Aus dem Unterricht ‘Open Banking’ des CAS Digital Finance mit Dozent Ralph Hutter berichten Michele Gsell und Yves Keller:

Am 21. März 2020 hat uns Ralph Hutter die ursprüngliche Idee von Open Banking erklärt. Durch einen Einblick in die Entstehung dieses neuen Systems und der Umsetzung in Grossbritannien erkannten wir das Potential für die Schweizer Finanzinstitute. Obwohl die Schweiz nicht zur Regulierung durch PSD2 (Payment Services Directive) verpflichtet ist, regt es doch zum Umdenken an.

Definition Open Banking

Wenn wir den Begriff Open Banking hören, denken wir an die zahlreichen neuen Neobanken wie N26, YAPEAL oder auch Neon. Aber auch Revolut, Twint oder Apple Pay sind für die meisten ein riesiger Hype. Doch diese neuen Modelle von Banken haben eigentlich nichts mit Open Banking zu tun, denn das sind alles eigene Plattformen. Aber sie zeigen eine mögliche Richtung an.

Doch was ist nun genau Open Banking?

Open Banking beinhaltet einerseits die Regulation und andererseits die Innovation. Es stellt ein offenes System mit Schnittstellen von Banken zu Drittanbietern dar. Der Nutzer kann dadurch gezielter seine Finanzen kontrollieren und verschiedene Angebote leichter miteinander vergleichen. Die Banken stellen dazu die Finanzdaten zur Verfügung.

Das System funktioniert über die Verwendung von Programmierschnittstellen den sogenannten APIs (application programming interfaces). Diese werden in geschlossene, offene oder teilweise offene unterteilt. Je kritischer die Daten sind, desto geschlossener sind die APIs. So wird der Datenschutz eingehalten.

Hype-Zyklus

Neue Technologien lassen sich mittels des Gartner Hype Cycle einschätzen. Was sind die nächsten Schritte und wann sind sie anzugehen. Welche Innovationen waren nur ein kurzer Hype und welche Ideen könnten längerfristig rentabel sein. Der Gartner Hype Cycle kennt folgende fünf Phasen:

  • Innovation Trigger – Eine neue vielversprechende Innovation erscheint. Jedoch erreichen diese Technologien oftmals das Produktionslevel nicht und bleiben ein kurzer Hype.
  • Peak of Inflated Expectations – Das Interesse ist gross und es werden herausragende Erfolge verzeichnet. Jedoch werden diese oft von Misserfolgen begleitet.
  • Trough of Disillusionment – Durch den fehlenden Erfolg schwindet auch das Interesse der Anwender. Nur durch Verbesserungen der Innovationen ist ein Scheitern verhinderbar.
  • Stope of Enlightenment – Die Innovationen kommen bei den Unternehmen gut an. Sie sind bereit Pilotprojekte zu finanzieren. Weiter wird die zweite und dritte Generation entwickelt.
  • Plateau of Productivity – Die Technologie ist im Mainstream angekommen und scheint lebensfähig zu sein. Die Mühe und die Verbesserungen zahlen sich endlich aus.

Quelle: Gartner (2019)

Meilenstein Fingleton Report

In Grossbritannien versteckten sich die Banken bisher hinter dicken Mauern. Die Kunden hatten grosse Schwierigkeiten die Dienstleistungsangebote zu vergleichen und einen Wechsel zur Konkurrenz gestaltete sich als sehr schwierig. Es gab schlichtweg keine Transparenz. Verbraucher und Unternehmer waren stets an ihre Bank gebunden.

Im Jahr 2014 wurde dem britischen Finanzministerium der Fingleton Report präsentiert. Dieser diente als Grundlage für Open Banking. Ziel war es für mehr Wettbewerb, mehr Übersicht und auch Raum für Innovationen zu sorgen. Anschliessend erstellten Fachleute aus der Bankbranche, Datenspezialisten und Experten aus der Verbraucher- und Geschäftswelt die erste Grundlage für einen offenen Bankenstandard.

Open Banking weltweit

Neben Grossbritannien haben auch bereits zahlreiche weitere Länder Regulationen eingeführt oder ein Überdenken des bisherigen Systems ist in Bearbeitung. Durch das Inkrafttreten der PSD2 am 14. September 2019, gelten die Anforderungen für die ganze Europäische Union. Ebenso in Japan und Südkorea wurden Verordnungen angenommen.
Welches Land folgt als nächstes?

Quelle: openbankproject.org

Open Banking in der Schweiz

Wie zu Beginn bereits erwähnt, ist auch ein Umdenken für die Schweizer Finanzdienstleister wünschenswert. Wie ist das Vorgehen dieser Umsetzung? Wichtig ist zu erkennen, welches die Chancen sind. Anstatt sich nur auf die Gefahren zu fokussieren.

Gefahren
Die Anbieter laufen Gefahr, dass sie in Zukunft nur noch zum „Abwickler“ verwaisen und ein wichtiger Ertragspfeiler aus dem Verkauf wegbricht. Zudem verlieren sie wertvolle Informationen über das Kundenverhalten sowie die Beziehung zu ihren Kunden.

Chancen
Hingegen ist es eine grosse Chance für die Finanzdienstleister. Einerseits besteht die Möglichkeit ihre Finanzprodukte Drittanbietern zu offerieren. Andererseits erschliessen die neuen Absatzkanäle weitere Ertragsquellen – dank Skaleneffekten.

Die Vorteile für die Konsumenten liegen auf der Hand. Sie können ihre täglichen Bedürfnisse einfach, preiswert, bequem und unkompliziert über eine Plattform beziehen.

Bodies Switzerland

Open Banking benötigt eine Infrastruktur (Plattform), deren Aufbau mit hohen Kosten verbunden ist. Viele Drittanbieter und FinTechs stehen in den Startlöchern, da sie bereits heute offline Schnittstellen anbieten und gut im Markt positioniert sind.

Es gibt verschiedene Initiativen, um bei der Standardisierung voranzukommen:

Die zurückhaltende Art des Finanzplatzes Schweiz läuft Gefahr, von Drittanbietern aus dem Ausland überrollt zu werden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Es sollten jetzt unkomplizierte Standards festgelegt werden.

Emerging Ecosystems

Die nachfolgende Grafik von McKinsey illustriert das neue Ökosystem aus dem Jahr 2025. Versicherungen und Banken sind auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Hingegen deren angebotenen Dienstleistungen schon. Das Individuum steht im Mittelpunkt. Die Macht ist nicht mehr beim Anbieter, sondern bei den Kunden. Dank des Fortschritts der Technologie kann der Kunde mit einem Klick zwischen verschiedenen Anbietern auswählen. Das Konsumverhalten hat sich dadurch stark verändert. Die Finanzbranche muss mitziehen und investieren. Nur so kann der Kunde während 24/7 begleitet werden.

McKinsey erwartet bis 2025, dass 12 Ökosysteme entstehen, welche den einfachen Bedürfnissen der Konsumenten entsprechen. Diese dominanten Ökosysteme sollen ungefähr 30 Prozent aller weltweiten Einnahmen entsprechen. Daher werden Banken und Versicherungen sich auf wichtige Einstiegspunkte fokussieren müssen.

Open Banking Strategies

Die Eintrittsbarriere der Finanzbranche ist aufgrund der Technologie und Globalisierung stark gesunken. Einige Anbieter in anderen Branchen haben dieselben Kunden. Daher ist es leicht an dieser Kundenschnittstelle auch Finanzprodukte anzubieten. Diese Möglichkeiten werden von einigen Geldinstituten unterschätzt. Dazu kommt, dass vielen Banken das Wissen fehlt.

Six digital growth strategies for banks

Quelle: McKinsey & Company

McKinsey hat zur Bewältigung dieser Transformation sechs Möglichkeiten für Banken identifiziert. Sie geben Auskunft wie künftiges Wachstum vorangetrieben werden kann.

  • Über den Kern hinaus wachsen in relevante Ökosysteme
    Mit der erweiterten Wertschöpfungskette kann auch in branchenübergreifende Netzwerke und Ökosysteme vorgestossen werden. So werden mehr Einnahmen generiert. Dies funktioniert zum Beispiel durch Kooperationen mit FinTechs.
  • Finanzsupermarkt erstellen
    Banken können eine Mischung aus internen und externen Angeboten offerieren. Dies führt zu einer Win-win-Situation. Der Kunde hat einen einfachen Zugriff auf alle Finanzprodukte aus einer Hand. Durch den Aufbau eines Finanzsupermarktes fokussieren sich Banken auf die renditestarke Seite der Branche.
  • Customer Journey steigert den Wert
    Banken sollten mit ihren Kunden eine langfristige Beziehung aufbauen und nicht nur während bankbezogenen Ereignissen (z.B. Kauf eines Eigenheims) in Kontakt stehen. Eine vertrauensvolle Beziehung unterstützt den Abschluss in weiteren Bereichen. Daher rückt die Gesamtbeziehung in den Fokus.
  • Daten monetarisieren
    Daten sind das Gold von morgen. Bei verantwortungsvollem Umgang werden Bankdaten auf Erkenntnisse analysiert. Diese sind für Drittanbieter sehr wertvoll.
  • Eine Produkt- oder Infrastrukturfabrik sein
    Banken haben die Möglichkeit ihre Alleinstellungsmerkmale weiter zu verkaufen. Dazu gehören Kernbankprodukte, Infrastrukturen, Kapitalanlagen oder sogar Banklizenzen. Dieser Ansatz eröffnet nicht nur neue Ertragsquellen, sondern kann für Banken einen Wettbewerbsvorteil durch das Sammeln von Daten einbringen.
  • Digitaler Angreifer werden
    Banken können die bereits bestehende Infrastruktur nutzen und so in neue Regionen oder Marktsegmente vordringen. So sparen sie eigenes Kapital und haben trotzdem die Möglichkeit neue Marktchancen zu erkunden.

Schlussfolgerungen

Open Banking ist ein neues Geschäftsmodell. Die Möglichkeiten scheinen nahezu unbegrenzt: Kleinkredite, Leasing, Bonitätsrating abgeben, Jahresrechnungen und Steuererklärungen übermitteln sowie Direktzahlungen über neue Anbieter. Kontoeröffnungen und Saldierungen könnten automatisch unter den Banken auf Knopfdruck ausgeführt werden. Wenn sich die Finanzdienstleister auf Ihre Chancen konzentrieren, verschwinden die Gefahren nach und nach.

Wir wagen eine Aufforderung an die Finanzplayer der Schweiz: Zusammen werden Standards festgelegt, um Prozesse zu standardisieren. Ziel ist es, in Zukunft unsere Marktanteile verteidigen zu können und die Geschäftsfelder zu erweitern.