Aus dem Unterricht des CAS Social Media Management zum Thema Psychologie im Social Web mit Philippe Wampfler berichtet Thomas Flach:

Technologie ist weder gut noch böse – und schon gar nicht neutral!

Technologie und Psychologie lassen sich nicht voneinander trennen. Denn: “Technologie ist weder gut noch böse, aber auch nicht neutral”, so das Erste Kranzbergsche Gesetz (Melvin Kranzberg, 1986). Das Web 2.0 beeinflusst unser Handeln, ob positiv oder negativ, ob aktiv oder passiv.

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(xkcd.com/1289)

Affordances

Alle Tools in sozialen Medien besitzen einen ökonomischen Hintergrund. Deren Gestaltung zielt mittels psychologischer Tricks darauf ab, dass wir die Tools nutzen, möglichst genau so, wie sich das der Entwickler wünscht. Affordances – Gebrauchseigenschaften eines Tools, die dem User Vorteile und Erleichterung bringen – leiten uns hin zu einer beabsichtigten Handlung.

Gewisse Affordances können Erwachsene überfordern. Bestes aktuelles Beispiel: Snapchat!

Nutzungstypen von digitalen Medien

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Die Studie der DIVSI (2014) zeigt, dass sich in Deutschland in der Altersklasse der 14- bis 24-jährigen nur noch sehr wenige Verunsicherte, Vorsichtige und Verantwortungsbedachte befinden, während insbesondere die Gruppe der Souveränen in dieser Altersklasse eine grössere Bedeutung hat als über alle Altersklassen gesehen. Eine klare Tendenz ist also erkennbar. Dennoch, es wäre falsch zu sagen, Jugendliche seien Digital Natives, während Erwachsene generell zur Gruppe der Digital Immigrants oder gar Digital Outsiders gehören. Viel mehr wird die Gruppenzugehörigkeit durch die Grundhaltung eines jeden einzelnen Individuums bestimmt.

15 Konzepte der Psychologie in der Social-Media-Praxis

1 – Kontext

Ein persönlicher oder gesellschaftlicher Rahmen, Hintergründe oder gar Metaebenen sind für Aussenstehende nicht immer erkennbar. Deshalb: Ein Post oder Tweet kann oft falsch interpretiert werden.

2 – Sympathie und Vertrauen

Die Uncertainty reduction theory besagt, wie Unsicherheit abgebaut, beziehungsweise Sympathie aufgebaut werden kann:
– Nicht nur eigene Inhalte posten, sondern sich auch auf Freunde beziehen
– Texte schreiben statt nur Bilder posten
– Lachen ist wichtig
– Interaktion ist wichtig

3 – Weak Ties

Strong ties sind Real life friends – Weak ties sind Facebook friends. Allerdings sind die Weak ties keine homogene Gruppe. Nicht alle interessieren sich für dieselben Themen. Werden die einen mit den Interessen der anderen konfrontiert, kommt es zum Context collapse.

4 – Confirmation Bias

Wir hören lieber jenen zu, die bereits unsere Meinung zu vertreten, als dass wir uns mit für uns unbequemen Inhalten beschäftigen. Die individuelle Suche nach Bestätigung statt nach Widerlegung kann in sozialen Medien zu Ineffizienz führen.

5 – Resilienz

Gegenüber einigen Einflüssen von Social Media sind wir immun (resilient), andere beeinflussen uns – individuell ganz unterschiedlich. Das heisst, dass das mediale Verhalten einer Person das Offline Verhalten verstärken kann oder auch nicht. Mediennutzung ist dann ein Problem, wenn sie ein problematisches Verhalten verstärkt.

6 – Stress

Die Nutzung von sozialen Medien kann individuell Stress hervorrufen. Zum Beispiel verstärkt Social Media unsere Wahrnehmung, wenn es anderen Menschen schlecht geht. Oder unser Gedächtnis lernt, nur noch mit den technologischen Möglichkeiten auszukommen. Stehen diese nicht zur Verfügung, entsteht Stress.

7 – Narzissmus

Unter den häufigsten Bedürfnissen in sozialen Medien kommt Narzissmus nicht vor. Generell gilt sogar: Narzissmus wird in sozialen Medien nicht belohnt, andere Motive erhalten mehr Aufmerksamkeit – insbesondere bei Jugendlichen!

8 – Long Tail

Wenige Beiträge geniessen viel Aufmerksamkeit, viele Beiträge geniessen wenig Aufmerksamkeit – Aufmerksamkeit, die Währung in sozialen Medien, ist also ungleichmässig verteilt.

9 – 90-9-1

Die Lurkers-Commenters-Creators-Pyramide funktioniert nicht nur innerhalb einer Community, sondern auch für jeden einzelnen Teilnehmer: 90% unserer Zeit sind wir am Lesen, 9% am Kommentieren oder Liken, und lediglich 1% damit beschäftigt, eigene Inhalte zu vermitteln.

10 – Privacy in Public

Private Informationen werden bewusst (motiviert zum Beispiel durch einen Mangel an Anerkennung im realen Leben) oder unbewusst in sozialen Medien verbreitet – mit negativen Auswirkungen auf unser Beziehungsnetzwerk („too much information“).

11 – Schwarmverhalten

In sozialen Medien können sich einzelne Individuen innert kürzester Zeit schwarmartig einer viralen Kampagne anschliessen – eventuell mit einem Shitstorm als Resultat.

12 – Streisand Effekt

Wer versucht eine für sich negative Information in sozialen Medien zu löschen, damit sich diese nicht weiterverbreitet, erreicht oft den gegenteiligen Effekt: Die Information wird schneller bekannt, kann sich im schlechtesten Fall viral ausbreiten. Dadurch stellt sich die Frage, ob auch im Internet die Voraussetzungen für ein Recht auf Vergessen geschaffen werden sollen.

13 – Kool-Aid-Point

Der Kool-Aid-Point findet genau dann statt, wenn man so viele begeisterte und leidenschaftliche User oder Follower kumuliert hat, dass auch die ersten Kritiker und Neider auftreten, die lediglich durch die Zahl der Begeisterten angelockt wurden. Wer Lob will, muss also auch mit Kritik rechnen – oder: Erfolg ist am besten anhand der Zahl der Kritiker und Neider messbar.

14 – Trolle

Ingrid Brodnig sagt Trolle sind Hacker unserer Gefühle, die bewusst versuchen, uns in Wut zu versetzen, während Hater motiviert durch ihre eigene Wut handeln. Beide vergiften das Diskussionsklima.

15 – Digitaler Dualismus

Unsere virtuelle Identität ist oft eine vereinfachte, beschönigte, vielleicht sogar bewusst veränderte Version unserer realen Identität. Dies kann einen Einfluss darauf haben, wie uns andere Menschen wahrnehmen, aber auch unsere eigene Wahrnehmung von uns selber verzerren.