Aus dem Unterricht des CAS Digital Finance mit Claudia Jenni berichtet Patrick Kiefer:

Samstag, Viertel nach acht, HWZ. Claudia Jenni startet die Social Selling und Digital Content Session. Sie ist Kommunikationsprofi und weiss, wie man Aufmerksamkeit und Goodwill gewinnt: Mit guter Laune und viel Lindor Kugeln.

Die Idee ist: Wer bei digitalen Geschäftsmodellen mitreden und an der Spitze der Bewegung stehen möchte, muss sich auch selbst optimal in der digitalen Welt positionieren und bewegen.

Fünf Minuten später erst einmal Selbstreflexion und die erste Ernüchterung. Immerhin: 24 der insgesamt 27 Personen der Session sind auf LinkedIn vertreten. Soweit so gut. Was passiert, wenn wir mit einer Kontaktanfrage bedacht werden? Claudia hat genau das vor der Session gemacht und jedem von uns eine persönliche Nachricht geschickt. Die wenigsten reagierten darauf – richtig. Die Ausreden reichen von nicht gesehen bis vergessen. Die Chance, einen ersten guten Eindruck zu hinterlassen: Verpasst. Eine Person erzählt, Claudia für ihre Kontaktanfrage sogar gemeldet zu haben. Ouch, das war das Gegenteil einer digitalen Lindor Kugel.

Apropos erster guter Eindruck. Auffällig sind die teilweise lieblosen digitalen Identitäten auf LinkedIn, Twitter & co. Wie man mit überschaubarem Aufwand Auftritt und Wirkung verbessern kann, davon später mehr.

Zwitschern wie der Präsident? 

Die Relevanz, die Twitter für Politik und Börse hat, sehen wir jeden Tag. Aber dieses Medium für uns zu nutzen, daran haben bisher die wenigsten gedacht. 90% der Sessionteilnehmer waren vor dem CAS auf Twitter nicht vertreten und geschätzt genauso viele haben es davor auch nicht wirklich verstanden. Hier hat sich viel getan und spätestens nach der Session ist klar, wofür Twitter sehr nützlich sein kann:

  • Echtzeitinformation aus erster Hand
  • Meinungsbildung
  • Kollektives Wissen #followerpower
  • Multiplikator
  • Jobchance
  • Dialog
  • Eigenmarke

Der Präsident mit blauem Twitter Vogel nutzt einige dieser Funktionen konsequent für seine persönlichen Ziele und Zwecke. Aber auch die Side-Effects kennen wir. Er polarisiert, diffamiert, provoziert und nimmt in Kauf, dass seine Vertrauens- und Glaubwürdigkeitswerte dadurch sinken. Es gibt beim persönlichen Social Media Auftritt viele Tradeoffs zu beachten. Sich optimal in den Sozialen Medien zu bewegen ist nicht trivial, sondern eine hohe Kunst.

Ein paar Takeaways:

  • Klare Social Media Strategie entwickeln!

Ein guter Startpunkt ist sich zunächst einmal klar zu machen, welche Ziele man auf Social Media verfolgt, welche Follower man erreichen möchte, wie man diese gewinnt und vor allem auch behält. Was in der antiken Welt für Rom galt, gilt auch für die digitale Welt. An einem Tag entsteht selten ein Imperium.

  • Inhalte mit hoher Relevanz posten!

Anders als im alten Rom ist die knappste Ressource heute für viele die Zeit an sich. Wem schenke ich meine Aufmerksamkeit? Es ist die zentrale Herausforderung und wichtiges Erfolgskriterium, immer wieder die wertvolle Attention seiner Follower zu bekommen. Wie gelingt das? Durch interessante und relevante Informationen, die einen klaren Mehrwert für den Follower schaffen. Der Leser investiert immerhin Lebenszeit und die will er nicht bereuen.

«Information is a difference that makes a difference»

Gregory Bateson

  • Intensiv mit Keywords arbeiten! 

Es genügt nicht, gute Informationen zu posten. Sie müssen auch gefunden werden. Es hilft hier, nicht nur viel Energie in die Inhalte, sondern genauso in Keywords, Hashtags, und Mentions zu stecken. So wird meine Zielgruppe definiert, mit der ich mich vernetzen möchte und für die mein Beitrag den grössten Nutzen stiften soll.

  • Long-term Relationships statt Einmalaktionen!

Die meisten von uns sind nicht Präsident. Für sie ist es wichtig, als glaubwürdig und vertrauensvoll wahrgenommen zu werden. Relevante Informationen sollten nicht nur in Einmalaktionen, sondern regelmässig und in gut dosierter Form gepostet werden. So kann es gelingen, eine glaubwürdige Positionierung zu einem Themenbereich aufzubauen. All das braucht wie in einer realen Beziehung Zeit und Ausdauer. Es entwickelt sich eine gewisse Routine, die digitalen Beziehungen zu pflegen und auszubauen.

  • Regelmässige Reflexion!

Wie gut es mir gelungen ist, meine Follower in den Sozialen Medien zu erreichen, zeigt nichts besser als die von den Plattformen angebotenen Auswertungstools („Analytics“). Bei LinkedIn kann jedes Mitglied seinen Social Selling Index (SSI) einfach abrufen. Diese gilt es intensiv zu studieren, daraus zu lernen und sein Social Media Verhalten anzupassen.

  • Nicht zu viel Spontaneität!

Es gilt den richtigen Ton sorgfältig zu wählen. Spontaneität ist gut. Aber zu emotionale, impulsive und diffamierende Inhalte bereut man schon kurz danach und sollte man sich und seinen Followern besser ersparen. Das Netz vergisst nichts. Einmal veröffentlicht, ist es unwiderruflich und für alle abrufbar in der digitalen Welt.

Und jetzt ganz konkret: Das eigene LinkedIn Profil verbessern!

Bereits mit überschaubarem Aufwand und kleinen Massnahmen kann man seinen Auftritt verbessern. Dies beinhaltet ein professionelles Profilbild, ein individuelles Headerbild, eine guten Überschrift und Zusammenfassung mit passenden Key Words für Google. Bei Kontaktanfragen und Nachrichten muss die gute Erziehung nicht offline bleiben, ein paar freundliche persönliche Zeilen haben selten geschadet. Mit Schirm, Charme und LinkedIn!

Um ein LinkedIn Superstar zu werden, bedarf es allerdings etwas mehr: Es geht um die aktive Vernetzung mit denjenigen, die für mich und für die ich interessant sein könnte. Schon über einfache Likes und Kommentare lässt sich dies erreichen. Noch wirkungsvoller: Periodisch eigene Beiträge oder Artikel. Schaffe ich es, hiermit Aufmerksamkeit und einen Mehrwert für andere zu erzeugen, gelingt mir die Vernetzung mit Gleichgesinnten, potenziellen Kunden oder Arbeitgebern besonders gut. Das gilt für Twitter gleichermassen.

Fazit

Informationen zu teilen ist die Basis einer guten Vernetzung. Nur wenn die geposteten Informationen von der Community als relevant und interessant erachtet werden, stossen sie auf positive Resonanz. Geschieht dies immer wieder, wird Kompetenz zugesprochen und Vertrauen aufgebaut. Dieses Vertrauen wiederum kann helfen, die gesteckten Ziele zu erreichen.

Eines ist sicher: Die Präsenz in der digitalen Welt wird immer wichtiger. Die Angst etwas zu verpassen prägt sogar längst einen eigenen Begriff «fear of missing out», FOMO. Die Zukunft wird zeigen, wie überlebenswichtig die digitale Präsenz für den wirtschaftlichen Erfolg und vielleicht sogar die soziale Akzeptanz wird.

 «Den zentralen Unterschied zwischen chancenreichen und chancenarmen Menschen macht im Jahr 2020 die Fähigkeit, sich in Netzwerken zu bewegen und zu positionieren. Erst dadurch wird man sichtbar, erhält eine Identität und wird Teil der Gesellschaft.»

Sven Gábor Jánszky