Aus dem Unterricht des CAS Digital Leadership berichtet Thomas Greutmann:

Mehrfach wurden wir bei unserer Silicon Valley Tour auf ein Phänomen aufmerksam gemacht. Egal ob beim Outpost der Swisscom oder beim Deutsche Bank Lab, die Geschichten waren beinahe identisch: Ganze Geschäftsleitungen und Study-Groups besuchen die Bay Area und lassen sich vom Innovationsgeist des Silicon Valleys und vom Virus der Disruption anstecken. Voller Tatendrang und Ideen treten sie die Heimreise an. Doch nach spätestens sechs bis acht Wochen hat sie der Alltagstrott wieder eingeholt. Der ganze Mut und Antrieb für wirkliche Veränderungen im Job oder im privaten Leben sind weg. Wird es mir etwa gleich ergehen? Zwei Monate und die ganze Motivation, alle digitalen Ideen weg?

Zeit für den Selbsttest. Sieben Wochen sind vergangen seit unserer gemeinsamen Woche im Epizentrum der Disruption. Beim Schreiben dieser Zeilen bin ich seit rund einem Monat in den Sommerferien und sitze in einer Strohhütte im Hochland Boliviens. Wlan gibt es hier nicht und meine Emails habe ich seit knapp einer Woche nicht mehr angeschaut. Und das Beste daran: es fehlt mir an nichts, die «Digital Detox» hat weder Phantom-Schmerzen noch andere Symptome bei mir ausgelöst. Immer wieder kommt deshalb in mir der Gedanke hoch, ob dieser ganze Hokuspokus um die digitale Revolution eigentlich gerechtfertigt ist. Sind die Menschen hier im bolivianischen Hochgebirge ohne Internet wirklich unglücklicher mit ihrem Leben? Ist ihre Freizeit ohne Facebook, Twitter oder Pokémon Go weniger erfüllend? Es scheint mir nicht so.

Verschwende ich also meine Zeit und Ersparnisse, wenn ich mich mit meinen Master in Digital Business abmühe? Ist es wirklich nötig, zu versuchen, meinen Arbeitgeber digital weiterzuentwickeln?

Bevor ich jeweils kurz davor stehe, in sozialromantische Tagträume über ein Leben ohne Technik und digitalen Einfluss einzutauchen, sehe ich selbst in den Tiefen der Anden Zeichen der technologischen Entwicklung. Wenn ich aufmerksam hinschaue, sehe ich zum Beispiel an vielen Gebäuden Solar-Panels. Wo vor kurzem Elektrizität und warmes Wasser nicht existent waren, da würde die lokale Bevölkerung diese Errungenschaften auf keinen Fall wieder hergeben wollen. Und wenn ich mit lokalen Reise-Guides spreche, dann schwärmen diese von den Möglichkeiten des Internets in den grösseren Dörfern und Städten, in welchen sie wohnen. Mehr als die Hälfte der Reiseleiter, welche ich angetroffen habe, wollen ein eigenes Reisebüro eröffnen. Sie möchten mit den neuen digitalen Optionen und Geschäftsmodellen den Traum der Selbstständigkeit wahr werden lassen.

Es sind genau diese kleinen Geschichten des technologischen Fortschritts, welche in mir wieder die Erinnerungen an die Woche in der Bay Area wecken. Egal ob man in Bolivien im Tourismus arbeitet, in einem Schweizer Sportverband angestellt ist oder ob man als Gründer eines Start-Ups im Silicon Valley die Welt erobern möchte. An allen Orten bietet die digitale Transformation eine Vielzahl von Möglichkeiten und Chancen. Die Ausgangssituation und das Tempo mögen unterschiedlich ein, aber viele Gemeinsamkeiten sind deutlich zu erkennen.

Wir durften in unserer Studienreise ein sehr ausgewogenes Programm erleben. Grössen wie Airbnb, Evernote und Box gaben uns an ihren Hauptsitzen Einblick in ihre Tätigkeiten. Wir durften in die Welt von Start-Ups eintauchen und neueste Geschäftsmodelle und Arbeitstechniken kennen lernen. Einige Learnings sind bei mir speziell hängen geblieben. Und ich bin überzeugt, dass diese auch in Bolivien und in der Schweiz funktionieren.

Einer der Grundwerte beim Unternehmen Box

Einer der Grundwerte beim Unternehmen Box

«Get Shit Done»
Die Schweiz ist ein Volk von Perfektionisten. Alles muss bis ins kleinste Detail funktionieren und auf die Minute aufeinander abgestimmt sein. Doch dieser Hang zum Perfektionismus steht uns oft im Weg. Eidgenössische Firmen versuchen stets das ideale Produkt mit möglichst vielen Funktionalitäten zu kreieren. Vorher wird die Idee oder das Produkt nicht präsentiert, geschweige denn auf dem Markt lanciert. Sehr lange Vorlauf- und Reaktionszeiten sind die Folgen. Unter anderem dank Lean Management Formen funktioniert dies im Silicon Valley komplett anders. Kleine Prototypen, oft nur mit einer einzelnen Funktion, werden sofort getestet, mit dem Umfeld geteilt und dank dessen Feedback iterativ weiterentwickelt. Schnell und agil werden neue Produkte lanciert. Anstelle lange mit einer tollen Idee auf den grossen Wurf zu warten, wird in Kalifornien nach folgender Devise gehandelt: «Get shit done!»

Wer nicht schon mal gescheitert ist, ist verdächtig
Es gibt im Silicon Valley Unternehmen, die nur Personen einstellen, welche bereits einmal ein eigenes Projekt oder Start-Up lanciert haben und damit gescheitert sind. Während in anderen Ländern solchen Personen teilweise noch lange das Stigma des Gescheiterten verfolgt, werden in Kalifornien die Erfahrungen eines Misserfolges geschätzt und es wird erwartet, dass im Berufsleben Risiken eingegangen werden. Denn nur wer Risiken eingeht, kann ein neues Facebook oder ein neues Apple entwickeln. Die Rückendeckung firmenintern zu haben, um Scheitern zu dürfen sowie den Mut neue Projekte zu wagen, ohne zu wissen, dass sie klappen: Etwas mehr von dieser Mentalität würde der Schweiz nicht schaden.

«Thinking out of the Box»
Wenn du weiterkommen möchtest, genügt es oft nicht, das Bestehende nur weiterzuentwickeln oder zu optimieren. Für grosse Fortschritte ist ein «Jumping the Curve» notwendig. Das heisst, man muss entweder ein Produkt/eine Dienstleistung komplett neu überdenken oder auch die Art und Weise wie ein Produkt an den Markt gebracht wird. Henry Ford hat mit dem Automobil das Pferd abgelöst und mit seinen Ideen das Leben vieler Menschen verändert. Uber als Gegenbeispiel hat den bestehenden Taxi-Markt ausschliesslich über die Art, wie das Produkt präsentiert und verkauft wird, komplett auf den Kopf gestellt. Auch wenn der Begriff mittlerweile etwas inflationär benutzt wird, folgender Tipp: Denkt und handelt mehr disruptiv!

Ein Delle ins Universum schlagen
Wer kennt folgende Sätze nicht: «Wir probieren es mal mit dem Deutschschweizer Markt aus. Wenn es dort klappt, versuchen wir es evtl. mit der ganzen Schweiz und Süddeutschland». Durch den kleinen einheimischen Markt, nicht vorhandenes Venture Capital und die konservative Mentalität, haben es Innovationen sehr schwer, in der Schweiz umgesetzt und skaliert zu werden. Nicht jeder muss, wie Steve Jobs, sich zum Ziel setzen, eine Delle in Universum zu schlagen. Aber mehr in grossen Dimensionen zu denken, ist entscheidend, wenn innovative Firmen in der Schweiz bleiben und wachsen sollen.

Wie überall gibt es auch im Silicon Valley eine Kehrseite der glänzenden Medaille. Diese lernten wir unserer Woche in Kalifornien ebenso kennen und versuchten sie kritisch zu beleuchten.

Wer nicht dazu gehört, hat Pech gehabt
Das Klima im Silicon Valley ist knallhart und extrem erfolgsorientiert. Wer beruflich die Anforderungen nicht erfüllen kann, wird schnell aus dem System wieder rausgespült. Ebenso können sich in der Bay Area ansässige Familien und Personen, welche nicht für Tech-Firmen arbeiten, die hohen Mieten und Lebenskosten meist nicht mehr leisten und müssen wegziehen. Sogar die Angestellten der Tech-Companies haben zu kämpfen, um ein Leben in Kalifornien finanzieren zu können.

Der Mensch im Mittelpunkt
Viele Firmen verfügen über tolle Slogans und Leitbilder, gemäss welchen sie die Welt und das Leben der Menschen verbessern wollen. Sobald es aber darum geht, zu wachsen und eine dominante Marktstellung zu erreichen, treten die definierten Werte teils gar schnell in den Hintergrund. Was nicht skaliert und später monetarisiert werden kann, wird vom Markt eliminiert. Ob ein Geschäftsmodell die Gesellschaft weiterbringt und hilft existentielle Probleme der Menschen zu lösen, verkommt zur Nebensache.

Gesetze sind was für herkömmliche Unternehmen
Der Paragraphen-Dschungel und die Vielfalt der Gesetze in den verschieden Teilen der Welt mag kompliziert und auch nicht immer logisch sein. Es ist aber erschreckend, wie sich gewisse Firmen aus dem Silicon Valley über lokale und regionale Gesetze in anderen Ländern hinweg setzen. Sie tun dies mit einer Selbstverständlichkeit, als sei die Digitale Welt ein Parallel-Universum und abgekoppelt vom Rest des Planeten. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass Länder wie die Schweiz innovationsfreundlichere Rahmenbedingungen schaffen und den Erfolg von neuen Ideen und Start-Ups nicht mit administrativen und steuerlichen Hindernissen verhindern.

Doch kommen wir zum Schluss wieder auf die anfangs gestellte Frage zurück. Wird es mir gelingen auch langfristig den Schwung aus dem Study-Trip mitzunehmen und digitale Ideen im eigenen Umfeld zu realisieren? Der Mut und die Ideen sind nach zwei Monaten immer noch da. Die ersten Inputs für die digitale Weiterentwicklung im eigenen Unternehmen sind ebenfalls eingebracht worden. Ich hoffe, dass in einem Jahr dann auch die ersten Ideen umgesetzt sind und ich sagen kann: «Got shit done!»

P.S. Ein grosses Dankeschön an Joanna, unsere Organisatorin des Study-Trips vor Ort, sowie an die beiden Studienleiter Manuel und Patrick. Wir durften eine tolle Woche in Kalifornien verbringen und viele Erfahrungen und Inputs mit nach Hause nehmen, Danke!