Aus dem Unterricht des CAS Disruptive Technologies über Innovation mit Martin Kägi berichtet Andrea Blaser:

Das Ziel des Tages ist es, dass wir mit den neu erlernten disruptiven Technologien auch umgehen können. Wie kann man die neuen Inputs und Ideen aus dem CAS organisieren und strukturieren und im besten Fall auch in der eigenen Firma integrieren und einsetzen. Anhand des Unterrichtstoffes sollte man dieses Ziel besser erreichen und die nötigen Tools dazu erlernen. Zusätzlich soll man lernen, wie die Firmen mit klarem Risiko mit neuen Technologien umgehen können.

Klassischer Strategie-Prozess versus experimentieren und testen

Viele Firmen denken noch in alten Mustern. Sie starten erst mit Veränderungen, sobald sie genau wissen, wo sie hingehen möchten, was ihre Ziele sind und zu welchem Zeitpunkt sie diese erreichen möchten. Wenn das Ziel gesetzt ist, starten sie mit der Budgetierung und einem Zeitplan und legen jegliche Zwischenschritte bis zur Zielerreichung fest. Dies war früher der klassische Strategieprozess. Leider hat dieses Modell Grenzen, im Speziellen bei Innovationen. Mintzberg hat das alte System bereits einmal in Frage gestellt und einen angepassten Prozess entwickelt. Dies war das erste Aufbrechen der traditionellen Ansicht eines Strategieprozesses.

Als Gegensatz zur klassischen Business Planung steht das Experiment. Es versucht, der neuen Komplexität gerecht zu werden. Das Resultat ist nicht von Beginn weg klar, es braucht Mut, man versucht Feedback vom Markt zu erhalten und durch die Experimente zu Lernen. Es erinnert einem stark an ein Chemielabor und die Forschung.

Für diese Vorgehensweise wäre eine „Experiementierkultur“ absolut zentral. Leider ist diese aber noch nicht in allen Firmen und Kulturen angekommen. Klassisches Denken verhindert teilweise die Innovationen. Es müssen somit in Zukunft neue Werkzeuge angewendet werden.

Drei zentrale Aussagen von Martin Kägi:

  • Wenn man optimal als Organisation lernen möchte, dann müssen etwa 50% der Experimente schiefgehen.
  • Absolut zentral ist auch, dass man die Innovationen sehr schnell mit den Kunden testet und somit ein Markturteil erhält.
  • Weiter kann man sich merken: Wenn du dich für deinen Prototypen nicht mehr schämst, dann ist es bereits zu spät ihn zu testen 🙂

Die Unterscheidung zwischen „Komplex“ und „Kompliziert“ ist laut Martin Kägi zentral:

Komplex Kompliziert
Variablen ändern sich ständig Variablen sind fix
Nicht linear Funktioniert tendenziell linear
Mehrschichtig, ständige Veränderungen, eine Vielzahl von Agenten, Mustererkennung nicht immer einfach und klar Ursache – Wirkungsketten sind im Vorherein erkennbar, Vorhersehbar (wenn genügend Rechenleistung vorhanden ist)
Tendenzielle „objektiv“ Für Personen sehr unterschiedlich („subjektiv“ je nach Fachgebiet), man kann sich Wissen dazu aneignen, durch Fachwissen kann man es verstehen
Kann nicht klar vorhersagen, wie sich das System verhält Bei „Kompliziert“ helfen Expertenwissen und Analysen

 

Die Welt ist heute aufgrund zunehmenden Verknüpfungsdichte komplexer geworden.

Dynamikrobuste Höchstleister sind laut Martin Kägi beispielsweise Google und Tesla. Sie bringen starke Konkurrenz den konventionellen Unternehmen gegenüber.

Identifikation neuer technologischer Innovationen anhand des Gartner Hype Cycle

Gartner bietet mit dem Gartner Hype Cycle eine Darstellung, welche es erlaubt, neue Technologien zu identifizieren und deren Reifegrad zu beurteilen. Dieses Instrument kann eingesetzt werden, wenn im Rahmen eines Business Modell Reviews die neusten technologischen Innovationen in Erfahrung gebracht werden sollen. Zusätzlich publiziert Gartner jedes Jahr einen neuen Gartner Hype Cycle mit den aktuellsten Veränderungen und neu auftauchenden Technologien. Spannend ist auch der Vergleich mehrere Gartner Hype Cycles aus unterschiedlichen Jahren.

Beispiel Autonomes Fahren: anhand von zwei Interviews mit Frau G. Grote und E. Musk wird das Autonome Fahren diskutiert und analysiert.

Grote Musk
Sie sieht noch lange keine Möglichkeit für den Einsatz von Autonomen Fahrens. Er rechnet mit 2-3 Jahren bis zur Einführung der Technologie.
Bei ihren Aussagen steht die Gesellschaft im Vordergrund. Sie versucht realistisch zu argumentieren und jegliche Faktoren einzubeziehen. Er übernimmt die Haftungsprobleme direkt selber, wird in Zukunft eine eigene Haftpflichtversicherung für seine Autos anbieten und wahrscheinlich erst noch günstiger, denn anhand des klaren Risikoprofiles jedes Fahrers kann er die viel genauer berechnen als klassische Versicherer.
Sie nimmt eher Rücksicht auf die politische Situation, die Unklarheiten betreffend Haftung und Versicherungen. Sie sieht mehr die Probleme! Er treibt das Thema vorwärts, sieht die Optionen und Möglichkeiten.
Für sie stehen Gesetzesanpassungen im Vordergrund. Er sorgt dafür, dass sich die Gesellschaft mit den neuen Möglichkeiten beschäftigt und diese diskutiert.

 

Beispiel Hausrat und Haftpflichtversicherung: Martin Kägi befürchtet, dass die Schweizer-Versicherer wie Mobiliar das Feld den grossen internationalen Versicherer überlassen (zurzeit sind sie noch anhand von Schweizer Gesetzen geschützt) werden, denn sie sind zu wenig innovativ und passen sich den neuen technologischen Möglichkeiten nicht genügend schnell an. Anhand von Sensoren / verknüpfte Haustechnik / Gebäudeüberwachung wird Google in Zukunft günstiger Prämien anbieten können und in einen weiteren Markt vordringen.

Entscheidend ist auf welche strategische Entscheidung eine Firma setzt, wo sich die Technologie im Hype Cycle befindet, welchen Hype sie mit Kooperationen löst und wo sie sich ganz bewusst zurückhält.

Beispiel Bluttransport zwischen Spitälern durch Drohnen: z.B. Matternet https://mttr.net/ und http://www.itmagazine.ch/Artikel/65594/Matternet_will_Drohnennetz_fuer_die_Schweiz.html

 

Business Model Canvas (Alexander Osterwalder)

Laut Martin Kägi ist es entscheidend und ab und zu immer wieder einmal sinnvoll Geschäftsmodelle auch aufzuzeichnen. Anhand der gemeinsamen Sprache ist es einfacher, Geschäftsmodelle zu beschreiben, zu Visualisieren und Veränderungen von Geschäftsmodellen zu verstehen. Dazu eignet sich das Business Model Canvas der Strategyzer AG (www.strategyzer.com) sehr gut. Im Anschluss haben wir die Anwendungs- und Wirkungsweise von Business Model Canvas mit einem fiktiven Geschäftsmodellen von Chicco D’Oro und Nespresso angewendet.

Beispiel Chicco D’Oro und Nespresso

Ausgangslage 2004 CHICCO DORO
Kundensegmente: Filterkaffee, Kolbenmaschinen, Jura Vollautomaten
Produktpalette: 250 g Packung, 500 Packung, ohne Koffein, Gastro Packung, Vakuum verpackt
Marktumfeld: Im oberen Teil der Verkaufsregale, x-Sorten, pures Gold, mit der Verpackung abheben, Projekte um effizienter zu werden (Rösten, direkte Anbindung, Verhandlungen mit Lieferanten, direkte Anbindungen an Bestellsoftware –> Digitalisierung)
Wertorientierung: Punktesammlung für Kunden, kleinere Verpackungen, Verkäufer einstellen / Vertrieb anders einstellen um kleine Läden bedienen zu können

Zusammenfassend kann man sagen: Es handelte sich um einen ganzheitlichen Change zwischen Chicco und Nespresso –> alle Projekte von Chicco hatten gegen die Veränderungen / Innovationen von Nespresso nichts entgegenzuhalten. Der Change war sehr dramatisch –> daraus sollte man lernen, dass man den ganzheitlichen Blick nicht verlieren sollte. In Strategieprozessen müssen auch immer Konkurrenten angeschaut werden. Zusätzlich sollten auch die Hypes weiter beobachten werden.

Im letzten Block stellte uns Martin Kägi noch weitere Test-Tools vor, wie der Ablauf des generischen Test Zyklus, der Innovationsdiffusion, Regeln beim Prototypen, die Grundregeln bei Interviews und Hypothesen Test mittels Testkarten. Anbei noch einige Bemerkungen dazu von Martin Kägi.

Generischer Test Zyklus und testen Entlang von Prozessen

Ideen sind zu Beginn Hypothesen. Diese muss man testen und prüfen. Annahmen validieren –> ist die Lösung auch wirklich ein Bedürfnis? Bezahlt der Kunde schlussendlich noch dafür? Kann man einen Preispunkt finden? Und kann man dies schlussendlich auch noch effizient betreiben? Evidenzen liefern von der Idee bis zum Geschäftsmodell. Auf dem Weg lernt man immer wieder dazu und kommt vor neue Herausforderungen. Deswegen sind die Geschäftsmodelle auch nicht von Anfang an berechenbar. Es geht so weit, dass man teilweise zusammen mit den Kunden entwickelt.

Zum Beispiel Amazon: täglich laufen unendlich viele Tests mit jeglichen Kunden, um dauernd neue Darstellungen/Farben zu testen und möglichst optimal anzupassen.

Innovationsdiffusion

Martin Kägi ist es wichtig, dass Innovationsdiffusion nicht zwingend mit dem Alter übereinstimmen muss. Um die Innovatoren zu finden, muss man relativ kreativ sein. Wenn die Innovatoren nicht kaufen, dann kann das Produkt sich nicht verbreiten. Hat man diese Population nicht, fliegt das Produkt nicht. Hat man die „frühzeitigen Anwender“ zusätzlich im Boot, schafft man meistens die schwarzen Zahlen und macht Gewinne. Es gibt auch keine wissenschaftliche Evidenz, dass es die Generation Y / W / Z gibt.

Am Schluss wurde noch das Beispiel der Videoberatung im Banking als Gruppenarbeit durchbesprochen. Anbei einige Gedanken und Überlegungen der Gruppen dazu:

Hypothesen zu den Early Adoptern:

  • E-Banking als Grundvoraussetzung, Smartphone Zahlungen tätigen, Digitale Kanäle nutzen, Personen die selbständig Titel gehandelt haben (fallen raus, da sie selber entscheiden). Kunden die in der Vergangenheit bereits eine Chat Funktion angewendet haben. Live Support am Telefon, die Kunden durch etwas durchführen (Remote).
  • Bereits Kunden, die ein Konto elektronisch eröffnet haben (Identifizierung per Video)
  • Kreditkartendaten: wie viele Software / Hardware online gekauft wurden und auf welchen Plattformen
  • Welches Vermögen muss vorhanden sein? Was ist das Minimum das investiert werden muss?
  • In Lebensereignissen denken – Hypotheken, Heirat, Pension, Familie
  • Ev. nur bei Firmenkunden anwenden

Experiment:

  • ausgewählte Zielgruppe / wie viele springen darauf an, wenn ich es bei ihnen im Online Banking aufschalte? Button im E-Banking!
  • Zu beachten bei Video: wer will seine Wohnstube zeigen, in welchen Räumen findet die Beratung statt? Wie muss man angezogen sein? Wie gut ist die Verbindung?

Schlusswort von Martin Käge „Just do it“!