Autorin: Jrene Rolli | Foto: Rita Palanikumar
Dieser Beitrag ist als Erstpublikation im Yea(h)rbook 2021 erschienen.

Jrene Rolli: Wie viel Zeit hast du letzte Woche mit dem Smartphone verbracht?

Sarah Genner: Puh … viel! Mein Smartphone ist ein Multifunktionsinstrument. Ich brauche es, um Pasta dank dem Timer al dente zu kochen, Musik zu hören, zu gamen, mailen, scannen, filmen, lesen, chatten und twittern. Ich habe sogar schon eine Online-Weiterbildung auf dem Smartphone gemacht. Die Diskussion um die Bildschirmzeit läuft aus meiner Sicht falsch. Was wir mit digitalen Geräten machen und warum, ist viel interessanter als wie lange.

Haben der zunehmende Medienkonsum und die digitalen Medien zu Unrecht einen schlechten Ruf?

Es ist wichtig, dass wir darüber sprechen, wie Firmen unsere Aufmerksamkeit monetarisieren und psychologische Tricks anwenden, damit wir noch mehr online sind. Aber der alleinige Fokus darauf ist falsch. Wir haben schliesslich einen freien Willen und Möglichkeiten, um dagegenzuhalten. Im öffentlichen Diskurs laufen die Diskussionen oft sehr polemisch und einseitig ab. Ich wünsche mir eine sachlichere Debatte, welche die Chancen und Nebenwirkungen thematisiert. Was ist hilfreich und wo müssen wir Risiken minimieren?

Berichtest du uns etwas Positives, das in diesen Diskussionen zu wenig Beachtung erhält?

Es fasziniert mich nach wie vor, wie einfach es online ist, sich
mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt zu vernetzen. Online finden wir viel schneller Menschen, die uns ähnlich sind, als offline. Fühlten wir uns früher mit gewissen Themen einsam, gibt es im Netz zahlreiche Möglichkeiten, sich auszutauschen und verstanden zu fühlen. Nicht mehr allein zu sein, mit gewissen Gedanken, Interessen und Bedürfnissen. Das ist doch etwas Wunderbares.

Und welcher Aspekt erhält zu wenig Aufmerksamkeit in Bezug auf die Digitalisierung der Arbeitswelt?

Die unterschiedlichen Persönlichkeitstypen. Für sogenannte
«Integrators» ist mobil-flexibles Arbeiten ideal, da sie gerne alle Lebensbereiche vereinen. Es gibt aber auch «Separators», welche besser arbeiten, wenn Arbeit und Freizeit klar getrennt sind – zeitlich und örtlich. Wie ermöglichen wir ein Arbeitsumfeld, in welchem möglichst alle ihre optimale Leistung abrufen können? Diesen Grad an Differenzierung unter den Mitarbeitenden sollten Unternehmen stärker beachten.

Wie sieht für die «Separators » die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt aus?

Wenn einige Menschen besser an einem fixen Arbeitsplatz arbeiten, wieso verbieten? Weil Flex-Desk gerade trendy ist? Grundsätzlich sollten Unternehmen durchlässige Lösungen entwickeln. Eine zeitgemässe Firma schert nicht alle Mitarbeitenden über einen Kamm.

Was sollten Menschen tun, denen es schwerfällt, offline zu sein?

Oft haben diese Menschen grundsätzlich Mühe, sich abzugrenzen und zur Ruhe zu kommen. Es liegt meist nicht allein an den digitalen Medien. Daher hilft es, sich immer wieder die Frage zu stellen, wo man seine Prioritäten sieht und wofür man Zeit und Energie einsetzen will. Das gilt für das eigene Leben insgesamt, beruflich und privat.

Und wie sollten wir mit Personen umgehen, die einen exzessiven Medienkonsum zeigen und dabei nicht ausgeglichen wirken?

Gar nicht erst den Fokus auf die digitalen Medien legen. Auch hier kann die Frage «Was ist dir wirklich wichtig?» mehr bewirken. Eine exzessive Nutzung ist oft eine Bewältigungsstrategie für eine überfordernde Situation. Im Prinzip geht es darum, hinzusehen, welche Funktion die übermässige Nutzung erfüllt. Dann persönliche Prioritäten zu definieren und zu üben, konsequent danach zu handeln.

Inwiefern erachtest du Digital Detox als sinnvoll und nachhaltig?

Ich mag den Begriff nicht. Wir brauchen keine Digitalpausen,
sondern konsequente Arbeitspausen. Es gilt daher, unsere «Multifunktionsgeräte» so einzurichten, dass wir das auch tatsächlich schaffen. Ich lösche zum Beispiel für die Ferien meine Mail-App auf dem Smartphone. Ich nutze das Gerät aber weiterhin, um mit meinen Freundinnen und Freunden zu kommunizieren, Fotos zu machen und Restaurants zu finden.

Die Digitalisierung verändert auch die Bildung. Inwiefern lernen wir digital anders als im Klassenzimmer?

Das soziale Lernen gestaltet sich online schwieriger. Vor Ort wird oft in Pausen gemeinsam das Gelernte diskutiert, verarbeitet und eingeordnet. Das kommt online zu kurz. Aber viele bewegt auch die grosse Freiheit, von Zuhause aus sehr selbst-bestimmt am Unterricht teilzunehmen. Für einige erleichtert dies das Lernen, für andere ist es eine zusätzliche
Herausforderung.

Du führst als Journalistin regelmässig Interviews mit Schweizer Digitalpionierinnen und -pionieren. Welche Person fasziniert dich besonders?

Seit vielen Jahren sticht für mich Tina Roth Eisenberg heraus. Die Designerin und Web-Unternehmerin ist für mich ein Vorzeigebeispiel, wie wir digitale Technologien positiv und kreativ nutzen können. Angesichts einiger Entwicklungen wie Hate Speech und Propaganda bin auch ich zwischendurch etwas entmutigt. Roth Eisenberg inspiriert mich immer wieder, die kreativen Seiten der digitalen Vernetzung zu sehen.

Etwas Ähnliches tut auch Marco Tempest, der digitale Magier. Es gelingt ihm, den Zauber von Technologie zu vermitteln.

Was ist deine ganz persönliche Herausforderung in der Digitalisierung?

Dankbar zu sein für all diese Tools. Nicht den Fokus auf das zu legen, was fehlt oder schlecht läuft, sondern die Risiken anzuerkennen und zu minimieren, damit wir diese unfassbar faszinierenden Technologien positiv nutzen können. Schliesslich ermöglicht sie uns die Vernetzung der Welt.

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