Aus dem Unterricht des CAS Mobile Business mit Ralph Hutter berichtet Simon Racine:

Einleitend betitelte Ralph den Begriff “Mobile First” als ein “komisches Vieh” und erklärte es als oberstes Ziel dieses Nachmittages, diesen Begriff fassbar zu machen. Im Weiteren soll der Zusammenhang von Mobile First mit der Kultur erarbeitet werden.

Was bedeutet Mobile First überhaupt?

Um aufzuzeigen, wie viele verschiedene Auffassungen es zu Mobile First gibt, sollten die Studierenden sagen, was ihnen als Erstes dazu in den Sinn kommt. Dabei entstand folgender Flipchart:

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Quelle: eigenes Foto

Die Grundprinzipien nach Luke Wroblewski

Der “Erfinder” von Mobile First, Luke Wroblewski, hat in seinem Buch aus dem Jahre 2011 die Grundprinzipien sehr früh erkannt. Dabei stehen gemäss Wroblewski drei Punkte im Kern von Mobile First:

  1. The growth of mobile is a huge opportunity to reach more people than ever.
  2. The constraints of the mobile medium force us to focus on what really matters.
  3. The capabilities of mobile create opportunities to innovate.

Zum Thema “Growth” gab Ralph zu bedenken, dass bereits im Jahr 2011 77% der Bevölkerung ein Mobile besassen. Der Markt ist also nicht erst mit dem Smartphone entstanden – aber mit dem Smartphone ist er explodiert.
Bei Punkt zwei – sich auf das Wesentliche konzentrieren – sollten die Studierenden zusammentragen, welche Apps sie auf der Startseite ihres Smartphones haben. Dabei wurden vor allem, Wetter-Apps, die App von der SBB, verschiedene Zahldienste, Navigations-Apps, Nachrichtenplattformen, Musik- oder TV-Apps genannt. Alles Apps also, welche sich tatsächlich aufs Wesentliche konzentrieren und sich auf eine Anwendung fokussieren. In der SBB App zum Beispiel wollen die Leute hauptsächlich den Fahrplan abrufen und Tickets kaufen. Andere Funktionen, welche man auf der Website der SBB ausüben kann – wie zum Beispiel offene Stellen oder Hintergründe zum Unternehmen – braucht es in der App nicht.
Zum dritten Punkt – den wachsenden Möglichkeiten, welche Mobile bietet – wies Ralph darauf hin, dass die Kamera zum Beispiel eine Funktion des Smartphones ist, welche heute für alle selbstverständlich erscheint vor ein paar Jahren aber noch nicht denkbar war.

Die Einflüsse von Mobile First

Anschliessend warf Ralph ein sehr inspirierendes Zitat von Vala Afshar in den Raum:

“The notion that mobile and social is tech… It’s not; it’s a lifestyle.”

Damit wollt er sagen, dass Mobile und Social nicht nur eine technische Innovation sind. Es verändert die Ansprüche von Angestellten an das Unternehmen, es verändert die Ansprüche von Konsumenten an das Unternehmen, kurz: es verändert die ganze Welt. Die Unternehmen müssen sich bewusst werden, dass ganz unterschiedliche Ansprüche vorhanden sind. So zeigen zum Beispiel Studien, dass durchschnittlich nur die Hälfte der Leute e-Banking benutzen. Das heisst, die andere Hälfte benutzt es nicht – und um diese Kundengruppe müssen sich die Banken weiterhin genauso kümmern wie um diejenigen, welche es verwenden. Die verschiedenen Ansprüche, welche Mobile First für Unternehmen mit sich bringt, werden auf folgender Abbildung visualisiert.

Quelle: Unterrichtsmaterial von Ralph Hutter

Quelle: Unterrichtsmaterial von Ralph Hutter

Die Herausforderungen

Ralph ging auch auf die Herausforderungen ein, welche das Zeitalter von Mobile First mit sich bringt. Zusätzlich zu der Diversität der verschiedenen Kanäle kommt die Herausforderung der Diversität der verschiedenen Screen-Grössen. Denn die Nutzung ist auf jeder Grösse anders.

Quelle: Unterrichtsmaterial von Ralph Hutter

Quelle: Unterrichtsmaterial von Ralph Hutter

Weiter muss auch die unterschiedliche Nutzung in unterschiedlichem Kontext berücksichtigt werden. So nimmt zum Beispiel die Nutzung von Social Media auf Desktop immer mehr ab und diejenige auf Apps und im Mobile Web immer mehr zu. Auch spielt es eine grosse Rolle ob man das Mobile nun im Auto, im Büro, im Restaurant oder im eigenen Badezimmer verwendet.

Mobile First und Kultur

Nun ging Ralph tiefer auf das Thema Mobile First und Kultur ein. Er stellte die Frage: Gibt es so etwas wie Mobile First Culture überhaupt? Es gibt keine Forschung, welche diese Frage klar beantworten kann. Unternehmen, welche Mobile First leben sind zum Beispiel Whatsapp, Uber, Runtastic, Foursquare, Instagram oder Flipboard. Um aber die Frage nach der gelebten Kultur besser beantworten zu können, wurden zwei theoretische Modelle herbeigezogen.

Zum einen das Modell von Russel Consulting:

Quelle: Russel Consulting

Quelle: Russel Consulting

Das Ganze fängt auf der physischen Ebene an. So brachte zum Beispiel die Parfümerie Douglas, als sie ihre erste App lancierten, in allen Filialen grosse Bodenkleber an auf welchen dazu aufgefordert wurde, die App herunterzuladen. Dies sind zwar simple aber effiziente Mittel.
Weiter geht es mit der ganzen Infrastruktur. So waren Unternehmen in den 90er-Jahren immer wieder in der Pflicht, ihre Mitarbeitenden auf den neuesten Stand der Technologie zu schulen (Computer, Office-Programme, E-Mail usw.). Heute ist das komplett umgekehrt. Die Mitarbeitenden haben oftmals die besseren Devices im Privaten als in den Unternehmen, haben zu Hause ein schnelleres Internet als im Geschäft oder verwenden die neueren Tools im Privaten als im Berufsalltag.
Eine Ebene weiter unten in der Pyramide findet sich das Verhalten. Dies zu verankern ist schon eine wesentlich grössere Herausforderung als die beiden vorangegangenen Punkte. Führt man in einem Unternehmen zum Beispiel ein neues Intranet mit der Möglichkeit zum bloggen, kommentieren und liken ein wird es einige Jahre dauern, bis sich diese Funktionen wirklich im Unternehmen etabliert haben und von den Mitarbeitenden genutzt werden.
Am schwierigsten ist es schliesslich, die neuen Werte und die Kultur zu verankern. Bis diese sich verändert und verankert haben kann es viele Jahre dauern. Wichtig ist hier, dass von der Geschäftsleitung nicht nur Lippenbekenntnisse gemacht werden sondern die neuen Werte vorgelebt werden.

Als zweites Modell wurde dasjenige von Tim Galpin und Toby Tester vorgestellt.

Quelle: http://merger-integration.com.au/thoughts-on-cultural-integration/

Quelle: http://merger-integration.com.au/thoughts-on-cultural-integration/

Dieses Modell zeigt eine ganz andere Perspektive zur Unternehmenskultur. Es sagt aus, auf welche Faktoren es ankommt, wenn bei einer Zusammenführung zweier Unternehmen die verschiedenen Kultur ineinander integriert werden sollen. Dabei sind die verschiedenen Elemente nicht hierarchisch sondern kategorisiert aufgelistet.

Die Gruppenarbeiten

Als Abschluss des Unterrichts gab es eine Gruppenarbeit. In der ersten Gruppe wurde der Mobile First Day von Zalando vorbereitet und präsentiert. Dabei wurde herausgestrichen, wie wichtig der Mobile-First-Ansatz für Zalando ist, da bereits 57% der Zugriffe über Mobile-Devices erfolgen. Mobile First soll mit dem Bottom-Up Ansatz weiterentwickelt werden. Das heisst, die Mitarbeiter jeglicher hierarchischer Stufen werden von Beginn an in die Prozesse integriert. Nach dem Prinzip “Eat your own Dog Food” soll dabei zuerst alles intern durchgetestet werden, bevor es an die Kunden weitergegeben wird.

Die zweite Gruppe stellte die verschiedenen Fähigkeiten auf, welche aktuelle Smartphones aufweisen: GPS, Mikrofon, Kamera, Wlan, GSM, Touchscreen, Stimmerkennung, NFC, Bluetooth, Näherungssensor, Fingerabdrucksensor, Gyroskop, Magnetometer, Pulsmesser, Thermometer, Beschleunigungssensor und Helligkeitssensor. In naher Zukunft sollen ausserdem ein chemisches Spektrometer, Elektrodiagramm sowie Terahertz Scanner hinzukommen.

Die dritte Gruppe nahm die “smarte” Bank “number26” unter die Luppe. Das spezielle an dieser Bank ist, dass sie sich auf das Wesentliche Kerngeschäft konzentriert. Zur Auswahl steht nur eine Mastercard, es kann Geld abgehoben und transferiert werden – that’s it. Dafür gibt es für keine Transaktion Gebühren, alles ist gratis. Zinsen erhält man keine. Das Konto kann innerhalb von acht Minuten eröffnet werden, die Gruppe demonstrierte live, wie einfach der Registrierungsprozess ist.