Unter dem Thema “Social Media Strategy and Future Trends” organisieren die Fachstelle Social Media von der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich und swissnex San Francisco eine Study Tour bei der Mitarbeitenden von Schweizer Unternehmen der Einsatz von Social Media näher gebracht wird.

Die Study Tour ermöglicht exklusive Einblicke und wertvolle Kontakte in die Top-Unternehmen und Start-ups des Silicon Valley. Während dieser Woche lesen Sie hier täglich die Beiträge der auserwählten Teilnehmenden über ihre Erlebnisse im Silicon Valley und in der Bay Area.  Manuel P. Nappo

 

Der heutige Beitrag kommt von Alice Baumann, CEO von consign – identity communication design AG.

Der 3. Tag unseres Silicon-Valley-Abenteuers war geprägt von starken Gegensätzen zwischen Giganten und KMU sowie grosser Symbolik. Auf der Rückfahrt aus Redwood City stockte der Verkehr. Auto an Auto drängte mehrspurig in Richtung Stadt zurück. Für die Wirtschaft ist dies ein gutes Zeichen: “Herrscht auf der 101 Stau, geht es den Unternehmen im Silicon Valley gut; viele Ingenieure fahren morgens zur Arbeit und abends wieder zurück.”

Dieses Statement stammt von Sean Randolph, Präsident und CEO des Bay Area Council. Er hatte uns zum Auftakt unserer Studienreise vor drei Tagen über einige Fakten und Zahlen informiert. Seine provokative Überzeugung, das Silicon Valley gebe es in seiner ursprünglichen Bedeutung gar nicht mehr, Silicon Valley finde in der Bay Area überall statt, teilen wir heute. Massgebend ist nicht die geografische Verortung, sondern die Philosophie. Wer die Mentalität hat, dass allein der Himmel Grenzen setzt, wie dies vor zwei Tagen ein Mentor und Unternehmer von UC Berkeley’s Skydeck formulierte, ist Teil dieser Erfinder- und Investorengemeinde.

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Zu Besuch bei metaio

Um an der Spitze der innovativen Ingenieure mitzuwirken, braucht ein Unternehmen nicht mal eine rein amerikanische DNA. Die Münchner Pionierfirma metaio in downtown San Francisco liess uns den Puls von Menschen spüren, die High-Tech-Geschichte schreiben wollen. Der Marketingbeauftragte mit dem originellen Namen Trak Lord erklärte uns das Potenzial von Augmented Reality. Eindrückliche Beispiele waren die Lego-Box, aus der sich uns die Spielfigur im 3-D-Format entgegen wölbt, das Ikea-Bett, mit dem wir vor dem Kauf virtuell unsere Wohnung möblieren können, oder der Frauenkopf auf dem Titelbild der Süddeutschen Zeitung, der plötzlich lebendig wird. Diese und viele andere seien Applikationen, mit denen Grosskunden ihren Umsatz pro Monat um 30 Mio. US-Dollar steigern könnten, versicherte uns Trak Lord und versorgte uns offen mit weiteren Zahlen und Fakten zu Augmented Reality. Seinner optimistischen Meinung nach wird diese Technologie bereits 2014 zum Standard unserer mobilen Welt gehören.

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Ein Beispiel von augmented reality

Nach diesem spannenden Werkstattbesuch fielen wir etwas unsanft von der dreidimensionalen Sphäre in die zweidimensionale Schmalspurkommunikation zurück. Bei Youtube trafen wir nicht auf die ausgeflippte Welt der Kurzfilmchen, wie wir sie kennen, sondern auf eine streng regulierte Welt, wie sie mutmasslich von Grosskonzern Google geprägt wird. Eine Vertraulichkeitserklärung anzuerkennen wäre gar nicht nötig gewesen, denn es gab nicht viel zu hören und zu sehen, was nicht auch in einer Bank oder Kanzlei zu erfahren wäre. Mit beeindruckender Disziplin gingen die rund 300 Mitarbeitenden in ihren Grossraumbüros gespenstisch leise ihrer Arbeit nach. Während unseres Besuchs wurde weder die interne Rutschbahn noch der Teppich-Golfplatz, weder das hauseigene Schwimmbad noch der Fitnessraum genutzt. David Fuchs, seit fünf Jahren ortsansässiger Youtube-Programmierer aus Zürich, führte uns durchs Haus, aber nicht in seine Arbeit ein. Ohne viel zu sagen, vermittelte er uns einiges über die Kultur eines arrivierten Giganten. Interpretieren statt anhören war angesagt.

YouTube

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Ähnlich erging es uns bei Facebook: Zwar waren die fünf Programmierer, die uns im Facebook-Pueblo zum Mittagessen einluden, umgänglich in ihrer Art, aber ebenfalls eher abweisend, was die Geheimnisse hinter den Mauern betraf: Einen Rundgang durch die Entwicklungsabteilungen oder einen Unternehmensfilm gab es für Gäste nicht. Unsere Eindrücke und Informationen entnahmen wir einzig den Gesprächen mit ihnen. So war zu erfahren, dass Mark Zuckerberg praktisch täglich im Campus anwesend sei, aber nicht ständig zur Verfügung stehe. Ein Team, das ihn für eine neue Idee begeistern wolle, tue gut daran, einen Prototyp zu bauen, denn er sei der “hands-on”-Typ und wolle ausprobieren, was man ihm vorschlage. Im übrigen wolle man seine Zeit nicht stehlen, sondern kommuniziere in erster Linie mit dem eigenen Teamchef. Solche und weitere Anekdoten mussten ausreichen. So verliessen wir das auf sozialen Austausch fokussierte Unternehmen mit dem leichten Unbehagen, dass nicht jeder automatisch geliebt, gelobt und mit Informationen versorgt wird, der bei Facebook sein Gesicht zeigt und zur Türe hereinspaziert.

Der Campus von Facebook in Menlo Park.

Der Campus von Facebook in Menlo Park.

Eindrücklich war der Sprung zurück zur morgendlichen Start-up-Euphorie: Der nachmittägliche Besuch bei Evernote brachte uns nämlich nochmals ein Unternehmen näher, das seine Besucher sympathisch empfängt und transparent mit Erfolgs- und Misserfolgsgeschichten nährt: Zwei Geschäftsmitglieder und die PR-Fachfrau hielten sich minutengenau an einen mit Evernote erarbeiteten Zeitplan und führten uns auf eine ehrliche Weise durch Geschichte, Kultur, Räume und Träume, so dass wir nach einigen Stunden sowohl die 2008 lancierte Firma näher kannten wie auch viele Tipps zur Nutzung von Evernote mitbekommen hatten. Der vielbeschworene Community-Gedanke wird bei Evernote gelebt und authentisch weiter vermittelt. Es war auch willkommen, dass wir eine unlängst erlebte Krise mit geknackten Passwörtern ansprachen. Die Diskussion darüber weitete sich in ein intensives Gespräch über den Umgang mit Stakeholdern in erschwerten Situationen aus. Bei Evernote ist eben nicht nur Content König, sondern auch der Kunde. In der Lobby prangt der Spruch “Remember Everything”. Unsere aufgeweckte Study Tour-Gruppe wird sich noch lange an diesen erfrischenden Besuch erinnern.