Weshalb die grössten Innovationen nicht unbedingt danach aussehen und wie man zu Innovation kommt, berichten Beat Bieri und Tanja Höhn aus dem Modul Design Thinking im CAS Digital Leadership bei Dr. Falk Uebernickel:

Als Koryphäe, Globetrotter und Desing Thinker der ersten Stunde stellt uns Patrick Comboeuf Falk Uebernickel vor, verspricht uns einen interessanten und lehrreichen Tag und setzt die Messlatte wie immer hoch. Falk Uebernickel ist ein waschechter HSGler, doziert in China, Finnland und den USA. Er verspricht uns einen kurzweiligen, interaktiven Tag, bei welchem wir kaum Zeit finden werden, ins Notebook zu schauen – unter dem Motto: “Setting the basics and understanding what Design Thinking is.“ Schon zum Kennenlernen müssen wir als Erstes unsere Komfortzone verlassen und werden durch das Zimmer gejagt. Erkenntnis: Uns erwartet ein spannender und interessanter Tag. (Und WOW, einige HWZ-Kollegen essen zum Frühstück tatsächlich zwei Muffins! Eine wichtige Erkenntnis.)

Die zweite wichtige Erkenntnis des Tages: Innovationen sind keine Erfindungen.

Erfindungen sind oft sehr unerwartet, sie sind die grossen Ideen, die die Menschen zum Mond oder Licht ins Dunkel bringen. Innovationen hingegen erscheinen häufig sehr naheliegend und selbstverständlich. Sie passen so in unsere Lebenswelt, dass sie fast unspektakulär wirken.

Wie „unspektakulär“ eine Innovation sein kann, zeigt der Case „Fridge Pack“ von Alcoa.

Die einfache Anpassung des Packagings von Soda-Getränken verhalf Marken wie Coca Cola zu einem Sales Boost – einfach, weil Kunden dank der verbesserten, innovativen Verpackung der Dosen den Platz in ihren Kühlschränken besser nutzen und letztendlich auch die Getränke besser aus der Verpackung nehmen konnten. Der Case zeigt, dass eine scheinbar naheliegende Veränderung am Produkt grosse Auswirkungen haben kann – man muss aber versuchen, den Blickwinkel der Kundin einzunehmen.

Mit Human Centered Design zur Innovation

Und hier liegt das Geheimnis von Design Thinking: zuschauen, wahrnehmen, mitfühlen, eintauchen. Man muss verstehen, was der Kunde braucht. Dieses Verständnis kann nicht in Design-Zentren oder Produktentwicklungsabteilungen entwickelt werden, sondern nur vor Ort – bei der Kundin. Man muss raus zum Kunden und verstehen, welche Bedürfnisse er hat, was er braucht. Wenn dies verstanden wurde, können Technologien und Lösungen entwickelt werden, die in die Lebenswelt der Konsumierenden passen. Erst werden die Bedürfnisse ermittelt, dann die Lösung. Anders herum würden zwar durchaus Technologien entstehen, aber nie Lösungen. Denn wie sollte man eine Lösung finden, ohne das Problem vorher zu kennen?

Dabei fragt Design Thinking nie: „Was braucht der Konsument?“. Design Thinking beobachtet stattdessen die Konsumentin und taucht in ihre Lebenswelt ein, um eine Problemstellung herauszufinden. Das grundlegende Problem, das herausgearbeitet werden muss, ist sehr oft diffus: Man merkt, das etwas nicht stimmt, kann aber nicht genau artikulieren, was es ist. Es ist das “wicked problem”. Dank Design Thinking wird dieses Problem herausgearbeitet, konkret benannt und letztendlich durch eine Innovation gelöst. Design Thinking ist damit nicht nur ein Innovations-, sondern vor allem ein Problemlösungsansatz.

Wie kommt man im Rahmen von Design Thinking zur Problemlösung?

Design Thinking ist ein iterativer Prozess, das heisst, dass man sich der letztendlichen Problemlösung dank wiederholender Betrachtung und genauer Analyse schrittweise annähert. Dabei müssen Fehler nicht nur zugelassen, sondern auch wertgeschätzt werden: Fehler und Fehlannahmen sind die korrigierenden Elemente in einem Prozess. Fehler und falsche Annahmen, die widerlegt werden können, führen zu Learnings und unterstützen die Lösungsfindung.

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Der iterative Prozess teilt sich dabei in sechs Phasen:

1) Needfinding

In der ersten Phase geht es darum, Bedürfnisse der Konsumierenden durch intensive Beobachtung und gezieltes Nachfragen herauszufinden (Observe – Ask – Engage). Dabei kann es hilfreich sein, die beobachteten Situationen aufzunehmen. An dieser Stelle ist es wichtig, wirklich einfache Bedürfnisse zu formulieren, noch keine darauf formulierten Lösungen.

Tipps für Phase 1:

  • Beobachtungen im Team durchführen und Fokusaufgaben für die Beobachtung definieren
  • Bild-, Ton-, Videoaufnahmen machen
  • Notieren, notieren, notieren
  • Erst analysieren, dann interpretieren
  • Offene Fragen sind besser als geschlossene Fragen

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Die Beobachtungen aus Schritt 1 werden schriftlich festgehalten und strukturiert. So werden Muster sichtbar, die bei unterschiedlichen Konsumierenden beobachtet werden konnten. Diese Insights werden verdichtet und bilden die Grundlage für das Brainstorming. (Kleiner Tipp: Make post-it your best friend!)

Tipps für Phase 2:

  • Notiere Zitate
  • Finde gemeinsame Themen & Muster

3) Ideate

Während der Ideation, dem Brainstorming, werden Ideen gesammelt, die auf die Insights passen: Lösungen für Probleme, Antworten zu speziellen Bedürfnissen – im Brainstorming werden Ideen wertfrei erst einmal gesammelt. Bewertet und aussortiert wird anschliessend, um sich auf einen möglichen Lösungsweg zu konzentrieren.

Tipps für Phase 3:

  • Für einmal gilt: Quantität vor Qualität
  • Keine Bewertung
  • Auf Ideen anderer Teammitglieder aufbauen
  • Think big

4) Prototype

In diesem Schritt werden Ideen aus dem Brainstorming realisiert. Es werden erste Prototypen erstellt und die Idee wird so erlebbar gemacht. Produkte können als Low-Budget-Lösung umgesetzt werden, Services können beschrieben und visualisiert werden.

Tipps für Phase 4:

  • Low-resolution Prototypes sind ok – in diesem Fall gilt: “Done is better than perfect”
  • Das Grundproblem im Auge behalten

5) Testing

Die entwickelten Prototypen werden mit Konsumierenden, Auftraggebern und weiteren Stakeholder getestet. So können Fehler schnell aufgedeckt und die Lösung vergleichsweise kostengünstig angepasst werden.

6) (Re)Define the problem

Die Erkenntnisse aus der Testphase werden genutzt, um das Grundproblem zu bestätigen, zu korrigieren oder zu vertiefen. Aufgrund des iterativen Charakters des Design-Thinking-Prozesses kann nun erneut in einer früheren Phase angesetzt werden – dies so lange, bis eine finale Lösung und Umsetzung gefunden wird.

Wie es aussieht, wenn sich eine Klasse aus HWZ Digital Leaders das erste Mal an Design Thinking versucht, zeigen diese Bilder. Wir danken Dr. Falk Übernickel für diesen spannenden Tag, den tiefen Einblick in das Thema Design Thinking – und die tausend Post-its.

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Impression echter Design Thinkers

Impression echter Design Thinkers

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