Aus dem Unterricht des CAS Digital Masterclass mit Nico Luchsinger berichtet Studentin Patrizia Keller.

China als aufstrebende Technologiemacht

Silicon Valley ist heute top of mind, wenn es um Technologiemacht geht. Das auch nicht ganz ohne Grund: denn den USA gehören heute 64% der 60 wertvollsten Plattformen der Welt. Wenn man den Blick aber in Richtung Osten lenkt, kann man den Kampf um die Technologieherrschaft schon riechen: Asien ist der dynamischste und schnellst wachsende Technologie-Gigant der Welt.

Bildquelle: Netzoekonom.de

Doch was heisst eigentlich „Asian Power“ im technologischen Kontext? Die treibenden Nationen sind China und Indien. Nico Luchsinger, Co-Executive Director bei der Asia Society Switzerland, gibt uns anhand verschiedenen Fakten und Beispielen Einblicke in die Treiber der Entwicklung. Diese Zusammenfassung konzentriert sich auf China.

1. unvorstellbare Grössen und Wachstumspotenziale

Wenn man die BIP-Entwicklung anschaut, bekommt man eine wage Vorstellung davon, in welchen Dimensionen sich Asien bewegt:

Bildquelle: TV Mohandas Pai, Manipal University

Während die OECD-Länder nur noch langsam wachsen, entwickelt sich Asien rasant. Gideon Rachmann berichtet in seinem Buch „Easternisation“ ausserdem davon, dass Asien bis 2050 insgesamt 48% des weltweiten BIP ausmacht und somit die wirtschaftliche Stärke von Europa und Nordamerika zusammen erhalten soll. Habt ihr des Weiteren gewusst, dass bis 2050 2/3 aller Menschen in Asien leben werden?

2. Innovations-Gigant statt „Copycat“

Was assoziierst du mit „Made in China“? Immer noch Billigkopien oder schon aufstrebende technologiebasierte Jungunternehmen? Die Digital Masterclass 2018 empfiehlt nach diesem Referat ganz klar Letzteres!

Bildquelle: Zinnov Research & Analysis

China entwickelt sich je länger je mehr vom Billig-Produktionsland in den Erzeuger profitabler und innovativer Technologien. Gemeinsam mit Indien und Israel sprechen wir hier von der Start-up-Base von morgen. Hochstehendes IT-Know-How kombiniert mit dem staatlichen Förderungsengagement und der Verfügbarkeit von horrendem Risikokapital sind die entscheidenden Treiber dieser Entwicklung. China ist in den Top 3, wenn es um Technologieinvestitionen geht:

Bildquelle: Pitchbook, McKinsey Global Institute Analysis

Die meisten Investitionen werden von den Digitalriesen Baidu, Alibaba und Tencent (Abkürzung „BAT“) betrieben. Diese machen zusammen 40% des gesamten Risikokapitals in China aus. Das globale Raking von Unicorn-Unternehmen zeigt, wie chinesische Firmen den USA Konkurrenz machen.

Auch ausländische Firmen spüren den Wandel vom billigen Produktionsstandort zur Know-How-Hochburg. Ein gutes Beispiel dafür ist die Eröffnung des AI-Forschungsstandorts in Peking von Google.

3. Regierung als Investor

Auch die chinesische Regierung fördert die aufstrebende Start-up-Base mittels Investitionen und Verzicht auf einschränkende Regulationen. Mit dem ambitionierten Regierungsprogramm „Made in China 2025“ soll die internationale Unabhängigkeit und Marktführerschaft im Hightech-Bereich erlangt werden. Zahlreiche ausländische Regierungen und Wirtschaftsorganisationen sind kritisch: Der Plan subventioniere auf unlautere Weise chinesische Industrien und schliesse ausländische Wettbewerber aus.

4. Kultur und Gesellschaft

Eine offene und sich schnell wandelnde Gesellschaft mit vielen Digital Natives trägt einen grossen Teil zu den exponentiellen Technologieentwicklungen bei. Der Messenger-Dienst „WeChat“ ist ein Ebenbild für das gesellschaftliche Mind-Set:

Bildquelle: marketing-resultant.de

In China ist WeChat nicht mehr vom Alltag wegzudenken. Durch den großen Funktionsumfang und die Einführung des Payment-Dienstes ist WeChat für Millionen Chinesen zum Zentrum ihrer gesamten Onlineaktivitäten geworden. Während andere Kulturen der zentralen Datenbündelung keine Chance geben würden, überwiegt bei dem chinesischen Volk der Convenience-Aspekt. Dass die persönlichen Daten seitens Regierung genutzt werden, stellt für den Einzelnen kein Novum und somit kein Hindernis dar. Die App-Integrationen im Prototyp-Status mit unausgereifter UX wird seitens Gesellschaft sehr begrüsst. Auch das zeigt, wie hungrig die Chinesen nach neuen Technologien sind.

Die Digital Masterclass 2018 ist beeindruckt von den technologischen Entwicklungen im asiatischen Raum. Muss Europa nun nacheifern? Die Antwort von Nico Luchsinger ist „nein“. Die technologische Innovationsstärke ist das Resultat der politischen, kulturellen und sozialen Gegebenheiten eines Landes. Wir haben also einen guten Grund dafür, wieso wir so sind, wie wir sind. Dennoch muss sich Europa proaktiv fragen, welche Rolle es im technologischen Machtkampf einnehmen soll.

Wir danken für das spannende Referat und nehmen aus der Diskussion rundum die Technologieherrschaft mit: „Don’t forget about Silicon Valley – but broaden your view and look towards Asia!“