Aus dem Unterricht des CAS Digital Finance mit Dozent Markus Graf, Co–Founder & Startup Coach – SIX Group / F10 und Viola Zoller, Event & Community Manager – SIX Group / F10, berichtet Student David Studer.

Der 26. Juni 2018 stand im ganz im Zeichen von FinTech. Der Lehrgang CAS Digital Finance von der HWZ war zu Besuch beim F10 Incubator & Accelerator in Zürich. Wir erhielten spannende Einblicke in die Tätigkeit eines führenden FinTech Incubators und dessen Innovationstätigkeit.

An der Förlibuckstrasse 10 in Zürich befindet sich das F10. Was wie eine Rakete klingt, ist der SIX’s Incubator & Accelerator für FinTech, also das Innovationszentrum und der Brutkasten für neue Ideen. Zwar entwickelt F10 keine neuen Raketen um zum Mond zu fliegen, doch findet sich eine Rakete im Logo des F10. Diese steht sinnbildlich für neue Technologien, Innovation, Vernetzung und Kooperation. Die Spezialisten vom F10 sind überzeugt, dass die Digitalisierung immer rascher voranschreiten und immer mehr Bereiche, Branchen und Services tangieren wird.

Das F10 besitzt die Rechtsform eines Vereins und hat zum Ziel, das FinTech Ökosystem in der Schweiz zu fördern, weltweit zu vernetzen und somit die Innovationsfähigkeit der Finanz- und Versicherungsbranche zu stärken und einen nachhaltigen Beitrag zum Aufbau eines zukünftigen modernen Finanzplatzes Schweiz zu leisten. Zu den namhaften Mitgliedern des F10, welches als NPO (non-profit organization) aufgestellt ist, gehören nebst SIX Banken wie Julius Bär, die Zürcher Kantonalbank und die Raiffeisen Bank aber auch Versicherer wie Generali und Basler oder das Beratungsunternehmen PWC.

Insbesondere das verbessern der Innovationsfähigkeit des Banken- und Versicherungsplatzes Schweiz erachtet Markus Graf als dringend notwendig. Graf ist der Meinung, dass sich die Art, wie Kunden künftig Finanzdienstleistungen beziehen werden, grundlegend verändern wird. Immer mehr würden Financial Services auf digitalen Kanälen verlangt. Der Trend gehe klar in Richtung Mobile.

Um aufzuzeigen, wie sich die Kundenbedürfnisse wandeln werden, zog Graf das Beispiel von UHNWI-Bankkunden (Ultra high-net-worth individuals), also Bankkunden mit sehr hohem Vermögen, heran. Viele Banken und deren Kundenberater hielten noch nicht viel von FinTech, Mobile-Lösungen und dergleichen und seien immer noch überzeugt, dass die Kunden das persönliche Gespräch auch in Zukunft einer App vorziehen werden. Ihnen fehle die Fähigkeit zu antizipieren, welche Dienstleistungen künftig gefragt sein werden. Doch Graf ist überzeugt, dass die Nachkommen dieser Kunden, die meist 70 Jahre und älter seien, nach und nach andere Services und Dienstleistungen von Banken verlangen werden. Diese bewegen sich weg von der ausschliesslich persönlichen Beratung hin zu hybriden Modellen und elektronischen Lösungen. Dieser Entwicklung gelte es Rechnung zu tragen.

Grafik F10: Anticipation

Innovation vs. Invention

Innovation heisst wörtlich übersetzt Neuerung oder Erneuerung. Das bedeutet, ein bestehendes Produkt, ein bestehender Prozess oder ein bestehender Service wird signifikant verbessert. Das ist die Kernkompetenz des F10. Eine Invention hingegen ist eine Erfindung. Dies ist der Fall, wenn ein Produkt oder ein Prozess zum ersten Mal kreiert wird. Invention steht meist in Zusammenhang mit Universitäten und deren Grundlagenforschung und hat nichts mit der Haupttätigkeit des F10 zu tun.

Das Innovationsproblem

Innovation braucht Zeit und kostet einiges. Ein ökonomischer Nutzen tritt nicht unmittelbar ein und kann im Worst Case auch mal ganz ausbleiben. Dies ist mit ein Grund dafür, wieso Geschäftsleitungen gegenüber Innovationsprojekten oftmals sehr kritisch eingestellt sind. In ihrer Welt von Quartalsabschlüssen und Jahresgewinnen passen Cash-Flows, die erst Jahre später zu Buche schlagen, meist nicht ins Konzept. Ein weiteres Problem seien die Entscheidungsträger in den Geschäftsleitungen, welche durch jahrzehntelange Berufstätigkeit risikoavers geworden sind und unter einer gewissen Déformation professionelle leiden. Zudem haben etablierte Firmen Schwierigkeiten, neue Technologien zu adaptieren und sich gegen disruptive Anbieter im Markt zu behaupten.

Es gibt aber noch weitere Gründe für Innovationsprobleme. Zum einen haben viele grosse Unternehmen in der Finanz- und Versicherungsbranche mit veralteten IT-Systemen, sogenannter Legacy-IT, zu kämpfen oder es fehlt schlichtweg das entsprechende Know-how. Den Hauptgrund für mangelnde Innovationsfähigkeit sieht Graf jedoch in der Unternehmenskultur. So seien aufgrund von schlechten Zielvorgaben und Jahreszielen (MbO; Management by Objectives), die direkt mit dem Bonus verknüpft sind, gar keine grossen Veränderungen und bahnbrechende Innovationen möglich. Der Zeithorizont ist schlicht zu kurz. Diese Innovationen bräuchten, wie oben beschrieben, einfach zu lange, um für die Jahresendbeurteilung relevant zu sein. Dies werde sich in Zukunft ändern müssen, damit langfristige Innovation vermehrt stattfindet. Denn beim F10 ist man überzeugt, dass die Kannibalisierung des Business ohnehin stattfinden wird. Entweder man macht es als Firma selbst oder ein anderer tut es.

Grafik F10: Cannibalization

Fail fast, fail early

Der Innovationsprozess von F10 lässt sich in die vier Phasen «hear», «create», deliver» und «validate» unterteilen. Der Sprint, also der Entwicklungszyklus, dauert nur 3 Wochen.

  1. Hear: Die Firma spricht mit verschiedenen Stakeholdern und klärt die Kundenbedürfnisse ab
  2. Create: Ein Prototyp wird gebaut. Falls nötig werden Änderungen vorgenommen.
  3. Deliver: Der Prototyp wird geliefert
  4. Validate: Der Prototyp wird von den Kunden getestet.

Danach wird entschieden, ob ein grösseres Projekt gestartet wird oder nicht.

Das Ziel des F10-Innovationsprozesses ist ein sogenanntes MVP (Minimum viable product). Also ein «minimal überlebensfähiges Produkt». So kann mit minimalem Aufwand ein Kundenbedürfnis gedeckt werden und die Kunden können Feedback zu einem Produkt-Prototypen geben.

Grafik F10: Innovation Process

Wie löste SIX das Innovationsproblem?

SIX/F10 löst das Innovationsproblem indem sie einen sogenannten Hackathon (Wortschöpfung aus «Hack» und «Marathon») veranstalten. Hierbei treffen sich Leute aus verschiedenen Fachbereichen, um gemeinsam ein Produkt oder eine Dienstleistung zu entwickeln. Diese Veranstaltungen finden weltweit statt. So beispielsweise in Zürich, Wien, Singapur und Sao Paolo.

F10, welches die Organisation und die Finanzierung übernimmt, gewährt den Teilnehmern die vollen Rechte an den Innovationen. Die Teilung erfolgt 100/100 – es haben also die Hackathon-Teilnehmenden und F10 die vollen Rechte und sind so gleichgestellt. F10 sieht in Hackathon vor allem eine Chance, neue Märkte kennen zu lernen, Talente zu finden und an neue Innovationen und Ideen zu kommen.

Die bisherigen Hackathons von F10 stiessen auf grosses Interesse und brachten zahlreiche neue Innovationen hervor. Untenstehende Tabelle fasst den beeindruckenden Output eines solchen Hackathons übersichtlich zusammen.

Grafik F10: Hackathon Output

Grafik F10: Hackathon Program Overview

Wer innovativ ist oder ein Produkt oder eine Dienstleistung für die Finanzbranche entwickeln will und fundierte fachliche Unterstützung insbesondere in den Bereichen Finanzen und IT wünscht, ist bei den Spezialisten von F10 herzlich willkommen und bestens aufgehoben. Die Finanzbranche in der Schweiz braucht auch künftig viele zündende Ideen.