Vom vierten Tag der Study Tour des CAS Digital Masterclass nach Tel Aviv berichtet Ina Lenoci. Organisiert und begleitet ist die Tour von Oliver Flückiger.

Vierter Tag der Study Tour in Tel Aviv

Am Vorabend hat ein Grossteil unserer Gruppe das Nachtleben in Tel Aviv ausgekostet. Das Essen wie gewohnt ausgezeichnet, die Getränke kühl, die Stadt lebhaft und die Nacht entsprechend kurz.

Arbeiten an der Geschäftsidee mit Lean Canvas

Der Morgen des vierten und vorletzten Tages beginnt pünktlich in unserem Homebase, dem Urban Workplace in der Ahad Ha’am Street. Koffein gestärkt machen wir uns daran, die ausgewählten Geschäftsideen vom ersten Tag in Gruppen weiterzuentwickeln. Als Grundlage dient uns die Lean Canvas, in welche uns Oliver in den ersten Tagen eingeführt hat. Wir haben viele Startups besucht und daher ist es nun das Ziel, die gesammelten Eindrücke der besuchten Unternehmen in die Entwicklung unserer Geschäftsideen einfliessen zu lassen. Am letzten Tag unserer Study Tour werden wir die Canvas unseren Kolleginnen und Kollegen in einem «Final Pitch» vorstellen und möglichst viele potenzielle «Investoren» von unserer Idee überzeugen.

Essenziell für den Erfolg: Das Scheitern als Erfahrung akzeptieren

Nach den Gruppenarbeiten gibt Oliver einen sehr persönlichen Einblick und schildert uns, wie sich Scheitern aus der Perspektive eines Gründers anfühlt. Er nimmt uns mit auf die Startup-Gefühls-Achterbahn. Diese beginnt bei der euphorischen Entwicklung einer Geschäftsidee, führt uns durch unerwartete, rechtliche Herausforderungen in der Umsetzung, gefolgt von Phasen existenzieller Cashflow-Engpässe und hoffnungsvollen Zeiten mit neuem Investorengeld.

Mit seiner Idee eines persönlichen Musik-Programms  aufgrund musikalischer Vorlieben ist Oliver schlussendlich gescheitert. Zu limitierend und kostenintensiv wurden rechtliche Bestimmungen im Copyright Bereich.

Lessons learned von Oliver und was Linsen mit Startups zu tun haben:

  • «Fail fast fail often» würde Oliver nicht unterschreiben. Scheitern ist schlicht zu teuer und kräftezehrend. Fail forward!
  • Verfolge nur Geschäftsideen, die sich skalieren lassen und mache frühzeitig den WhatsApp Skalierbarkeits-Test: 1 Milliarde Nutzer auf 100 Angestellte.
  • Es spielt eine Rolle, wo Du dich mit deinem Startup niederlässt. Denn ein passendes Ecosystem stellt Zugang zu Talenten, Investoren und Netzwerk sicher. Olivers Einschätzung zu seinem damaligen Standort Zürich findet ihr hier.
  • Notfalls kann man sich mehrere Wochen ausschliesslich von Linsen ernähren.

Zum Glück hat Oliver die Lust am Gründen nicht verloren und arbeitet zurzeit an seinem neuen Startup «Klazz», – eine Plattform für Sprachaufenthalte in Berlin.

Cyabra – oder wie schon Abraham Lincoln zu sagen pflegte: «Don’t believe everything your read on the internet…»

Nach diesem Einblick von Oliver besucht uns Sendi Frangi vom Startup «Cyabra» und stellt uns sein Geschäftsmodell vor. Mittels Algorithmen sucht Cyabra auf Social-Media-Kanälen nach gefälschten Profilen (Fake Users), die aufgrund übertriebenem oder komplett falschem Inhalt rufschädigend für Unternehmen und Regierungen sein können.

Von Sendi gibt es eine Demonstration wie eine solche Suche abläuft und wir sind live dabei, wie er aufgrund inhaltlicher Stichworte nach gefälschten Profilen sucht. Die Anzahl identifizierter Fake-User ist erschreckend hoch und schärft deshalb bei uns das Bewusstsein für deren Existenz. Die gefälschten Profile kann Cyabra selbst nicht löschen, jedoch bei den entsprechenden Social-Media-Kanälen melden. Danach entscheiden Twitter, Facebook, Instagram und Co. über den weiteren Umgang mit den gefälschten Profilen.

Neben anderen Persönlichkeiten die wir kennenlernen durften, ist auch Sendi ein ehemaliges Mitglied der Elite-Einheit Unit 8200 und zeigt uns daher einmal mehr die Rolle des israelischen Militärs als Treiber für technologische Entwicklungen auf.

Nati Bar Grinman: Die israelische Antwort auf Shakira, oder was die Digitale Transformation für uns als Arbeitnehmende bedeutet

Die Energie verändert sich nach Sendis Besuch im Workplace. Eine quirlige und energiegeladene Frau mit langen, krausen Haaren stellt sich als Nati Bar Grinman vor. Ihre Art ist typisch für die Menschen, die wir hier kennen lernen dürfen. Energisch und bestimmt in der Sache, herzlich und auf Augenhöhe im Dialog.

Der Lebenslauf von Nati ist beeindruckend. Nach dem Militärdienst als Offizierin hat sie den Vertrieb einer bekannten Patisserie-Kette in Israel aufgebaut und die Geschäftsführung übernommen. Dort wurde sie das Gefühl nicht los, dass ihr etwas fehlte, da sie altes mit neuem verbinden wollte. So wurde ihr Wunsch, eine Mitgestalterin der digitalen Transformation zu sein, immer grösser. Die Patisserie-Branche war zu dieser Zeit jedoch noch nicht bereit für diesen Wandel. Also hat Sie die Initiative ergriffen und ist bei Jolt – ein Startup im Bereich Bildung für Manager und High-Tech-Fachleute – eingestiegen.

Lessons learned von Nati:

  • Die Herausforderungen der Unternehmen und die Profile der Arbeitnehmenden werden sich stark verändern. Gefragt sind deshalb Leute, die mehrere Fähigkeiten auf unterschiedlichen Gebieten haben und diese verbinden können.
  • Es lohnt sich daher, die Frage zu beantworten: Welche Weisheit und Klugheit aus der alten Welt bringe ich mit und wie transferiere ich diese in die neue Welt?
  • Und fragt euch ebenfalls, welche Ziele habe ich und wie will ich diese verfolgen?

Beim letzten Tipp spiegelt sich das «chuzpa» aus der jüdischen Ideologie wider. Chuzpa kann mit der Einstellung gleichgesetzt werden, sich von nichts aufhalten zu lassen und daher zu tun, was man für richtig hält. Eine Haltung, die uns auf der Study Tour regelmässig begegnet und beeindruckt.

Nach diesem Feuerwerk an Anregungen und persönlichen Einblicken machen wir uns bei 30 Grad und 70% Luftfeuchtigkeit auf den Weg zu Monday.com. Zwischendurch Sandwich schnappen und von Kaffee träumen.

Monday.com – or it’s Friday I’m in love?

Nun erwartet uns ein bereits gereiftes Unternehmen im Bereich Projektmanagement-Software mit interessanten Räumlichkeiten. Gestartet wird im unternehmenseigenen Kinosaal, nachdem wir uns in der Küche mit Leckereien und Kaffee (finally) eindecken durften.

Monday.com ist nicht nur ein gereiftes Unternehmen (gegründet wurde es 2014), es steht auch in Konkurrenz mit anderen Projektmanagement-Tools. Die Software verbindet prozessorientiert und transparent einzelne Teams oder das gesamte Unternehmen um das Engagement und die Zusammenarbeit zu erhöhen und lässt sich flexibel an die Bedürfnisse und Prozesse der User anpassen.

Lessons learned von Monday.com:

  • Monday gibt pro Monat 7 Millionen Dollar für online Werbekampagnen aus. Weil Wachstum ist hier alles.
  • Der Erfolg der Kampagnen wird akribisch gemessen und live an den vielen Screens in den Büro-Räumlichkeiten ausgewiesen.
  • Der Kundensupport wird grossgeschrieben, die Antwortzeiten sind extrem kurz und werden deshalb entsprechend überwacht.
  • Die Mitarbeitenden dürfen sich auch während den Arbeitszeiten an der hauseigenen Bar bedienen.
  • Mitarbeiter können Einkäufe in die Büroräumlichkeiten liefern lassen. Wir haben überwiegend Windel-Packungen ausgemacht.

Startup Nation in a nutshell

Unsere letzte Station am Tag vier führt uns zum Israelischen Innovation Center, das in Zusammenarbeit mit der Tel Aviv Stock Exchange entstanden ist. Wir werden in einem hochmodernen Besucherzentrum willkommen geheissen, das seit der Gründung im Sommer 2016 bereits viele Besucher empfangen hat. Darunter beispielsweise Studenten, Wirtschaftsdelegationen und Diplomaten aus der ganzen Welt.

Auch wir erhalten nun eine Führung in die wichtigsten Errungenschaften der Startup Nation. Die Ausstellung präsentiert die besten Technologieunternehmen und vielversprechendsten israelischen Startups in verschiedenen Bereichen wie Gesundheit, Wissenschaft, Sicherheit, Landwirtschaft, Raumfahrt und Verkehr.

Hier eine kleine Auswahl an erfolgreichen, israelischen Startups:

  • OrCam: Nutzt künstliche Intelligenz um Texte zu lesen, Gesichter zu erkennen oder Produkte zu identifizieren und unterstützt damit sehbehinderte oder blinde Nutzer in ihrem Alltag.
  • Upright Go: Der Haltungstrainer Upright Go verbessert die Haltung des Benutzers. Das Gerät wird am Rücken befestigt und hilft auf diese Weise beim Erkennen einer gebückten Haltung. Auch das Trainieren der Haltung ist so mit dem Personal-Trainer möglich.
  • Breezometer: Zeigt per App in Echtzeit an, wie sich die Qualität der Luft in verschiedenen Teilen einer Stadt entwickelt und sensibilisiert damit die Bevölkerung auf eine zugängliche Art für das Thema Umweltverschmutzung.
  • Iron Dome: Mobiles Raketenabwehrsystem, das von Rafael Advanced Defense Systems zur Abwehr von Kurzstreckenraketen entwickelt wurde und so für grössere Sicherheit sorgt.

Zum Abschluss schauen wir im Kinosaal einen Kurzfilm zur Startup-Nation Israel.

Lessons learned von unserer Study Tour nach Israel:

  • Tikun Olam – weil die Geschäftsidee ein kleines Stück Welt verbessern kann
  • Be connected – weil Zusammenarbeit und ein echtes Netzwerk erfolgreicher macht
  • Just do it – weil das Geschäftsmodell mit den Kunden reift
  • Think global – weil sich ein globaler Fokus auszahlt
  • Take risks, big risks – weil wer nichts wagt, nichts gewinnt
  • Learn from the best –weil militärische und talentgetriebene Ausbildung entscheidend sein kann
  • Chuzpa – weil ihr euch von eurem Tun nicht abbringen lassen solltet!

Mit beeindruckenden, authentischen Begegnungen und vielen positiven Impulsen endet auch dieser Tag. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Jenny, Olga, Oliver, Manuel und alle Referenten für diese unvergessliche Tour und die bleibenden Eindrücke.