Zum Start in den 4. Tag unserer Study Tour ins Silicon Valley und San Francisco gibt uns Mariel Reed einen Einblick in die Schnittstelle von Technologie und Government in San Francisco. Später treffen wir Schweizer Start-ups die sich hier beweisen. Dazu berichten Emanuel und Chantale.

CoPROCURE

Mariel Reed ist CEO und Gründerin CoProcure. Sie zeigt uns als erstes die zwei Seiten dieser faszinierenden Stadt mit dem riesen Technologie Potenzial auf der einen und die grosse Ungleichheit in Einkommen und Möglichkeiten auf der anderen Seite. Wie eine Geschichte über zwei verschiedene Städte. Die schnelle technologische Entwicklung hat hier die Ungleichheit verstärkt. Beispielsweise haben 15% der Schulkinder kein Internet-Access zu Hause. Weiter sieht man wie einfach «uber» funktioniert und versteht je länger je weniger weshalb die Infrastruktur der öffentlichen Hand im Vergleich rückständig ist.

Obschon das Budget der Regierung gross ist, wird durch die steigenden Kosten der Anteil, der für die technologische Entwicklung eingesetzt werden kann, immer kleiner. Zudem ist der «failure» Anteil bei den IT-Projekten der Regierung mit einer Rate von 94% sehr gross. Die Konsequenz daraus ist noch mehr fehlendes Geld für die Projekte. Nach Bürgermeister John Norquist ist aber die Effizienz in der Regierung eine Sache der sozialen Gerechtigkeit.

Einige Schritte zu effizienteren IT-Projekten wurden bereits unternommen. Da in der Regierung die Fluktuation relativ gering ist, kommt auch zu wenig neues Tech Know-how dazu. Dafür wurden Innovationsteam (I-Teams) auf allen Ebenen in der Regierung installiert. Um die technologische Entwicklung weiter beschleunigen zu können, wurde die sogenannte Civic-Bridge installiert. Dabei werden Freiwillige aus Tech Firmen integriert, um den Know-how Austausch zu fördern. So wurde dann auch immer offensichtlicher, dass ein anderes Skill-set bei den Mitarbeitern benötigt wird.

Ein weiteres Thema ist der Ausschreibungsprozess für Applikationen im öffentlichen Dienst. Der Prozess ist sehr lange und kann von einem Start-up nicht getragen werden, deshalb wird dieser Prozess auch «Valley of death» genannt. Der Prozess dauert bis zur Einführung bis zu 18 Monate. Um dieses Problem zu lösen, wurde das zweite Projekt ergänzt: Start-up in Residence (STIR). Damit werden die Start-ups frühzeitig engagiert für die Entwicklung, um bessere Lösungen für alle zu entwickeln.

ATLAS.run

Nach dem Abstecher in die Bürokratie der US-Government Digitalisierung gönnen wir uns eine kleine Schweizer Silicon Valley Erfolgsgeschichte. Wie es der Zufall will, nahm das Jungunternehmen, welches uns nun präsentiert wird, bereits am Startup Pitch von Pitch Globally Sharktank Style vom Vorabend teil. Dies war für uns nicht absehbar und auch nicht so geplant. Umso spannender war es aber, den Vergleich eines Short-Pitch zu einer umfassenden Präsentation zu sehen und wir waren bereits mit guten Fragen gewappnet.

Olivier Käser, einer der Gründer von ATLAS stellt sich zur Verfügung, seine Erfahrungen als Schweizer Unternehmer im Silicon Valley mit uns zu teilen. Auch er hat ein Studium an der HWZ hinter sich und später den Schritt ins Epizentrum der digitalen Welt gewagt.

Ursprünglich hatte ATLAS den idealistischen Anspruch, mittels einer App zur Plattform für sportbegeisterte Freizeitläufer, welche Gutes tun wollen, zu werden. Eine Kombination aus gesundem Lebensstil und sozialem Engagement schien optimal zu passen. So kann jeder Teilnehmer der ATLAS-Community mittels des eigenen Atlas Charity Running App pro gelaufenem Kilometer (oder Meile) indirekt einen definierten Betrag an eine Wohltätigkeitsorganisation spenden. Bezahlt wird die Spende durch Sponsoring-Firmen. Schnell stellte sich heraus, dass diese Sponsoring-Firmen besonders daran interessiert sind, dieses Instrument für Employer Branding zu nutzen, was somit zur Hauptsäule für ATLAS wurde. In mehrfacher Hinsicht ziehen Partnerfirmen einen Mehrwert aus der Kooperation mit ATLAS. Die zu erarbeitende Spende an eine Soziale Einrichtung animiert die Mitarbeiter zur sportlichen Betätigung, was wiederum deren Gesundheit und Leistungsfähigkeit fördert. Da die Mitarbeiter ihre Erfolge und das soziale Engagement des Arbeitgebers gerne auf sozialen Medien teilen, wird das Image eines nachhaltig denkenden und sozial engagierten Arbeitgebers transportiert.

Eine tolle Idee, welche bereits erfolgreich grosse Partner akquirieren konnte. Wie wir erfahren dürfen, ist trotz erfolgreichem Start das Geschäften und Leben im Silicon Valley anstrengend und hart. So anregend und inspirierend solche Geschichten auf uns wirken, so schonungslos führen sie auch vor Augen, dass der Weg zum Erfolg und einem verhältnismässigen Einkommen in der umkämpften digitalen Welt des Silicon Valley lang und mühsam ist und in den meisten Fällen nicht in der erhofften Monetarisierung enden.

OTO.ai

Auch der zweite Schweizer Besuch am heutigen Tag bestätigt die in der Gruppe mittlerweile vorherrschende Meinung, dass wir im kleinen Heimatland durchaus über viele smarte und ideenreiche Unternehmer verfügen.

Teo Borschberg erklärt uns sein Start up, welches sich der intelligenten Spracherkennung widmet. Wo traditionelle Dialog-Systeme in der Spracherkennung und Deutung nur die eine Dimension der Benutzten Worte analysiert, ist OTO ein Pionier in der Auswertung von multi-dimensionaler Konversation. Real-Time werden Wortwahl, Tonalität, Sprachfluss und andere Faktoren, welche über die Gefühlslage des Sprechers Aufschluss geben, ausgewertet. Auf diese Weise werden Call Center Mitarbeiter geschult und sensibilisiert, um besser auf ihre Kunden eingehen zu können.

Dass 1% der gesamten US-Population in einem Call Center arbeitet, deutet auf das enorme Potential dieser Business-Idee hin. Und die Call Centers sind lediglich der Beginn und eine gute Grundlage, um mittels der gesammelten Daten noch genauer zu werden und im Markt der Spracherkennung eine Wichtige Rolle einnehmen zu können.

Die Passion, mit welcher Teo über OTO.ai berichtet und seine Erfahrungen und Visionen schildert, sind begeisternd und runden das Vormittagsprogramm perfekt ab.

VALORA

Heute Nachmittag gab uns Cyril Dorsaz vom Valora Innovation Lab Einblick in Entwicklungen der Retail Industrie und den Prozess, den Valora implementiert hat und aktiv lebt. Ein paar Zahlen zeigen auch auf, dass Shopping sich nicht nur Richtung online bewegt.

  • 85% ziehen es noch immer vor, in einem offline Laden einzukaufen
  • 51% suchen online nach Informationen, kaufen dann aber offline
  • 47% kaufen online, pickup offline

Cyril zeigt einige Beispiele auf, die auf eine kombinierte Online/Offline Erfahrung verweisen. So zum Beispiel “Amazon books”, wo der typische Onlinehändler physische Shops eröffnete oder auch der Kauf von «Whole foods markets” durch den Onlinehändler.

Die Zukunft des Detailhandels wird mutmasslich von verschiedenen technologischen Entwicklungen disruptiert. Dazu einige Beispiele:

  • Postmates – in diversen Shops können unter einer Plattform Einkäufe getätigt werden und werden analog «uber» durch freie Kuriere, sozusagen die personal shoppers, geliefert. Durch diese Entwicklung verlieren die Anbieter aber den direkten Kundenkontakt
  • Bodega HQ bietet einen mit IOT Sensoren ausgestatteten Verkaufsautomaten, der mit dem Kundenkonto verbunden ist. Was aus dem Automat genommen wird, wird direkt auf dem Konto abbucht
  • “Amazon go” Konzept, ein moderner Convenience Store
  • Starship – Auslieferungsroboter, die Lieferkosten senken können
  • OSHbot – die vor-Ort-Einkaufshilfe, die mir erklärt, wo ich was im Laden finden kann
  • Smarthomes, intelligente Kühlschränke, Heizungen et cetera, welche direkt Bestellungen auslösen

Diese Entwicklungen zeigen auch auf, dass im Detailhandel der Zukunft andere Fähigkeiten benötigt werden!

Die Valora hat mit Ihrem durch den CEO eingeführten und gestützten Lab mit 9 Personen den Schritt in die Zukunft bereits gemacht. Das Team, welches sowohl aus der Schweiz wie auch in San Francisco agiert, kann ausserhalb des Kerngeschäftes agieren und bringt Ideen nach den drei Pfeilern des Valora Labs ein. Dadurch können sie sich relativ frei entfalten und sowohl an der Verbesserung der Konsumentenerfahrung wie auch an Prozessverbesserungen arbeiten.

Die Projekte gehören dem Lab und werden sehr pragmatisch umgesetzt. Aus Erfahrung weiss das Innovationsteam sehr gut, wie wichtig die Inspiration der Kollegen aus dem Kerngeschäft ist, damit das gegenseitige Verständnis verbessert wird und die Zusammenarbeit funktioniert. Natürlich gab es zu Beginn auch Schwierigkeiten, aber die gemeinsame Arbeit von Innovation Lab und dem Kernteam ist in der Zwischenzeit sehr gut. Zum einen hat das Team die Rückendeckung der Geschäftsleitung zum anderen aber werden die Kollegen aus dem Kerngeschäft heute sehr viel früher involviert – nicht erst, wenn das Projekt fertig pilotiert ist und in den Regelbetrieb gehen sollte.

Ein paar Learnings aus dem Valora Innovations Lab:

  • Projekte müssen von oben gestützt sein
  • Innovation ist ein 100% Job und ist nicht gut nebenbei zu erledigen
  • Es müssen gute Incentives sein – solange Incentives vom laufenden Geschäft bezahlt werden ist auch der Fokus darauf…

Signals aus San Francisco in der Schweiz – Bestellknopf für die schnelle Energie-Lieferung:

Abend

Die folgende wohlverdiente Pause von 14:30 bis 17:00 wird individuell zur Erholung, Shopping, Aufarbeitung des Erlebten oder ganz einfach für einen Barbesuch genutzt.

Das letzte Meeting des heutigen Tages ist der Disruption in Startup Financing gewidmet. Gespannt folgen wir den Ausführungen zu Themen wie ICO, Crowdfunding und Syndicate Platforms, bevor wir den gelungenen Tag bei einem gemeinsamen Drink ausklingen lassen.