Diesen Gastbeitrag aus dem Digital Society Report schreibt Felix Walker:

Und da wundern wir uns, weshalb die digitale Gesellschaft immer oberflächlicher wird: Eine wissenschaftliche Studie hat gezeigt, dass Twitter-Nutzer nur zu gerne Inhalte teilen – meistens allerdings, ohne dass sie die Artikel, die sie empfehlen, auch gelesen haben.

Zusammenfassungen statt detailliertes Lesen

Wir alle kennen Social-Media-User, die so viele Artikel teilen, dass wir uns fragen, wann sie denn die Zeit finden, das alles zu lesen. Nun haben wir die Antwort bekommen: Sie lesen sie gar  nicht – der Titel oder die Einleitung reicht ihnen schon aus, um einen Artikel zu teilen. Das  ist das Resultat einer wissenschaftlichen Studie des französischen Forschungsinstituts Inria und der Columbia Universität in New York City. Demnach teilen sechs von zehn Twitter-User Inhalte, ohne dass sie sie gelesen haben. Gerade für Marketingfachleute sind diese Resultate sehr interessant, wie das Marketingmagazin acquisa vermerkt, das über die Studie berichtet:

Vom Ergebnis zeigten sich selbst die Studienautoren überrascht. Arnaud Legouts Interpretation: Nutzer seien heute eher bereit, einen Inhalt zu teilen als zu lesen. Dies sei typisch für den heutigen Medienkonsum, weil Meinungen vielfach auf Basis von Zusammenfassungen gebildet würden, anstatt tiefer in eine Materie einzusteigen…

Perfektes Umfeld für Shitstorms

Diese oberflächliche Meinungsbildung, die auf Schlagzeilen und Kurzzusammenfassungen beruht, ist natürlich im Interesse von Meinungsmachern und Propagandisten: Kampagnen können mit relativ wenig Aufwand gestartet werden. Die “alten” Medien helfen hier fleissig mit; sie nutzen Twitter gerne als News-Quelle und funktionieren so als Echoraum. Dies erklärt auch, weshalb sogenannte “Shitstorms“ im Internet explosionsartig entstehen. Meinungen werden in wenigen Sekunden gemacht und weiterverbreitet – Hintergründe und komplizierte Erklärungen scheinen viele Twitterer nicht wirklich zu interessieren.

Twitter ist sicher nicht das einzige Medium, wo mehr geteilt und empfohlen als gelesen wird. Wir warten gespannt auf eine Studie, die Facebook diesbezüglich unter die Lupe nimmt.


Felix Walker ist Journalist, Autor und Übersetzer. In seiner Arbeit, zu der auch der Digital Society Report gehört, befasst er sich vorwiegend mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft. Er lebt in Novia Scotia, Kanada.