Aus dem Unterricht des CAS Mobile Business mit Rino Borini berichtet Karin Mathys:

Mobile Finance is “The use of a mobile phone to access financial services and execute financial transactions” = Mobile Banking + Mobile Payment.

Mobile Banking / Big Picture

Eigentlich ist Mobile Finance nichts Neues. Bereits im Jahr 2007 – dem Jahr, in dem Apple das Smartphone vorstellte – wurde M-Pesa in Kenia lanciert. Auch in der Schweiz gab es bereits in den 90er Jahren erste Digitalisierungsprojekte, welche 1999 in einem “Online-Banking”-Boom und 2001 in ersten Anwendungen auf Mobiltelefonen resultierten. Diese Entwicklung endete 2001 abrupt mit 9/11 und der Finanzkrise. Erst 2009 kam wieder Bewegung in den Markt. 2012 stellte die Raiffeisen die erste Mobile Banking Lösung vor.  Doch im Vergleich zum Ausland (USA, UK, Deutschland, Niederlande) war der einst so fortschrittliche Finanzplatz Schweiz bereits ins Hintertreffen geraten und London wurde als die Fintech-Metropole angesehen.

Wie kommt es, dass die Bankenvertreter gemäss einer Studie des Instituts für Finanzdienstleistungen 2014 den digitalen Kanälen in den nächsten fünf Jahren trotzdem keine strategische Bedeutung zumessen?

Die Banken waren in den letzten Jahren sehr stark mit sich selbst beschäftigt. Eine zunehmende Regulierung, der steigende Kostendruck und alte Kernbankensysteme haben Ressourcen der Banken absorbiert.  Gleichzeitig waren die Banken zu sehr auf das Lösen von alten Problemen konzentriert und haben lange nicht erkannt, dass sich die Bedürfnisse ihrer Kundinnen und Kunden geändert haben. Sie haben folglich weniger flexibel auf veränderte Rahmenbedingungen (verrückte Finanzmärkte, Generation Null-Zins) reagiert als die neuen, teils branchenfremden Herausforderer (Google, Valora, Fintech Startups). Dazu kommt, dass das angestammte Geschäft der Banken trotz Margendruck nach wie ein lukratives Geschäft ist – der Druck auf die Banken ist derzeit noch relativ gering. Zusätzlich fehlt es der eher trägen Finanzmarktaufsicht in der Schweiz an Know-how im Fintech-Bereich, wodurch Innovationen in einem Markt, der Agilität und Flexibilität verlangt, erschwert und verteuert werden.

Dennoch haben einige Banken die Zeichen der Zeit erkannt. Angeführt wird die Digitalisierung im Schweizer Bankenmarkt durch die UBS. Sie verfolgt eine konsequente Multikanalstrategie und wurde dafür 2013 mit dem “Best of Swiss Apps”-Award ausgezeichnet. Insbesondere im Geschäft mit den vermögenden, digital affinen Privatkunden scheint sich dies für die Bank auszuzahlen. Trotz hoher Kosten im Zusammenhang mit der Regulierungsthematik konnte die UBS dank “Mobile” die Margen erhöhen. Erst wenige andere Banken in der Schweiz haben verstanden, dass digitale Instrumente auch ein Kundenbindungselement sind. Massnahmen haben bspw. die Glarner Kantonalbank (Investomat, Online Hypothek), die CS (PFM) sowie die Basler Kantonalbank (Crowdfunding) umgesetzt.

Im Bereich Mobile Payment wurden drei Schweizer Initiativen lanciert: Paymit (UBS, ZKB, SIX), Twint (PostFinance) und Migros.

In der Gruppenarbeit haben wir die Anforderungen an unsere “Bank der Hosentasche” kreiert:

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Disruption / Finance 2.0

Die Bankenindustrie sieht sich mit massiven Veränderungen konfrontiert. Disruptive Geschäftsmodelle und Technologien stellen das Selbstverständnis der Banken in Frage.  Viele Bankdienstleistungen können bereits heute durch disruptive Geschäftsmodelle von (Fintech-) Startups substituiert werden, die sich konsequent auf den mobilen Kanal ausrichten.

Dabei werden nicht einfach die klassischen Bankprozesse abgelöst. Das veränderte Kundenverhalten bewirkt eine Veränderung der Finanzmärkte. Es geht längst nicht mehr nur um die Digitalisierung der Prozesse. Im Fokus stehen:

  • Demokratisierung der Finanzindustrie
    • Zahlen, Sparen, Finanzieren, Anlegen, Vorsorge/Versicherungen
  • Disintermediation traditioneller Geschäftsmodelle
    • Verzicht auf Intermediäre
  • Banking gehört allen
    • Aufbrechen der Wertschöpfungskette
  • Customer Experience
    • Kunde/Kundin und das Erlebnis ins Zentrum stellen

Dienstleister müssen ein komplett neues Kundenverständnis entwickeln, denn die “Millennials” haben ein verändertes Nutzungs- und Kommunikationsverhalten. Sie kennen das alte Geschäft nicht und erwarten personalisierte und individualisierte Dienstleistungen mit einer excellenten Customer Experience.

Die Schweiz hätte dank politischer Stabilität, der Kompetenz der Finanzbranche und gutem Tech-Know-how (u.a. ETH) durchaus das Potenzial, zur Innovationsführerin zu werden.

SwissFintechSeptember15

Es fehlt jedoch der agile Regulator, der das Tempo und die Entwicklung der digitalen Entwicklung versteht. In Zukunft werden primär folgende Themen relevant sein:

  • Big Data
  • Kryptowährungen + Blockchain
  • Vermögensverwaltung

Fazit

Es findet eine Demokratisierung der Finanzbranche statt. Neue, innovative Anbieter mit teils disruptiven Geschäftsmodellen verändern die Interaktionen zwischen Finanzdienstleistern und Kunde/Kundin. Multikanaldenken, die Verknüpfung von Zusatzleistungen und Mehrwertdiensten entlang der Wertschöpfungskette sowie Transparenz und eine konsequente Fokussierung auf die User Experience werden zu zentralen Erfolgsfaktoren. Für viele Dienstleistungen wird es keine Banken mehr benötigen. Man geht davon aus, dass um die 30% der Banken verschwinden werden. Vertrauen und Sicherheit bleiben mitunter die wichtigsten Assets für erfolgreiche Banken. Finanzinstitute sollten darauf hinarbeiten, sich bei den Kundinnen und Kunden als Begleiter über alle Lebensphasen und damit auch alle Devices zu positionieren. Dazu müssen sie einen digitalen Mindset entwickeln und die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden nach Individualisierung und Personalisierung mit Zusatzservices und Mehrwertdiensten in den Vordergrund stellen.