Das Fourth Amendment schützt sie genau so wie das Grundgesetzt oder das ZGB. Trotzdem scheint die Privatsphäre immer mehr zur Chimäre verfallen. Ist Privatsphäre überhaupt noch zeitgemäss? 

Um dies zu diskutieren muss man zuerst Privatsphäre und Datenschutz definieren. Privatsphäre (Privacy) bezeichnet den nichtöffentlichen Bereich, in dem ein Mensch unbehelligt von äußeren Einflüssen sein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit wahrnimmt. Dass Privacy ein historisch wandelnder Begriff ist, liegt auf der Hand. Zwar wurde schon im Antiken Rom über Verhältnis von individuellem Wohl und Gemeinwohl diskutiert, vorbehalten war Privatspähre jedoch höchstens einer kleinen Elite. Dass im Mittelalter das Thema absolut keine Bedeutung hatte überrascht sowenig, wie die Tatsache, dass unsere heutige Vorstellung der Privatsphäre mit dem Aufkommen von Humanismus und Liberalismus zusammenhängt.  Nun zum Thema Datenschutz. Datenschutz steht für die Idee, dass jeder Mensch grundsätzlich selbst entscheiden kann, wem wann welche seiner persönlichen Daten zugänglich sein sollen.

Dass genau der Staat, der als Beschützer seiner Bürger dienen sollte, schon immer eine besondere Affinität hatte, diese eben zu, sagen wir mal, beobachten, ist nichts neues. Schon beim Feudalismus und später bei Faschismus und Kommunismus wurden im Namen des Gemeinwohls individuelle Freiheitsrechte zurückgestellt. Was Edward Snowden mit seinen Enthüllungen gezeigt hat ist, dass einen Staat nicht nur die eigene Bürger sondern auch die anderer Staaten beobachtete. Auch das eigentlich nichts Neues, aber, und da kommt die bahnbrechende Innovation, dabei nicht nur auf die eigenen, grosse aber doch limitierte, Ressourcen zurückgreifte, sondern sich auch die von privaten Unternehmen zunutzen machte. Gewaltige Datenmengen die von Google & Co gesammelt wurden, wurden von der NSA angezapft.

Möglich ist dies, weil der gesamte Datenverkehr der Welt in die USA und nicht aus den USA geht. Jedes Foto, der Post, jeder Link wird auf USA Boden abgespeichert. Das ist in der Geschichte ein absolutes Novum und ein Killervorteil für die USA. Es hilft daher auch herzlich wenig, wenn man bekunde, dass man ja gar nicht aktiv Informationen teile. Nur ca 5% der Daten über einen Nutzer stammen vom Nutzer selbst. Die restlichen kommen von seinen Kontakten, die ihn taggen oder ihr Adressbuch syncronisieren. Der User merkt dabei zu spät oder gar nicht, welche Daten gesammelt werden. Er erfährt es eigentlich erst dann wenn es eine Sicherheitslücke gibt und wenn es bereits zu spät ist. Das bedenkliche an dieser Verknüpfung ist, dass dabei private Daten einer Regierung zur Verfügung gestellt werden. Und obwohl diese Regierung nur Gutes damit bezwecken mag, gibt es keine Garantie, dass die nächste, welche diese Daten ohne Aufwand erben wird, die gleichen guten Interessen haben wird. Julian Assange definierte diese Aktion in einem Interview als „beispielloser Reichtums-Diebstahl. Wissen ist Macht, und so sammeln sie eine Menge Macht“.

Paradoxerweise hat die NSA bewirkt, dass unsere Daten sicherer wurden. Die PRISM Geschichte setzte die Namen Börsenkotierte Firmen auf der Titelseite der Zeitungen. Eine denkbar schlechte Publicity. Alle Big Players eilten ihre Datenzentren und Kommunikationen zu verschlüsseln. Für die Sicherheitsexperten der Tech Firmen ist es zur Ehrensache geworden, ihre Plattformen von Eingriffe zu sichern. Dies schützt uns vor den Hackern die beim Amazon Login im Starbucks WiFi unsere Kreditkartendaten kopieren. Ohne Snowden hätten Unternehmen diese Lücken nicht so schnell korrigiert.

Eine gesunde Demokratie sollte Privatsphäre für Privatleute und Transparenz für die Beamten sichern. Dem war in letzter Zeit nicht immer so. Zwar ist das Bewusstsein der Konsumenten im Bereich Datenschutz noch zu wenig ausgeprägt. (Wer von Ihnen hat je eine Zeile der Apple Store AGBs gelesen?) Trotzdem. Snowden’s Enthüllungen haben auch in den USA eine starke Diskussion um das Thema entfachtet. Eine Diskussion, die nicht so schnell abflachen wird.

Privacy ist kein absoluter Begriff, sondern in stetiger Entwicklung und im Context zu verstehen. Nicht jede Information über uns ist gleich „privat“. Das sieht man am eigenen Beispiel sehr gut. Was man der Frau erzählt ist nicht das gleiche was man den Kindern, in der Firma oder den Kumpels erzählt. Privacy setzt einen Context voraus. Und wenn man es genau anschaut geht um eine einizige kleine Sache: Kontrolle. Man will Kontrolle über was man teilt und mit wem.

Dabei fällt mir die parallele zum Thema Umweltschutz ein. Auch das Bewusstsein für Umweltschutz musste sich erst entwickeln und festigen. Analog werden wird in den nächsten Jahren eine Datenschutz Bewegung erleben. Oder mit den Worten von MeMe Jacobs Rasmussen,Chief Privacy Officer bei Adobe Systems: „If „Big Data Is the New Oil“, then  „Privacy Is the New Green““.

Manuel P. Nappo

* Dieser Kommentar ist zuerst in der Handelszeitung erschienen