Aus dem Unterricht des CAS Disruptive Technologies mit Michael Marti berichtet Christian Lindemann.

Tradition und Tsunami
Disruption und Innovation im Journalismus – Das Beispiel „Tagesanzeiger“

„Tages-Anzeiger für Stadt und Kanton Zürich. Verbreiteste Zeitung der Schweiz. Bestes wirksames Insertions -Organ“, mit diesem Zitat beginnt Michael Marti, Leiter Digital und Newsnet sein Referat. Was damals – kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts (Inschrift Tages-Anzeiger Gebäude) – galt, zählt bis heute. So sind im Medienbusiness Reichweite und Relevanz für die Kunden entscheidend.

An den Titel anknüpfend – Tradition und Tsunami. Letzteres meint einerseits den generellen Einfluss der Digitalisierung auf den Journalismus (WAS). Dem gegenüber stehen konkrete Beispiele, welche die Disruption in der Branche sichtbar machen (WIE und WO?).

Wandel Tagesanzeiger (Tamedia) über 125 Jahren

Der „Tagi“ wie er im Volksmund genannt wird, etabliert sich über die Jahrzehnte. So kann weder eine NZZ noch Sozialdemokratische Zeitungen dessen Aufstieg in den 70er Jahren zur grössten Zeitung im Land verhindern. Weitere 25 Jahre lang wähnt sich das Verlagswesen in einer wahren Goldgrube.

In dieser boomenden Zeitperiode wird für den Inserate Bereich laufend in neue Magazine expandiert (z.B. Annabelle 1981, die Sonntagszeitung wie auch Facts). Für die spätere Tamedia stellt besonders die Übernahme von 20min im Jahre 2003 einen wichtigen Meilenstein dar. Denn die Marktverhältnisse beginnen sich mit dem Aufkommen von Onlindiensten neu zu ordnen.

20min setzt früh auf People-Journalismus und neue Kundenbedürfnisse („lieber am Morgen im Zug die News durchgehen als meinem Vis-à-vis in die Augen zu starren“…)

Fazit: Man verdient gutes Geld und hat aus der Retroperspektive alles richtig gemacht. Denn die folgende Diversifizierung und Transformation ins digital Age erfordert Investitionen.

Überblick aktuelle Mediennutzung

Die sporadische Nutzung des Internets ist per Smartphone gleich hoch wie jene per Computer. Gleichzeitig sinkt die Nutzung von Tageszeitungen weiter. Diese bilden mittlerweile das Schlusslicht.

Quelle: Y&R GROUP SWITZERLAND

Welche Apps auf dem Smartphone gehörten zu den Schweizer Lieblingen?

Wenig erstaunlich, die ersten drei Plätze gehen ins Silicon Valley (WhatsApp, Facebook und Instagram). Es folgen 20min und die Wetter-Dienste auf den weiteren Rängen.

Fazit

Als Folge erodieren bei vielen Medienhäusern die Werbeeinnahmen (sinkender Tausenderkontaktpreis). Sie müssen den Dialog mit ihren Kunden suchen und Inhalte kreieren, die wirklich interessieren. Dann erhöht sich die Reichweite von selbst. Auch erhalten daher Abo-Massnahmen (Paid Content) noch höhere strategische Relevanz.

Weitere Akteure mit rein digitaler Marke entstehen, wie z.B. Flippboard, eine soziale Nachrichten App. Fachlich gesehen, handelt es sich um einen Aggregator, welcher Medieninhalte sammelt, aufbereitet und für die Leserschaft kategorisiert.

Am erfolgreichsten ist BuzzFeed unterwegs. Dieser Amerikanische Nachrichtendienst besteht seit 2006 und gehört im englischsprachigen Raum zu einem der beliebtesten Medienportale. Denn monatlich werden rund 150 Millionen Besucher pro Monat erreicht. BuzzFeed versucht Nachrichten und Inhalte im Internet wie ein „gutes Menü“ anzurichten.

Konkret legt es die „media company for social age“ darauf an Inhalte über Social Media zu teilen und zu verbreiten. Das wird besonders gut erreicht über Emotionen, Themen, wofür man sich identifizieren kann oder Geschichten, wo sich Leser einfach mal verstanden fühlen.

Bald alles nur noch journalistischer Einheitsbrei?

Die Gruppenmeinungen zu den Folgen (Disruption im Medienbusiness) scheinen konträr:

„Der Leser/-in ist nicht in der Lage Qualität zu beurteilen“ versus „der User mag sehr wohl zu differenzieren und ist auch bereit längere Artikel zu lesen“ (qualitätsorientierte Berichtserstattung etc.).

Weitere Thesen:

  • „Weder Klicks noch Verweildauer korrelieren mit der Qualität“.
  • „Der Zwang Resonanz zu erzeugen, verändert die Haltung des Autors.

Die unterschiedliche Wahrnehmung wird letztlich vom Umstand abgeleitet, dass „Qualitäts-Journalismus (zu häufig) nur noch in der Nische“ existiert“.

Gegensteuer gibt seit kurzem auch die Tamedia mit ihrer App#12. Es geht um eine „best of app“ mit latentem Aktualitätsbezug.

Das Konzept hält, was es verspricht. Jeden Tag um 12 Uhr stehen 12 spannende Artikel zum Lesen parat. Tamedia-übergreifend wird eine breite Vielfalt an Themen an die Leser „transportiert“.

Beispiele vom 8.12.2017:
#1 “Am Ende muss das Kind doch zur Mutter”; #2 „Minus 1400 Stellen“; #3 „Dorf zu verkaufen“; #4 „Schweizer Cyber-Beamte in der Kritik“…

Entscheidend ist die Titelwahl, worum sich ein 3-Köpfiges Team kümmert. Ihr Wissen um die Leserinteressen, wird bereits versuchsweise mit künstlicher Intelligenz (Algorithmus, Machine Learning) unterstützt.

Daraus resultieren letztlich Vorhersagen über die Präferenzen der Leserschaft. Dies unterstützt Tamedia, auch weiterhin exklusive und hochwertige Inhalte mit Mehrwert anzubieten. Aber auch darin, nachhaltige Erträge zu erwirtschaften, um letztlich dem Tsunami adäquat zu begegnen.