Diesen Gastbeitrag aus dem Digital Society Report schreibt Felix Walker:

Es war einmal ein Unternehmen, das freute sich darüber, dass es Kunden gab, die gerne Produktebewertungen schreiben und Sterne verteilen, damit andere Interessenten wissen, wie brauchbar ein Produkt überhaupt ist. Am Ende waren alle gut informiert, es wurden nur noch brauchbare Produkte verkauft, und von da an lebten sie alle glücklich und zufrieden, bis zur nächsten Online-Bestellung.

Ganz so einfach ist sie wohl nicht, die Sache mit den Produktebewertungen – die Wirklichkeit ist eben kein Weihnachtsmärchen. Deswegen hat sich wohl Amazon, der dominante Riese im Internethandel, dazu entschieden, etwas gegen unglaubwürdige Bewertungen zu unternehmen.

Als Kunden wissen wir, wie wichtig Kundenbewertungen sein können – vor allem wenn es um die Qualität eines Produktes geht. Wer dann etwas tiefer gräbt, merkt schnell, dass viele der abgegebenen Bewertungen zum vornherein unglaubwürdig sind – weil sie nämlich von einem “Tester“ verfasst worden sind, der als Gegenleistung gratis das entsprechende Produkt bekommen hat. Zitat aus dem Spiegel:

solar

So viele Bewertungen mit so vielen Sternen; aber was können wir denn nun glauben? Screengrab amazon.de 
Diesem Verhalten will Amazon nun einen Riegel schieben. Der Tausch von Rezensionen gegen Produkte wird generell untersagt, und damit wenigstens eine gewisse Kontrolle ausgeübt werden kann, erlaubt das Unternehmen nur noch fünf Bewertungen pro Kunde und Woche – außer, wenn es sich um verifizierte Käufe handelt. Auf Amazon.com wurden bereits mehr als eine halbe Million unglaubwürdiger Rezensionen gelöscht. Das wirkte sich schnell auf die Noten aus, die von den Bewerbern abgegeben werden: Diese verschlechterten sich nämlich im Durchschnitt deutlich.“ …viele der Nutzer gaben bisher auch aus Eigennutz positive Produktbewertungen ab. Viele Anbieter bewarben ihre Produkte auf dem Online-Portal jahrelang mit Rabatten, kleinen Belohnungen oder kostenlosen Beigaben – Kunden bekamen diese aber nur, wenn sie bestimmte Produktbewertungen abgaben. Wie aus einem Bericht des Analyse-Unternehmens ReviewMeta hervorging, fielen diese dann meist überdurchschnittlich gut aus. Das Unternehmen hatte sieben Millionen Bewertungen auf Amazon.com untersucht. Demnach scheinen die Käufer tendenziell dazu zu neigen, “anreizbasierte” Produkte weitaus besser zu bewerten, als regulär angebotene Artikel.“

Also doch: Ein Weihnachtsmärchen mit Happy-End? Eher nicht.

Bewertungen sollten auch in Zukunft mit grosser Vorsicht genossen werden. Das beweist der anonyme aber durchaus lesenswerte Bericht eines massenhaften “Testers“, der in den Kommentarspalten von heise.de publiziert wurde. Der Verfasser ist nicht optimistisch, was die Zukunft der Bewertungen betrifft:

“Die Händler und Rezensenten werden ihren Workaround um die neuen Regeln finden. Viele bieten schon jetzt Erstattung per PayPal vorab an. Das hat für den potentiellen Käufer viel mehr Nachteile als bisher, weil so erstens verifizierter Kauf dransteht (bei Kauf mit Code nicht) und zweitens kein Disclaimer, dass das Produkt kostenlos zur Verfügung gestellt wurde (den auch bisher nicht alle angefügt haben, obwohl es so gefordert wurde).“

Immerhin hält dieser Rezensent eine Gebrauchsanleitung für Produktebewertungen bereit, die durchaus nützlich sein könnte:

  • 5 Sterne Bewertungen von Top-Rezensenten immer kritisch ansehen;
  • sich am besten in erster Linie an 2-4 Sterne Bewertungen halten;
  • 1 Stern Bewertungen sind oft sinnfrei und Gejammer über defekte Artikel und Ähnliches […];
  • Produkte die schnell viele gute Bewertungen bekommen, kritisch betrachten;
  • sich anschauen was die Rezensenten sonst so bewerten.