Aus dem Unterricht des CAS Social Media Management mit Adrienne Fichter berichtet Manuela Stockmeyer.

Während die vorgängigen Module ausnahmslos Wissen vermittelten, war unter dem Titel «Smartphone-Demokratie» kritisches Denken gefordert. Im Zentrum des Moduls vom 7. Dezember 2018 standen folgende Fragen: Wie konsumieren wir politische Informationen? Wie reden wir miteinander? Und wie debattieren wir?

Mit Adrienne Fichter, Politologin und Redaktorin beim Online-Magazin Republik, erwartete uns eine hochkarätige Referentin. An der Universität Zürich studierte sie Politikwissenschaften und Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Staatsrecht. Gerade mal mit 25 Jahren brachte sie 2009 den Web-Startup politnetz.ch zum Fliegen. 2014 bis 2016 war sie Redaktionsleiterin für Social Media bei der NZZ. Dort gelang ihr, dass sich die Redaktoren der «alten Tante» doch noch mit Social Media anfreundeten und die Vorteile einer höheren Reichweite erkannten.

Hacking ist nicht gleich Hacking

Einstieg ins Thema bildete der Begriff «Hacking». Hatte man früher unter diesem Begriff böse Jungs in düsteren Kellern vor Augen, so hat sich das Thema in den letzten Jahren um eine Dimension erweitert. Selbst Sheryl Sandberg, die Nr. 2 im Reich von Facebook, war lange nicht bewusst, dass es auch andere Formen von Hacking gibt. So grassierte im Vorfeld der letzten US-Präsidentschaftswahlen vor allem die Angst, dass die eigenen Profile gehackt werden und die User keinen Zugriff auf ihre Accounts und Daten mehr hätten. Erst später wurde Sandberg von internen Sicherheitsstellen über die massenweisen Manipulationen informiert. Konkret ging es um die von Russen erstellten falschen Profile, die gezielt Desinformationen und Fake News zu den Wahlen streuten.

Wie Software-Roboter die Demokratie zerstören

Im Jahr 2000 träumten wir alle noch von der digitalen Agora, die auch die Politik verbessern sollte. Die Agora war im antiken Griechenland der zentrale Fest-, Versammlungs- und Marktplatz einer Stadt. Sie entsprach dem Wunschbild, dass wir dank digitaler Vernetzung gemeinsam kommunizieren und sich die jeweils besten Argumente durchsetzen. Denkste! Heute wissen wir, dass wir zunehmend mit Roboterarmeen, sogenannten Bots, konfrontiert sind. Dass diese Bots in der Schweiz (noch) kein drängendes Problem sind, trägt jedenfalls nicht zur Entspannung bei. Denn mehr und mehr Länder und deren Regierungen, respektive oppositionellen Kräfte, setzen auf Botprofile, die automatisierte Botschaften im Netz verbreiten und/oder Leute desavouieren. Solche Bots sind äusserst intelligent und schaffen es mittlerweile, sich sogar in Diskussionen einzumischen. Das macht sie so gefährlich.

«Gerade in den früheren Tagen des Internets habe ich noch gedacht: Könnte jeder Mensch nur seine Stimme erheben, dann käme der Weltfrieden. Das ist ja eigentlich auch die richtige Idee. Es stellte sich bloss heraus: Gibt man jedem eine Stimme, sind die Arschlöcher die Lautesten.»
Joi Itō, Leiter MIT Media Lab, Boston

Adrienne Fichter formuliert zwei Ziele für den Unterricht:

  1. Politische Implikationen von Social Media verstehen
  2. Bedingungen kennen, wie Netzwerke demokratiefreundlich ausgestaltet werden müssen

Fichter verfolgt einen soziotechnischen Ansatz. Das heisst, sie setzt sich mit den Plattformen und deren Algorithmen, dem Design und dem Geschäftsmodell auseinander. Denn vor allem diese Parameter würden die Art und Weise prägen, wie wir über politische Themen diskutieren.

Warum Facebook für die politischen Debatten im Netz immer wichtiger wird

Beginnen wir mit Facebook. 2011 war die Plattform ein «social network» und Protesttool. Beliebt, aber nicht sehr reich, weshalb das Unternehmen 2012 an die Börse ging und zum zweiten Mal Wahlexperimente durchführte. Ein Jahr danach verbreitete Facebook sein Ziel, DIE personalisierte Zeitung der Welt zu werden. Und wiederum drei Jahre später baute die Plattform das Kampagnenangebot für Parteien und Politiker aus. Das war 2016.

Doch das System Facebook hat seine Tücken:

  1. Zu Beginn profitierten die Medien von Facebook. So erzielten sie 2014 und 2015 sehr hohe Reichweiten. Der 2017 geänderte Algorithmus, der dem Content von Freunden mehr Gewicht gab, dafür aber den Content von Unternehmen und Medien ins Abseits stellte, brachte das System zum Einsturz. Damit ging auch die Reichweite der Medienhäuser schnell und deutlich zurück.
  2. Für die US-Wahl 2016 platzierte Facebook einen «Registrierungsbutton». Dies führte dazu, dass sich die Wähleranmeldungen verzehnfachten. Mit einem Wahlreminder «I’m a voter» mobilisierte Facebook für die Kongresswahlen 340’000 zusätzliche Stimmen. Zum Vergleich: Nur rund 80’000 Stimmen in den Swing States gaben den Ausschlag zur Wahl von Donald Trump.

Ganz klar: Facebook belebte (und belebt) die Demokratie und verhalf Gleichgesinnten zur Mobilisierung, wie das zum Beispiel der Arabische Frühling 2011 oder der Women’s March 2017 verdeutlichen. Aber: Facebook hat durch seine enorme Macht eine grosse Verantwortung und muss diese wahrnehmen. Derzeit hat hier Facebook ein deutliches Defizit – und steht in der Bringschuld.

Warum Fake News, Micro-Targeting, Messengerisierung, Bots und Populismus die «Risiken und Nebenwirkungen» dieser Entwicklung sind

Fake News: Spätestens seit den US-Präsidentschaftswahlen 2016 sind Fake News ein Dauerthema. Die Macher verfolgen mit Falschnachrichten propagandistische Zwecke. Häufig ist der Haupthub die Facebook-Fanpage, und was gefällt, wird geteilt. Getarnt als echte Nachrichten verbreiten sich diese Falschmeldungen rasant und beeinflussen die Wahrnehmung der Leser. In Deutschland gibt es seit 2018 das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das Facebook und Twitter zwingt, Fake News zu löschen.

Filterblasen: Bis heute ist nicht ganz klar, wie stark das Filter-Bubble-Phänomen auf den sozialen Netzwerken wirkt. Spannend zu beobachten ist jedoch, dass die rechtspopulistischen Parteien Social Media viel effektiver für ihre Botschaften nützen, als andere Gruppierungen mit politischen Anliegen. In der Schweiz versteht es vor allem Operation Libero, die Möglichkeiten der sozialen Medien auszuschöpfen und professionelles Campaigning zu betreiben. Ob Rechts- oder Links-Populismus: Beide Seiten arbeiten mit zugespitzten Formulierungen und der Verführung durch einfache Lösungen.

Micro-Targeting: Facebook lebt von personalisierter Werbung. Sie spielt dem einzelnen User genau diejenigen Informationen aus, die ihn interessieren. Was weiter auch nicht schwierig ist, denn sehr viele Daten verraten wir durch unser Verhalten im Netz. Auf der Basis dieser Informationen lässt sich Werbung personalisiert anbieten. Was gar nicht so schlecht klingt, hat einen Haken. So soll Cambridge Analytica 2016 nicht nur die Brexit-Entscheidung beeinflusst haben. Vermutlich hat das Unternehmen auch Donald Trump zum Sieg in der US-Präsidentschaftswahl 2016 verholfen. Die britische Datenanalyse-Firma kam illegal an Informationen von bis zu 50 Millionen Facebook-Usern – ohne Wissen der Nutzer.

Dark Ads: Die Affäre rund um Cambridge Analytica sorgte für grosse Empörung und rückte ein Geschäftsmodell in den Blickpunkt: Daten zusammenzuführen und mit Hilfe von Algorithmen Nutzerprofile zu erstellen. Während dieses Vorgehen im Konsumentenbereich längst nicht mehr ungewöhnlich ist, kommt in der politischen Werbung eine weitere Dimension dazu: die Dark Ads. Diese Anzeigen sind nicht für alle Facebook-Nutzer sichtbar, sondern lediglich einem bestimmten Publikum vorbehalten, ausgewählt anhand von exakten Kriterien. Das Ganze ist äusserst problematisch, denn wenn alle etwas anderes sehen, findet kein echter politischer Diskurs mehr statt. Wird zum Beispiel via Dark Ads eine Schmutzkampagne gegen einen Politiker lanciert, kann man den Ursprung nicht zurückverfolgen und niemand kann Gegensteuer geben.

Messengerisierung: Mit dem Begriff der Messengerisierung ist gemeint, dass extreme Bewegungen (wie aktuell die «Gilets jaunes» in Frankreich) in geschlossenen Kanälen miteinander interagieren und kommunizieren. Hier «versammeln» sie sich und gehen anschliessend an die Öffentlichkeit, unter anderem mit einer klar definierten Kommunikationsstrategie, die auch die Hashtags festlegt. Das Problem ist, dass Politikbeobachter keinen Zugriff darauf haben und nicht sehen, wie eine Bewegung entsteht, wie sie sich entwickelt und was mit ihr passiert. Um mehr zu erfahren, müssten sie sich in den betreffenden Kanal einschleusen.

Twitter: Das grosse Problem von Twitter sind die Roboterprofile, die sogenannten Bots, die heute cirka 15% aller Profile umfassen. Erschreckend ist, dass diese Computer-Armeen der neue Standard in digitalen Wahlkämpfen werden. Dies zeigte auch das erste TV-Duell zwischen Trump und Clinton: Rund 33% der Pro-Trump-Tweets wurden durch Bots generiert, im Vergleich zu 22% bei Clinton. Wenig erstaunlich war #Trumpwon der Hashtag Nr. 1. Damit kommen wir zum grossen Problem für die Demokratie: Mit der gezielten Irreführung und Manipulation werden Schein-Debatten und Schein-Popularität erzeugt. Das verwirrt nicht nur die User, sondern auch die Medien, die die falschen Twitter-Trends thematisch aufnehmen.

Adrienne Fichter vertritt die Meinung, dass Facebook und Twitter für den politischen Diskurs langfristig ungeeignet sind, und das aus folgenden Gründen:

  • Der Algorithmus bewertet Metadaten wie Likes, Shares und Reactions, nicht aber Inhalte. Somit profitiert derjenige, der noch mehr «Lärm» macht. Die Folgen: Polarisierung, Fake News und Populismus.
  • Opportunismus wird bevorzugt, weil die Plattformen damit die Verweildauer maximieren. Das macht Facebook und Twitter für Medienhäuser und andere Akteure unberechenbar.
  • Der Diskurs entzieht sich der Öffentlichkeit immer mehr: Es gibt keine zentrale digitale Gemeinschaft, sondern laufend noch mehr fragmentierte «Öffentlichkeiten» wie Werbe-Zonen oder Messenger-Apps. Die Personalisierung des Internets nimmt weiter zu.
  • Es gibt wenig Transparenz über den Datenhandel der sozialen Netzwerke, keine demokratische Kontrolle durch Politik, Medien und Forschung und keine Regulierung der Digitalkonzerne bei ihren «Polit-Aktivitäten».

Was muss sich ändern?

  1. Regulierung der Plattformen: Politik, Zivilgesellschaft und Forschung müssen Transparenz und Accountability für Werbekampagnen und Algorithmen einfordern. Es braucht langfristig eine Diskussion darüber, welche Kontrollmechanismen sowie Checks and Balances-Systeme wir bei Plattformen installieren wollen.
  2. Plattformen müssen ihre Daten für Forschung und Medien offenlegen. Nicht nur selektiv (wie bei #RussianMeddling), sondern generell bei Wahlen und Referenden.

Was können wir tun?

  1. Social-Media-User können für Medien Werbeanzeigen «spenden». Zum Beispiel mit dem Add-On «Political Ad Collector» für den Browser.
  2. Bleibt kritisch! Vorsicht bei Bots! Jede Fake News, die gelesen wird, beeinflusst auch Redaktionen. Die Sensibilisierung für Bots-Mechanismen in Medien und Politik muss unbedingt erhöht werden. Mit dem Tool «Bot or Not» lässt sich testen, ob es sich um ein echtes Konto handelt.
  3. Testet «demokratiefreundliche» Netzwerke wie Democracy OS, Brigade, pol.is und D-CENT-Tools. Das sind Netzwerke, deren Quellcode offen ist. Bei denen wir somit die Hoheit über unsere Daten haben und die Funktionsweise verstehen. Und die auf Diversität statt Homogenität ausgerichtet sind.

Und last but not least: Wem das alles zu schnell oder zu oberflächlich war, kann das Thema im Sachbuch Smartphone-Demokratie von Adrienne Fiechter vertiefen.