält, sondern mit der Gemeinschaft teilt. Das war gerecht – schliesslich konnte er sich im Gegenzug darauf verlassen, auch im Falle einer Krankheit oder im Alter durch die Gemeinschaft versorgt zu werden.

Sogar Tiere kennen Unfairness bzw. ein Ungleichheitsgefühl. Besonders bekannt wurde das Fairness-Experiment mit den zwei Affen, die für die gleiche Leistung ungleich bezahlt wurden und das gar nicht gut fanden.


Wer jetzt neugierig geworden ist, kann in diesen beiden Artikel noch mehr zu diesem Thema erfahren: Das Tier und die Moral und Die Moral der Tiere.


Unsere kulturgeschichtlichen Komponenten können im Gegensatz dazu ganz unterschiedlich sein und sich stetig wandeln. Was in einer Kultur als normal gilt, ist woanders undenkbar. Bspw. Kinderarbeit, arrangierte Ehen oder das Verheiraten minderjähriger Kinder.


In diesem sehr interessanten brandeins-Interview spricht Entwicklungspsychologin Heidi Keller darüber, welche grossen Unterschiede zwischen Kindern aus verschiedenen Kulturkreisen bestehen.


Wo Norm auf Kultur und Bio trifft.

Moral bedeutet immer ein komplexes Zusammenspiel der verschiedenen Moralbereiche und kann nicht nur auf einen dieser Faktoren reduziert werden. Die diversen Interaktionen zwischen den Bereichen ergeben spannende Reaktionsfelder.

Moral Interaktionen

Bei der Kultur-Ethik-Interaktion ermöglichen kulturelle und gesellschaftliche Innovationen moralische Veränderungen und treiben so auch kulturelle Veränderungen voran. So konnte z.B. die Kindersterblichkeit erheblich reduziert werden, als im Rahmen der Aufklärung wachsender Wohlstand und bessere soziale und hygienische Massnahmen Einzug hielten.

Kultur-Biologische Interaktionen zeigen, dass sich verschiedene kulturelle Praktiken auch in der Biologie festsetzen können. So haben Forschungen gezeigt, dass die Kindererziehung Einfluss auf die Hirnentwicklung hat. Und Experimente im Bereich der Epigenetik haben ergeben, dass Umwelteinflüsse tatsächlich die Gene direkt beeinflussen können.


Auch hierzu gibt es spannende Links zu entdecken: “Vaters Erbsünde”, “Planet Wissen – Epigenetik”, Podcast “Wie Umwelt und Verhalten Gene steuern”,  “Spuren der Vorfahren auf unserem Erbgut”.


Bei den Biologie-Ethik-Interaktionen liefert eine veränderte biologische Moral die Grundlagen für verschiedene Moralsysteme (“Weltanschauungen”).

Die Inner-Ethik-Interaktion erfolgt im Rahmen der normativen Moral. Hier wird alles theoretisch durchdacht und durch meta-ethische Überlegungen neue Normen geschaffen oder bestehende Normen gestärkt.

Alle diese Punkte interagieren miteinander und beeinflussen sich stetig. Versucht man Moral nur auf einen dieser Faktoren zu reduzieren, droht Missbrauchsgefahr.

Verwirrung

 

Und was ist jetzt genau Ethik?

Ethik ist die Wissenschaft, die Moral und Moralsysteme betrachtet, reflektiert und analysiert. Ziele sind die analytische Klärung und argumentative Begründung unserer moralischen Überzeugungen. Es gilt, nicht einfach bestehenden Autoritäten und Traditionen zu folgen, sondern eine (selbst-)kritische Haltung einzunehmen und selbstständig ein eigenes Urteil zu fällen.

Die ethische Reflexion sollte unparteilich sein und nicht nur individuellen oder gruppenspezifischen Interessen folgen. Hier lassen sich Parallelen zum Konzept des Stakeholderdialogs ziehen. Ziel ist es, «alle am runden Tisch» zu haben und jede Stimme zu hören.

 

Werte, Normen, Tugenden

Begriffe wie Werte, Normen, Tugenden, Prinzipien und Kodex tauchen in der Ethik oft auf und führen regelmässig zur Verwirrung. Hier half uns Markus Christen bei der Einordnung.

Werte können wir ähnlich wie Gegenstände wahrnehmen, obwohl sie unsichtbar und nicht materiell sind. Es sind Begriffe, die Einzelpersonen oder Institutionen für ein positives Ziel halten, das es zu erreichen gilt. Werte können sowohl positiv als auch negativ sein. Beispiele für Werte sind Freundschaft, Respekt, Ehrlichkeit, Harmonie, Loyalität, Sympathie, Perfektion, Sorgfalt, Vertrauenswürdigkeit. Negative Werte wären bspw. Abhängigkeit, Gier oder Machtstreben.

Normen und Tugenden stehen mit Werten in direkter Wechselwirkung. Gerechtigkeit ist gleichzeitig ein Wert und eine Tugend. Der Begriff Tugend bezieht sich meist auf Personen. Jemand ist anständig, tapfer, grossherzig oder treu. Normen hingegen definieren Standards im Verhalten.

Aus Werten werden Prinzipien – Grundsätze für ethische Systeme – oder ein Kodex – ein schriftliches Verhaltens-Regelwerk – entwickelt.

 

Die Erforschung der Moral

Identifiziert werden moralische Werte durch verschiedene Forschungsbereiche:

      • Anthropologie untersucht die Fähigkeit zur Zusammenarbeit in kleinen Gruppen als Merkmal moralischer Werte.
      • Die Kognitiven Neurowissenschaften untersuchen die Stärke der emotionalen Reaktion auf Norm-Überschreitungen als Marker der Moral.
      • Die Evolutionsbiologie misst den Grad der Fitness-Reduzierung einiger Verhaltensweisen, um sie als moralisch zu bezeichnen.
      • Die Philosophie beschäftigt sich mit dem Grad der Universalisierbarkeit als Eigenschaft moralischer Urteile.
      • Und die Psychologie untersucht die Akzeptanz von Normüberschreitungen, um moralische und konventionelle Normen zu unterscheiden.

Das Zusammenspiel aller Disziplinen bildet ein Wertenetzwerk, das verschiedenste Kriterien untersucht. Dabei zeigt sich eine deutliche Polarisierung.

Werte-Netzwerk

Intuitiv bilden sich Wertegruppen: Moralische Kernwerte wie Respekt, Loyalität, Verantwortungsbewusstsein, Nichtschaden und Fairness stehen nicht-moralischen Kernwerten wie Reputation, Leistung, Wettbewerb und Profitabilität gegenüber. Dies entspricht exakt der Situation in vielen Unternehmen.

Hier zeigt sich aber auch die Kraft der Ethik. Durch Brückenwerte wie Integrität, Transparenz, Compliance, Engagement und Professionalität kann Ethik diese oft doch sehr unterschiedlichen Pole argumentativ zusammenbringen und ein ausgewogenes, akzeptiertes Wertenetz schaffen, welches die Interessen aller Stakeholder respektiert und berücksichtigt.

Dieses Chart hinterlässt Eindruck bei der Klasse und ist an diesem Tag wohl die meistfotografierte Folie.

 

Die drei Theorie-Traditionen in der wissenschaftlichen Ethik.

Ethiktheorien

3 Ethik-Theorien bilden die Basis der ethischen Einscheidungsfindung. Jede dieser Theorien nähert sich der Problematik von einem anderen Blickwinkel und hilft so, neue Erkenntnisse, Einsichten und Blickwinkel zu erhalten.

1. Konsequentialismus:

Hier betrachten wir Fragen nach den Folgen des Handelns und unserer moralischen Überzeugungen. Dabei folgen wir der Prämisse, möglichst viel Gutes hervorzubringen und möglichst wenig Schaden zu verursachen.

2. Pflichtethik / Dentologie:

Hier geht es um die Frage, ob Handlungen in sich selbst richtig oder falsch sind. Negative Pflichten und Regeln sind hier wichtiger als positive. Beispiele wären «Bestimmte Dinge darf man (besonders mit Menschen) nicht machen!» oder «Du sollst nicht lügen».

3. Tugendethik:

Hier stellen wir Fragen nach den moralischen Kompetenzen und Eigenschaften von Personen. Diese Theorie fokussiert auf der Wahrnehmung der eigenen Einstellung und Charaktereigenschaften mit dem Ziel eines “guten Lebens”. Diese doch recht offene Definition macht die Tugendethik in der Anwendung oft etwas diffus und nicht bei allen ethischen Fragen anwendbar.

Welche Theorie in der Argumentation zum Einsatz kommt, hat immer stark mit der Persönlichkeit sowie der zu betrachtenden Problematik zu tun. Es gibt nicht immer eine klare Lösung.


Sarah Spiekermann empfiehlt in Ihrem Buch “Digitale Ethik” ebenfalls, die ethischen Fragestellungen an die 3 Traditionstheorien anzulehnen und beschreibt das in einem guten Beispiel. Ihren Studenten, die im Rahmen des Fachs Innovationsmanagements eine Produkt-Roadmap entwickeln sollen, stellt Sie folgende Fragen:

1. Wie wirkt sich die Technik, die ihr euch ausgedacht habt, langfristig auf den Charakter der betroffenen Stakeholder (bspw. Mitarbeiter oder Kunden) aus?

2. Welche menschlichen, sozialen, ökonomischen oder sonstigen Werte werden im Positiven wie im Negativen durch die Innovation tangiert? Überwiegen Vor- oder Nachteile?

3. Welche persönlichen Werteprioritäten seht ihr durch den Service betroffen, die ihr aus eurer Sicht für so wichtig haltet, dass ihr sie gerne in unserer Gesellschaft bewahren möchtet?

Durch diese Fragen entdecken ihre Studenten eine andere Art zu denken und entwicklen plötzlich ganz neue kreative und menschenfreundliche Ideen. Es zeigt sich: Wer offen an Problemstellungen geht, seinen eigenen Standpunkt hinterfragt und auch mal die (Denk)Perspektive wechselt, wird mit interessanten Erkenntnissen, neuen Ideen und Lösungen belohnt.


Nach diesen theoretischen Grundlagen ging’s nach kurzer Kaffeepause direkt weiter zum

MODUL 2: BIG DATA & ETHIK.

Big Data Krake

Hör auf dein Bauchgefühl.

Wir starteten mit einer sehr spannenden Übung. Jeder Student erhielt eine kleine Karte, mit dem Kurzbeschrieb einer Big Data-Anwendung. Diesen Case stellte man kurz der Klasse vor und ordnete ihn dann auf einer Skala zwischen “ethisch unproblematisch” und “ethisch hochproblematisch” ein.

In meinem (fiktiven) Fall bekam ich eine Mitteilung vom Hersteller meines Smart TV. Darin wurde informiert, dass der TV Gespräche aufzeichnet und diese Daten auch an Dritte weitergibt. Der Hersteller empfahl, keine vertraulichen Gespräche mehr in der Nähe des Smart TV zu führen.

Die Einordnung auf der Skala war relativ klar: Daten ohne Zustimmung aufzeichnen, Weitergabe an Dritte, keine Lösung des Herstellers ausser der Empfehlung, nicht mehr im Umkreis des TVs zu sprechen – hochproblematisch.

Viele andere Cases waren nicht ganz so eindeutig. Am Ende zeigte sich: als eher unproblematisch werden Fälle beurteilt, bei denen der Anwendungskontext klar ist und bei denen ein definierter und für den Kunden nachvollziehbarer Trade Of (z.B. Daten für eine gewisse Gegenleistung) erfolgt.

Hochproblematisch waren Anwendungen, bei denen bei kontextgebunden Daten Unklarheit vorherrschte (Was passiert mit den Daten? Wer hat darauf Zugriff?) oder bei dem eine unfaire Behandlung erfolgte (z.B. Bei Verwendung eines Apple-Gerätes werden dem Nutzer teurere Preise angezeigt als bei Verwendung eines Uralt-Laptops).

 

Big Data – ein Spannungsfeld der Extreme.

Einerseits kann Big Data als enorme Ressource für Innovationen genutzt werden, andererseits ist Big Data eine fundamentale Bedrohung für unsere Freiheit und Privatsphäre.

Fakt ist: Nutzt man digitale Technologie, erzeugt man Daten. Dies geschieht nicht unbedingt in der Absicht, Menschen gezielt zu überwachen, es liegt einfach in der Natur digitaler Produkte.

Da mittlerweile nicht nur Computer, Smartphones und Wearables, sondern auch Autos, Haushaltsgeräte und Gebäude eine riesige Menge an Daten erzeugen, ergeben sich viele Berührungspunkte zwischen Big Data und Ethik. Diese resultieren einerseits aus der schieren Grösse und Komplexität der erzeugten Daten und andererseits aus den immer ausgefeilteren Analyse-Methoden.

Berührungspunkte Big Data vs. Ethik

Eine interessante Beobachtung machte mein Mitstudent Martin. Er stellte fest, dass wie so oft in Diskussionen zur digitalen Ethik ja nur die negativen und nicht positive Verknüpfungen aufgezeigt werden.

Aber so ist das nun mal: Während gute Dinge schnell als selbstverständlich gelten, entfacht sich die Debatte meist an den negativen Folgen von Big Data. Ein Grund mehr, vorausschauend zu denken und in Zukunft Ethik direkt mit in die Produktentwicklung einzubinden.

 

Ethik in Zeiten von K.I.

Im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz und Machine Learning erwarten uns ganz neue ethische Herausforderungen und Fragen.

Wie bleiben K.I. Systeme nachvollziehbar?
Ist es richtig, Entscheidungskompetenz an Maschinen zu übergeben?
Können autonome Systeme Verantwortung übernehmen?
Wie bestraft man eine K.I. bei Fehlverhalten?

Ein Mensch hat Träume, Wünsche, Ziele und Ängste. Er lässt sich von Intuitionen leiten, passt sein Moral-Verhalten je nach Situationen an.

Eine K.I. ist ein Schaltkreis. Ohne Wünsche. Ohne Bedürfnisse.

Wie soll eine Maschine jemals solche zutiefst menschlichen Überzeugungen, Gefühle und Werte nachvollziehen können und die dynamischen, wandelbaren und doch fragilen Wertenetzwerke respektieren?

Big Data Bubble

 

Big Data Ethics

Klar ist, es braucht ethische Orientierungspunkte für Big Data, aus denen Personen, Unternehmen und Politik Handlungsempfehlungen ableiten können.

1. Schutz der Privatsphäre

Menschen brauchen geschütze Lebensbereiche, in denen sie sich frei bewegen, entwickeln und verhalten können.

2. Gleichheit und Nichtdiskriminierung

In unserer Gesellschaft ist das Fairnessgebot unbestritten.

3. Informationelle Selbstbestimmung

Jeder Einzelne kann selbst über das Erheben, Speichern, Verwenden und Weitergeben persönlicher Daten bestimmen. Ein praktischer Ausdruck dieser Autonomie besteht im Prinzip der informierten Zustimmung.

4. Kontrolle der eigenen (digitalen) Identität

Diese Forderung gilt aufgrund der Möglichkeiten von Big-Data-Anwendungen verschiedene Merkmale eines Kunden zu aggregieren, zu korrelieren und zu einer digitalen Identität zu verdichten. Besteht Einsicht und Korrekturmöglichkeit solcher Identitäten?

5. Transparenz

Nur durch offene und relevante Kommunikation bezüglich der zur Debatte stehenden Entscheidungen können sich die Akteure eine gut informierte Meinung bilden und freie Entscheidungen treffen. Jede Person hat das Recht zu wissen, wer welche Daten von ihr oder über sie zu welchem Zweck verarbeitet.

6. Solidarität

Wir sind alle Teil der Gemeinschaft. Deshalb lassen wir Einzelpersonen in Bezug auf bestimmte Risiken nicht allein.

7. Konzeptuelle Integrität

Privatperson / Geschäftsperson / Staatsbürger: Die Lebenswelt des Menschen ist in verschiedene soziale Bereiche gegliedert, welche sich in der Interpretation moralischer Grundwerte und der damit verbundenen Regeln unterscheiden. Durch Big-Data-Anwendungen, die danach streben, möglichst viele verschiedene Informationen über Individuen zu erfassen, erhöht sich das Risiko, die kontextuelle Integrität der einzelnen Bereiche zu verletzen. (Medizinische Daten vs. Bankdaten)

8. Eigentums- & Urheberrecht

Das Eigentums- und das Urheberrecht sind in der Schweiz von der Verfassung geschützte Grundrechte. Inwieweit fallen Big Data Daten ebenfalls unter diese Rechtsnormen?

 

Und was heisst das für…

… Unternehmen?

      • Ethics Case: Von Anfang an ethische Aspekte berücksichtigen und über die Auswirkungen der Anwendungen auf ethische Werte nachdenken.
      • Kundenbedürfnisse evaluieren: Würden die Kunden ihre Daten immer noch zur Verfügung stellen, wenn sie wüssten, was mit ihren Daten geschieht?
      • Transparenz & Wahlfreiheit schaffen: Ohne Vertrauen und Akzeptanz der Nutzer als Datenlieferanten gibt es keinen erfolgreichen Einsatz von Big Data. Kommunizieren Sie verständlich über die Nutzung von Daten und bieten Sie angemessene Alternativen je nach Entscheid?

… die Politik?

      • Überarbeitung des Datenschutzgesetzes: Wie lässt sich das Datenschutzrecht anpassen, um Big Data Innovationen in ethischer Weise zu vereinfachen?
      • Kooperation Staat und Wirtschaft: Die technologischen Entwicklungen sind schneller als der Datenschutz. Wie kann der Staat die Wirtschaft bei der Formulierung und Umsetzung von Verhaltenskodizes und Branchenregelungen unterstützen?
      • Standardisierung der AGB: Wie können Inhalt und Form von AGB transparenter und verständlicher für den Nutzer werden?

Bei so vielen verschiedenen Aspekten sind Konflikte und Diskussionen vorprogrammiert. Da hilft es, in der Praxis Tools und Hilfsmittel zu haben, die helfen moralische Probleme zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu finden.

 

MODUL 3: ETHISCHE ENTSCHEIDUNGSFINDUNG.

Entscheidungsfindung

Nach den theoretischen Grundlagen besprachen wir im dritten Teil der Vorlesung die Anwendung in der Praxis.

Tools liefern nie die finale Antwort. Sie dienen uns als Hilfsmittel und Denkhilfen, um strukturierter und systematischer an Diskurse herauszugehen oder um moralische Probleme und Konflikte zu erkennen und mögliche Lösungen zu finden. Es existieren keine starren Mechanismen oder Algorithmen, die auf Knopfdruck eine Lösung ausspucken können.

Das 5-Punkte Schema

Genauer angeschaut haben wir uns die 5 Punkte des Schemas “Ethische Entscheidungsfindung” von Barbara Bleisch und Markus Huppenbauer.

Die Autoren des Buches Praxis-Handbuches Ethische Entscheidungsfindung empfehlen folgendes Vorgehen:

1. Schritt: Analyse des Ist-Zustandes.

        • Alle bekannten Fakten werden aufgelistet. Gibt es wichtige Informationen, die fehlen? Gibt es Unklarheiten oder Unsicherheiten, für die weitere Abklärungen nötig sind? Stimmt die Verlässlichkeit der Quellen? Das kann auch bedeuten, dass die Entscheidungsfindung warten muss, bis besseres Wissen zur Verfügung steht.
        • Geltendes Recht berücksichtigen. Das bedeutet jedoch nicht, dass geltendes Recht nicht hinterfragt werden kann. Recht muss nicht automatisch moralisch richtig sein. Manchmal sind Gesetze menschenverachtend oder diskriminierend (z.B. die Nürnberger Rassengesetze von 1935 oder Stimm- und Wahlrecht nur für Männer).
        • Stakeholder identifizieren. Moralische Streitfragen treten meist zwischen einzelnen Menschen oder Menschengruppen auf. Jede beteiligte Partei hat unterschiedliche Anforderungen, Ansprüche und Interessen – und somit auch ein Recht, in die Entscheidungsfindung eingebunden zu werden. Unternehmen sind nicht nur ihren Eigentümern oder Kapitalgebern verpflichtet, denn Aktivitäten von Unternehmen betreffen meist auch weitere Interessengruppen wie Mitarbeiter, Lieferanten oder die Gesellschaft. Somit muss in dieser Phase geprüft, wer Interessen anmelden kann.
        • Kontextsensibilität entwickeln. Hier bedarf es der Fähigkeit, die verschiedenen Interessen und Bedürfnisse aller Betroffenen zu verstehen und nachzuvollziehen. Moralische Debatten werden nie nur mit klaren Argumenten geführt; es fliessen immer diffuse Hoffnungen, Ängste und Meinungen mit ein, ebenso wie gesellschaftliche, historische und weltanschauliche Kontexte. Diese verschiedenen Wahrnehmungsperspektiven müssen einbezogen werden.

Nach diesen grundlegenden Vorbereitungen geht es weiter zum

2. Schritt: Die moralische Frage benennen.

Hier geht es darum, die moralisch relevanten Fragen herauszustellen und mögliches Konfliktpotential zu identifizieren. Moralische Fragen sind keine Geschmacksfragen. Es geht nicht um die eigenen Präferenzen, sondern um Urteile, die auch unabhängig von persönlichen Einstellungen Gültigkeit haben. Moralische Fragen können sich im Wandel der Zeit ändern: durch geänderte Wertvorstellungen, geändertes Faktenwissen oder wachsende Einflussmöglichkeiten.

Hat man die strittigen Fragen und Konfliktfelder definiert, erfolgt der

3. Schritt: Analyse der Argumente.

        • Pro und Kontra-Argumente werden aufgeführt. Da Argumente in der Regel unterschiedliche Normen und Werte zum Ausdruck bringen, ist es hilfreich, dazu eine Liste der diversen Stakeholder und ihren jeweiligen Pro und Kontras zu erstellen.
        • Moralische Werte und Normen rekonstruieren. Dies erfolgt unter  Zurhilfenahme der drei oben vorgestellten Moraltheorien Konsequentialismus (“Verbessere die Welt!”), Dentologie (“Respektiere dein Gegenüber!”) und Tugendethik (“Sei charakterstark!”).
        • Abgleich der Argumente mit den normativen Theorien.

4. Schritt: Evaluation und Entscheidung

        • Evaluierung aller Argumente. Welche überzeugen, welche nicht? In der Ethik müssen moralische Urteile und Überzeugungen gerechtfertigt sein und die Standpunkte mit Argumente verteidigt werden können.
        • Standpunkt der Moral einnehmen. Dazu wird ein universaler Standpunkt eingenommen. Dieser soll unvoreingenommen und unparteiisch sein. Ganz wichtig ist dabei die kritische Selbstdistanzierung.
        • Argumente beurteilen und gewichten. Um eine Entscheidung treffen zu können, werden die Argumente der einzelnen Stakeholder beurteilt. Sind sie stichhaltig? Sind einige vielleicht ungültig oder fehlerhaft? Danach erfolgt nach ausführlicher Argumentation die Gewichtung. Oft führt diese Gewichtung nicht zu einer eindeutigen Lösung.
        • Güterabwägung. Dieses Verfahren löst einen Konflikt, in dem zwei oder mehrere gleichwertige “Güter” – also mögliche Optionen – nicht gleichzeitig gewählt werden können und man so zu einer Entscheidung gelangt.

Ist eine Entscheidung getroffen, gilt es, diese Position zu verteidigen. Hierzu werden die wichtigsten Argumente am besten schriftlich festhalten und so sichergestellt, dass wir eine nachvollziehbare, klare Meinung vertreten. Trotz allem soll man auch nach der Entscheidungsfindung offen bleiben und immer wieder Bestehendes in Frage stellen.

5. Schritt: Implementierung der Lösungen

Nachdem man die ethischen Entscheidungen getroffen hat, gilt es, die Lösungen oder Positionen umzusetzen. Dazu können Empfehlungen ausgesprochen oder aber auch konkrete Massnahmen vorgeschlagen werden. Dazu können bspw. rechtliche Kodifizierungen, freiwillige Vereinbarungen, ökonomische Anreize, Kommunikation in Medien, Verwendung von Bildern und Geschichten oder Schaffung attraktiver Vorbilder sein.

Gerade dieser letzte Punkt kann helfen, den Stellenwert der Ethik in der Praxis zu stärken. Statt immer nur Probleme aufzuzeigen, können Ethikerinnen und Ethiker so Teil der Lösung werden und wichtige Denkanstösse zur Entwicklung neuer Ideen, Produkte und Problemlösungen geben.

Genau deshalb wird die Integration der Ethik in die Produktentwicklung in Zukunft unverzichtbar werden. So profitieren durch die bewusste Auseinandersetzung mit ethischen Werten Gesellschaft, Unternehmen und Ökonomie gleichermassen.

Entwickler-Team vs. Ethikboard

Diese Empfehlung für eine ethische Entscheidungsfindung erprobten wir direkt in der Praxis. Die Klasse teilte sich in Entwicklerteam und Ethikboard auf und übte den ethischen Diskurs anhand des fiktiven Fallbeispiels einer Versicherung, die mit Fahrdaten eines Autoherstellers neue Produkte entwickeln will.

Der Fall hatte es durch verschiedene Komplexitätsstufen ganz schön in sich und er zeigte, dass es sehr vorteilhaft ist, Ethik bereits in die Produktentwicklungsphase zu implementieren.

 

MODUL 4: EIN DATEN-ETHIK-KODEX

Tool Daten Ethik Kodex

Im letzten Vorlesungsteil lernten wir den “Ethischen Kodex für die datenbasierte Wertschöpfung” kennen, der gerade durch die Expertengruppe Datenethik der Swiss Alliance for Data-Intensive Services entwickelt wird.

Ziel dieses Kodex ist es, hilfreiche Antworten auf ethische Fragen zu geben, die sich bei der Datennutzung ergeben, und Empfehlungen bereitzustellen. Gerade in Arbeit ist zudem ein Implementierungs-Guide für diesen Kodex.

Speziell KMUs und Start Ups ohne feste Ethikboards oder Compliance-Verantwortliche bekommen mit dem Daten-Ethik-Kodex einen praxisnahen “Werkzeugkasten” zur Hand.

Die Ethische Grundorientierung des Kodex beruht auf 3 Punkten:

1. Schadensvermeidung:

mit den Kernwerten Schutz (z.B. vor unbefugtem Zugriff), Sicherheit (z.B. im Sinn von Cybersicherheit) und Nachhaltigkeit (Minimierung negativer Auswirkungen auf die Umwelt.


2. Gerechtigkeit:

mit den Kernwerten Gleichheit (z.B. Schutz vor Diskriminierung), Fairness (z.B. Gegenleistungen für das Sammeln von Kundendaten) und Solidarität (Daten der Öffentlichkeit werden für eine gemeinschaftliche Benutzung verfügbar gemacht).


3. Autonomie:

mit den Kernwerten Freiheit (z.B. Ermöglichung von Wahlfreiheit), Privatsphäre (z.B. Verzicht auf die Sammlung bestimmter privater Daten) und Würde (z.B. durch Informationspraxis, die Kunden ernst nimmt, anstelle endloser unverständlicher AGB).

Umgesetzt wird das Ganze durch prozedurale Werte wie Kontrolle (saubere, steuerbare interne Prozesse), Transparenz (nach innen wie nach aussen) und Rechenschaft (durch klar definierte Zuständigkeiten).

 

Basis Data-Life-Cycle

Der Kodex berücksichtigt den Data-Life-Cycle – die 4 Etappen der Datennutzung.

Im Schritt 1, der Datenerzeugung bzw. -akquirierung, entstehen digitale Daten. Bei Schritt 2,  Datenspeicherung und Datenmanagement, entsteht eine Datenbank mit Zugriffsregeln und Sicherheitsmechanismen. Als Ergebnis von Schritt 3, der Datenanalyse und Wissensgenerierung, entsteht ein Datenprodukt. Und beim Schritt 4, dem Einsatz datenbasierter Produkte und Dienstleistungen, entsteht die Wirkung des Datenproduktes, also der Effekt auf Menschen und Gesellschaft.

Für jede dieser Etappen hat der Kodex eine ausführliche Liste an Empfehlungen generiert. Anhand dieser Empfehlungen können Unternehmen die für sie relevantesten Sachverhalte auswählen, ihre Produkte oder Angebote daraufhin prüfen und gegebenenfalls Massnahmen umsetzen.

 

Same same but different.

In der nachfolgenden Übung konnten wir diesen Prozess direkt testen. Wir erhielten die Empfehlungslisten des Daten-Ethik-Kodex und jeder konnte die für ihn bzw. sein Unternehmen wichtigsten Punkte markieren.

Hierbei wurde die Wichtigkeit von Diversität bei ethischen Debatten deutlich. Je nach persönlichen Wertvorstellungen sowie der Position im Unternehmen wurden ganz unterschiedliche Empfehlungen priorisiert.

Ein IT Verantwortlicher trifft andere Entscheidungen als eine Compliance-Beauftragte. Umso wichtiger ist es, möglichst viele verschiedene Stimmen und Argumente zu hören, um am Ende faire ethische Entscheidung treffen zu können.

 

Diversität hat Zukunft.

Mein Fazit am Ende dieses aufschlussreichen Tages: Diversität ist kein Buzzword, sondern gerade im Zusammenhang mit ethischer Entscheidungsfindung die Zukunft. Wer verschiedene Positionen anhört und seine eigene Haltung immer wieder selbstkritisch hinterfragt, schützt sich vor bösen Überraschungen und erhält neue Blickwinkel, Ideen und Chancen.

Es braucht gar nicht immer ein Ethikboard. Wird Ethik in Unternehmensprozesse eingebunden, von Anfang an in Produktentwicklungen integriert und die Mitarbeiter mit ins Boot geholt, ist man für die zukünftigen Herausforderungen gut aufgestellt.

Dieser Weg wird vielleicht nicht immer ganz einfach – aber er lohnt sich.

bright future