Aus dem Unterricht des CAS Digital Leadership mit Andreas Von Gunten berichtet Silvan Gertsch:

Was kann ich dazu beitragen, dass wir eine bessere digitale Welt haben? Diese Frage richtete Andreas Von Gunten ganz am Ende seiner Vorlesung zum Thema Netzpolitik an die Studierenden des CAS Digital Leadership. Eine einfache, zusammenfassende Antwort auf seine Frage lieferte der Dozent danach zwar nicht – das war aber auch nicht mehr nötig. In den Stunden zuvor hatte er mit seinen Ausführungen zu den Themen Überwachung, Internet als rechtsfreier Raum, Netzpolitik, Netzsperren und Netzneutralität die Studierenden zum Mitdenken und Mitdiskutieren angeregt und ihnen genug Denkmaterial mitgegeben, damit jeder und jede diese Frage für sich selber beantworten konnte. Aber der Reihe nach.

Andreas Von Gunten ist selbständiger Unternehmer, Berater, Dozent, Gründer und Geschäftsführer von buch & netz, Gründer und Verwaltungsratspräsident von PARX sowie Mitglied bei der Digitalen Gesellschaft. Zu Beginn seiner Vorlesung stellte Von Gunten den Bezug der vielzitierten Disruption zur Politik her: “Disruptive Technologien haben immer auch eine politische Dimension.” Und er veranschaulichte dies anhand von Konfliktfeldern, wie beispielsweise der Monopolisierung.

Alternative zu Google: Duckduckgo.com

Alternative zu Google: Duckduckgo.com

Google wird als Monopolist im Suchmaschinenbereich angesehen, weshalb viele Leute der Meinung sind, dass Google reguliert werde müsse. Dies geht für Von Gunten zu weit: “Es ist jedem von uns freigestellt, eine andere Suchmaschine zu nutzen.” Alternativen gebe es schliesslich genügend. Aber auch die Überwachung (Nachrichtendienstgesetz, Büpf) und den digital divide, also die Tatsache, dass Leute den schnellen Entwicklungen nicht mehr folgen können, ordnete er als Konfliktfelder ein.

Diese führen zu drei Handlungsebenen:

  • Persönliches Verhalten: Ich benutze z.B. eine andere Suchmaschine als Google.
  • Operative und strategische Entscheidungen in den Organisationen unseres Einflussbereiches.
  • Politische Einflussnahme als Wählerinnen und Wähler und in anderen Rollen unseres demokratischen Systems.

Immer wieder bezog Andreas Von Gunten die Fragen der Studierenden in seine Vorlesung ein und bettete sie in aktuelle Ereignisse ein. Beispielsweise behandelte er die Frage nach dem bedingungslosen Grundeinkommen im Zusammenhang mit der Digitalisierung: “Ich denke nicht, dass wir alle unsere Arbeit verlieren werden wegen der Digitalisierung.” Routinearbeiten würden zwar durch Automatisierung ersetzt. Man müsse aber in der Ausbildung ansetzen. “Und die Digitalisierung führt zu einer Produktivitätssteigerung. Diese könnte in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens weitergeben werden.”

Beispiele aus der Praxis

Von Gunten äusserte sich auch zur Entscheidung der Stadt Zug, Bitcoins als Zahlungsmittel zu akzeptieren. So sehr er die Entscheidung der Stadt Zug befürwortete, gab er auch zu bedenken: “Man muss jederzeit damit rechnen, dass Staaten Bitcoins verbieten und dass Bitcoins, wie wir sie heute kennen, vielleicht keine Zukunft haben.” An der grundsätzlichen Zukunftsfähigkeit von Kryptowährungen zweifelte der Dozent hingegen nicht.

Ob das Internet ein rechtsfreier Raum ist? Bei dieser Frage gingen die Meinungen im Raum auseinander. Von Gunten selber stellte sich auf den Standpunkt, dass man keinen Unterschied machen solle zwischen unserer Lebenswelt und der digitalen Welt. “Das Internet ist ein Teil unserer Realität und dort gelten die Gesetze genau gleich.”

Im Hauptteil ging Von Gunten auf die Netzpolitik ein anhand von vier Netzen:

  • Netze für Kommunikation und Partizipation (z.B. das Internet)
  • Netze für Logistik und Produktion (Industrie 4.0)
  • Netze für Energie (wird momentan aufgebrochen, dort wird nicht nur Strom, sondern auch Informationen fliessen)
  • Netze für Finanzen und Verträge (Blockchain)

Von Gunten plädierte dafür, dass diese Netze möglichst offen bleiben sollten und zeigte beispielhaft auf, was gegen Netzsperren spricht: Einerseits seien sie einfach zu umgehen (Opera), andererseits werde das DNS-System durch Netzsperren unsicher. Und er warnte vor Overblocking, dem Phänomen, dass Seiten gesperrt werden, die nicht gesperrt sein müssten.

Bildquelle: Digitale Gesellschaft

Netzneutralität

Netzneutralität bezeichnet die nicht-diskriminierende Übertragung von Daten im Internet und baut auf drei Prinzipien auf:

  1. End-to-end-Prinzip: Jedes angeschlossene Gerät soll mit jedem anderen kommunizieren können.
  2. Best-effort-Prinzip: Jeder Netzbetreiber trägt sein Bestmögliches dazu bei, dass die Daten so effizient wie möglich fliessen können.
  3. Innovation-without-permission-Prinzip: Jeder kann das Internet weiterentwickeln und eigene neue Dienste und Inhalte anbieten, ohne dafür die Netzbetreiber oder jemand anderen um Erlaubnis bitten zu müssen.

Von der Netzneutralität sind alle Unternehmen betroffen, nicht nur die in den Medien gern zitierten Beispiele von Netflix und YouTube. Videos und Virtual-Reality-Anwendungen verbreiten sich immer stärker in allen Unternehmen. Ist die Netzneutralität nicht mehr gewährleistet, dann ist der Innovationsstandort Schweiz gefährdet.

Die Situation in der Schweiz

Die Motion Glättli, die Netzneutralität gesetzlich verankern will, wurde im Nationalrat mit 111 zu 61 Stimmen angenommen, im Ständerat dann aber abgelehnt. Der Bundesrat sieht zwar, dass es Probleme mit der Netzneutralität geben könnte, ist aber der Meinung, dass momentan eine Informationspflicht ausreicht (allfällige Diskriminierungen müssen öffentlich gemacht werden). Und nicht zuletzt haben die Provider einen Verhaltenskodex definiert (kritische Einordnung dazu von Andreas von Gunten).

Den Schlusspunkt unter die Vorlesung setzte eine kontroverse Diskussion zum Urheberrecht und zu den Auswirkungen auf die Musikbranche. Aber wie sagte Andreas Von Gunten zu Beginn seiner Vorlesung: “Man muss über alles sprechen können.” Das ist ihm gelungen.