Folgender Blogbeitrag “Kanzlei der Zukunft” wurde von Raphaël Ghidini im Rahmen eines Leistungsnachweises des CAS LegalTech verfasst und enthält
subjektive Färbungen. Bewertet wurde der Beitrag von Studiengangsleiter Ioannis Martinis und redigiert von der Redaktion des Institute for Digital Business.

Von Traum zur Realität

LegalTech, Künstliche Intelligenz (KI), Digitalisierung, automatisierte Dokumenterstellung, Plattformökonomie, Process Outsourcing sind zunehmend beliebte Begriffe in der juristischen Welt. Aber was steht konkret heutzutage in der Praxis ? Erleben wir schon die Prämisse der Kanzlei der Zukunft ? Ema Bolomey erklärt, dass es noch ein weiter Weg ist, aber dass es Lösungen gibt. In diesem Beitrag, stellen wir fest, dass die Schweizer Rechtswelt von LegalTech 3.0 träumt, aber oft in LegalTech 1.0 stecken bleibt.

Allerdings gibt es ein wachsendes Bewusstsein unter Anwälten für die Bedeutung in der täglichen Praxis des Rechts. Der Saat der Innovation ist gesät und bricht langsam durch den trockenen und dürren Boden des Rechts.

Heutige Kanzleistrukturen in der Schweiz

Einige Zahlen

Ende 2019 haben der Schweizerische Anwaltsverband (SAV) und die Swiss LegalTech Association (SLTA) eine Umfrage zum Stand des bisherigen Einsatzes von LegalTech-Produkten in der Schweiz durchgeführt.

Erstens: Laut dieser Studie, ist eine überwältigende Mehrheit (87%) der Teilnehmenden der Meinung der Rechtsmarkt werde sich verändern. Paradoxerweise, weniger als 20% der befragten Anwälten haben diesen Veränderungsprozess in den vergangenen 12 Monaten bereits durchlaufen und weitere 13% beabsichtigen, sich in den nächsten 12 Monaten zu verändern.

Jeder will Veränderung, aber niemand will seinen Arbeitsalltag anpassen

Zweitens, einige den Zahlen in dieser Studie sind erschreckend:

  • 30% verwalten ihre Akten nur elektronisch und 6% nur in Papierform (!);
  • 58% verfügen über keine Digitalisierungsstrategie;
  • 8,6% beschäftigen Personen mit unterstützenden Funktion in Digitalisierung;
  • 61% speichern die Daten im Cloud (i.G.z. stationär IT Basisinfrastrukturen);
  • 22% verwenden ein CRM (Kundenmanagement-System);
  • 37% haben keine Kanzleimanagmentsoftware.

Grossen Kanzleien sind einen Schritt voraus

Drittens ergab die Studie, dass die Struktur den Kanzleien wie folgt ist:

Struktur den Anwaltskanzleien in der Schweiz

Struktur den Anwaltskanzleien in der Schweiz – SAV/SLTA 2019

Obwohl kleine Kanzleien immer noch in der Mehrheit sind, gibt es eine zunehmende Zentralisierung von Kanzleien. Nachfolgend zeigen auch die Zahlen, dass die grossen Kanzleien in ihrer Digitalisierung viel weiter fortgeschritten sind als die kleinen:

  • Alle Grosskanzleien (11-50 oder 51-100 Anwälte) sind überzeugt, dass der Rechtsmarkt sich verändern wird;
  • Alle Grosskanzleien verfügen eine Digitalisierungsstrategie;
  • Fast alle Grosskanzleien habe nicht juristische Arbeitskräfte angestellt, um die Effizienz durch den Einsatz von Technologie zu steigern.

Über Veränderung nachzudenken, neue technologische Hilfsmittel zu entdecken, sie kennenzulernen und zu nützen, ist zeit- und kostenintensiv. Daher haben kleinere Kanzleien, die mit ihrer täglichen Arbeit beschäftigt sind, nicht immer die Ressourcen, um diese Umstellung vorzunehmen.

It is not the strongest of the species that survives, it is the one that is the most adaptable to change

Die Hindernisse der Kanzlei der Zukunft

Harte und trockene Flache

Die Anwaltschaft ist im Allgemeinen resistent gegen Veränderungen. Es handelt sich um einen geschützten Berufsstand, der de facto und de jure ein Monopol geniesst, das er beibehalten möchte. Hinzu kommt, dass der Beruf des Anwalts immer noch von einem grossen Teil der Bevölkerung verehrt wird, was einen kritischen Blick auf die Art und Weise der Berufsausübung und die bestimmter anwaltsspezifischer Aufgaben verhindert.

Berufsregeln und Organisation

Der Anwaltschaft ist durch eine grosse Anzahl von Berufsvorschriften geregelt, z.B. BGFA, kantonale Anwaltsgesetze, Schweizerische Standesregeln von SAV und von kantonale Anwaltsverbände. Einige diesen Regeln sind gerechtfertigt, um eine sorgfältige Ausübung des Berufs sicherzustellen, wie z.B. die Unabhängigkeit, das Berufsgeheimnis und das Verbot von Interessenkonflikten.

Allerdings sind Regeln ein Hindernis für Innovationen, wie das Verbot der Werbung zu machen oder eine Partnerschaft mit Nicht-Anwälten einzugehen. Dieser letzte Punkt macht keinen Sinn in einer Zeit, in der die Nebentätigkeiten des Anwalts (T-Shape lawyer) immer wichtiger werden.

Vorschläge für die Zukunft

Es besteht kein einheitliches Dogma für die Gestaltung der Kanzlei der Zukunft. Vielmehr handelt es sich um einen kontinuierlichen und iterativen Prozess, je nach Grösse, Struktur und Region, in der die Kanzlei angesiedelt ist. Es lassen sich jedoch einige Richtlinien erkennen:

  • New Skills entwickeln: HR, Marketing, T-Shape Lawyer;
  • Einfache Fälle und Aufgaben automatisieren;
  • Erhöhte intellektuelle Leistungsfähigkeit nur um komplexe Rechtsstreitigkeiten zu behandeln;
  • Wirtschaftsorientierte Anwälte: Mehr Transparenz gegenüber den Kunden, Kostensenkung durch Effizienzsteigerung;
  • Mitarbeiterzufriedenheit;
  • Intelligent Tools: Datenbank, Know-How Management, Trends entdecken.

Schlussfolgerung

LegalTech ist kein Wunderlösung sondern ein Tool. Das technologische Werkzeug muss es dem Anwalt ermöglichen, sich auf den juristischen Mehrwert für den Kunden zu konzentrieren und nicht auf administrative Aufgaben. Die intellektuelle und menschliche Leistungen werden ergänzt aber nicht ersetzt.

LegalTech bedeudet technologische Werkzeuge zu nutzen, um den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen (i.G.z Bürokratie), sowohl auf der Seite den Kunden als auch des Dienstleisters.

More Digital, more Human