Autor: German Ramirez | Illustration: Adrian Hablützel
Folgender Beitrag ist als Erstpublikation im Yea(h)rbook 2021 erschienen.

Wie ihr sicher wisst (wenn nicht, dann habt ihr schnell gegoogelt und wisst es jetzt), steht VUCA für «volatility, uncertainty, complexity and ambiguity». Und ja, das gibt es schon eine Weile. Aber ich glaube wir können uns schnell darauf einigen, dass es im Jahr 2020 eine ganz neue Dimension angenommen hat. Jawohl, 2020, das Jahr der Pandemie und einer weltweiten Wirtschaftskrise, das «Perfect-Storm-Jahr». Das Jahr der Masken, der Videokonferenzen und der Toilettenpapier-Hamsterkäufe. Und was hat das Ganze mit Personal Branding zu tun? Jede Menge.

You and you alone

Ausgerechnet in diesem Jahr sehen viele ihre Existenz bedroht. Die Krise, die wir gerade durchleben – und ja, wir sind noch mittendrin – hat unter anderem dazu geführt, dass sich viele eines bewusst geworden sind: Wir können uns auf nichts und niemanden verlassen, wenn es darum geht unsere Zukunft zu sichern, ausser auf uns selbst. Die Welt wird immer volatiler, unsicherer, komplexer und mehrdeutiger… Es gibt nur eine garantierte Konstante in deinem Leben: du selbst. Und wenn es darum geht, deine professionelle Zukunft zu gestalten, gibt es nur eine garantierte Waffe: deinen Personal Brand.

Du bist eine Marke

Ich weiss nicht wie oft ich gehört habe, das Thema sei nur etwas für C-Level-Leute, Celebrities oder Influencer. Stimmt nicht. Ein schlauer Mensch hat mal gesagt: Deine Marke ist das, was andere über dich sagen, wenn du nicht im Raum bist. Jeder von uns ist eine Marke. Ob wir uns als solche verstehen und gezielt daran arbeiten oder nicht. You ARE a brand. Und als solche bist du auch dein Brand Manager. Ein schlecht bezahlter Job, den keiner für dich machen wird, von dem jedoch dein Erfolg abhängt.

Dein Profil: You never get a second chance to make a first impression

Früher war dies etwas einfacher: Unsere Marke war da, wenn wir auch da waren. Wir waren aktiv stets dabei, wenn unsere Marke aktiv war. Aber das hat sich längst geändert. Jetzt, in diesem präzisen Moment, während du das hier liest, sitzt gerade jemand in London oder sonst wo und ist dabei, sich ein Bild über deine Marke zu verschaffen. Du weisst nicht wer. Du weisst nicht warum oder wozu. Aber wenn du darüber nachdenkst, wird dir bewusst, dass es stimmt: Unsere digitale Marke ist in den meisten Fällen der erste Eindruck, den jemand von uns gewinnt. Bevor wir jemanden treffen, googeln wir diese Person.

Die Frage ist: Was für einen Eindruck gewinnt das virtuelle Gegenüber? Deine digitale Präsenz, deine Profile, deine Aktivitäten… Der digitale Fussabdruck deiner Marke ist aktiv, auch wenn du nicht im Raum bist. Der persönliche Auftritt ist wichtig. Ich bin immer wieder verwundert, wie viel Mühe sich Menschen einerseits geben sich angemessen zu kleiden, zu frisieren, zu stylen… und wie wenig bemüht viele andererseits sind, wenn es um das digitale Abbild der persönlichen Marke geht.

Gähnende Leere in den Profilen. Stille auf der Timeline. Das Profil mal schnell an einen Sonntagnachmittag vor fünf Jahren dahingepfuscht… und zwischendurch höchstens aktualisiert. Denk mal darüber nach.

About the Author: German Ramirez

German Ramirez ist Unternehmer, digitaler Pionier und anerkannter Experte in den Bereichen Branding, Marketing, digitale Kommunikation und Social Media. Er ist Autor, gefragter Referent und Dozent an führenden Universitäten und internationalen Konferenzen zu Themen wie digitale Transformation, Branding & Marketing, Social Media, Blockchain, die Zukunft der Arbeit oder Innovation. Er doziert im CAS Digital Leadership des Institute for Digital Business der HWZ.

German Ramirez

Geman Ramirez, Dozent CAS Digital Leadership (HWZ)

Deine Aktivitäten: Das Phänomen von Dr. Jeckyll und Mr. Hyde

Zusätzlich zu deiner Präsenz gibt es eine zweite, entscheidende Baustelle: Deine Aktivitäten. Je weniger wir physisch interagieren, desto wichtiger wird unsere digitale Interaktion. Wir hatten alle in diesem Jahr Gelegenheit es herauszufinden: während des Lockdowns. Auf einmal gab es immer einen Screen zwischen uns und der Welt. Was wenn ALLE Interaktionen nur noch digital sind? Unsere Bedürfnisse ändern sich nicht. Unsere Werte und Denkweise ändern sich nicht. Egal ob am Screen oder physisch. Wir sind immer noch wir. Wir sind immer noch die gleichen Menschen.

Ich spreche seit vielen (vielen) Jahren von einem Phänomen, das mich immer wieder verwundert: das Phänomen von Dr. Jeckyll und Mr. Hyde. Warum verhalten wir uns anders, wenn wir physisch interagieren, als wenn wir es online tun? Beispiel: Ich treffe jemanden an einem Kongress. Reiche die Hand, um mich vorzustellen. Sage ein paar freundliche Worte. Übergebe dann meine Visitenkarte. Ein völlig normales Verhalten. Dr. Jeckyll bei der Arbeit.

Nun wechseln wir hinüber zu einem professionellen digitalen Netzwerk. Ich treffe auf ein spannendes Profil, schmeisse meine virtuelle Visitenkarte hin, ohne ein Wort zu verlieren und lebe weiter. Mr. Hyde bei der Arbeit. What is wrong with you?

Die Ära der Authentizität

Im Allgemeinen versuchen digitale Netzwerke unser Leben einfacher zu machen. Eine Freundschaftsanfrage ist auf Facebook mit einem Klick verschickt. Mit einem Klick akzeptiert. Und – egal wer die Person ist und wie wir zu einander stehen – Mark Zuckerberg hat die Frechheit zu behaupten «Congratulations: You are now friends»… Dein Ernst, Mark? Wir wissen doch alle, dass es mehr als einen Klick braucht, um jemanden als Freund*in bezeichnen zu können. Klick, eingeladen. Klick, «you are now connected». Nein sind wir nicht. Es braucht Zeit, Interesse, Gespräche, Austausch… und vor allem eins: Authentizität.

Noch ein Beispiel: Jemand hat Geburtstag. Die Netzwerke sind klasse und erinnern uns daran. Dankeschön! Und sie sind sogar so «nett», dass sie Gratulationen für uns vorschreiben «Happy Birthday!». Nie im Leben würde ich z.B. auf einen Arbeitskollegen oder eine Arbeitskollegin zugehen «Happy Birthday!» artikulieren, mich umdrehen und weitergehen. Aber online machen wir genau das. Mr. Hyde bei der Arbeit… Und wo bleibt der Mensch? Ist DAS deine Marke? Für die Netze geht es um Frequenz, Stickyness, Time-on-Site… Aber für uns Menschen zählt immer noch eines: Authentizität. Insbesondere in Zeiten von VUCA. Insbesondere wenn der Unterschied zwischen «so tun als wäre mir jemand wichtig» und zu zeigen, dass mir jemand wichtig ist, gerade mal 60 Sekunden Mühe bedeuten. Es geht um deine Marke. Offline wie online. Und je wichtiger deine Marke wird, desto entscheidender ist es, diese anständig zu pflegen. Keiner wird es für dich tun. Auch ein Chatbot noch lange nicht!