Autorin und MAS Digital Business Studentin: Rena Seiler | Bilderquelle: Rena Seiler

Am 18. Februar 2021 landete Perseverance, der Rover der NASA, sicher auf dem Mars. Die breiten Medien, von Boulevard- bis Wissenschaftsmagazinen, berichteten über die erfolgreiche Landung auf dem roten Planeten, mit der die NASA Mission startete. Ein Grossteil der Bevölkerung verfolgte fasziniert mit, wie die Menschheit einem der vier expliziten Ziele der NASA Mission, nämlich der Besiedlung des Weltraums – angefangen mit dem Mars – einen Schritt näher gekommen ist. Unsere Bestrebung, den Weltraum zu besiedeln, ist also keineswegs mehr Science Fiction, sondern reale Gegenwart.

Besiedlung des Weltraums: Ist das Objekt Mensch so fit wie seine Raketen?

Durch die Vision der Weltraum-Besiedlung ergeben sich auch Herausforderungen an das “Objekt Mensch”. Aktuell dauert ein One Way Trip zum Mars neun Monate. Die damit verbundene Belastung für den menschlichen Körper führt zu verschiedenen, teilweise nachhaltigen, physischen Beeinträchtigungen. Es stellt sich unvermeidlich die Frage, wie ein Mensch physisch und psychisch fit gemacht werden kann für die Raumfahrt und die Besiedlung neuer Habitats. Kann der Mensch optimiert werden, so dass seine Gesundheit nachhaltig sichergestellt ist?

Transhumanismus steht für Selbstoptimierung, Besiedlung des Weltalls und Unsterblichkeit

Transhumanisten denken gezielt über die Optimierung des Menschen nach. Die expliziten Ziele der transhumanistischen Vision sind: Selbstoptimierung, Besiedlung des Weltalls und Unsterblichkeit. Das Beispiel der Mars-Landung verdeutlicht, dass eine genauere Betrachtung dieser Vision also aktuellen Bezug hat.

«Dieser Beitrag ist kein Plädoyer für oder gegen Transhumanismus. Der Begriff beschreibt eine exzentrische und extreme Vision eines technologisch weiterentwickelten Menschen, jedoch nicht den Weg dorthin. Die interessante Diskussion ist meines Erachtens die Auseinandersetzung mit eben diesem Weg und den damit verbundenen Fragen. Ziel dieses Beitrags ist, Aufmerksamkeit für die Fragen, die sich bei der Wegfindung ergeben, zu schaffen und nicht, die Vision ansich zu bewerten. Dass wir bereits auf diesem Weg sind, verdeutlicht das Beispiel der Rover-Landung.»

Nächste Evolutionsstufe: Der technologisierte unsterbliche Mensch?

Das konkrete, bewusste Bestreben des Menschen, sich weiter und über sich selbst hinaus zu entwickeln, entspringt dem Humanismus des 15. Jahrhunderts. Im Humanismus wird oft der Ursprung für die heutige transhumanistische Bewegung gesehen. Für Transhumanisten ist die Applikation von Technologie in den Menschen der nächste logische Evolutionsschritt. In diesem Schritt wird die Chance zur Weiterentwicklung der Menschheit an sich gesehen. Das Endziel ist die technologisch ermöglichte Unsterblichkeit des Menschen.

Die Gretchenfrage: Soll gemacht werden, was gemacht werden kann? 

Die Integration von Technologie in den Menschen findet bereits seit Jahrzehnten selbstverständlich statt. In vielen Fällen stellt man diese Integration nicht in Frage. Wenn wir von medizinischen Heilungsmethoden sprechen, scheint uns jegliche, auf den Menschen applizierte Technologie zur Wiederherstellung von verlorenen physischen Fähigkeiten relativ fraglos richtig (z.B. Prothesen von Herzklappen oder Organen bis Gliedmassen). Bei neuen Methoden wird vor allem anfänglich deren Vertretbarkeit auch kontrovers diskutiert. Speziell Genetik, Neurologie oder Embryologie sind sensible Themen. 

«Das Verändern von DNA oder neurologischen Prozessen wirft Fragen nach langfristigen Konsequenzen auf, die wir aktuell noch nicht überschauen können. Das schafft Verunsicherung und bringt zentrale Begriffe ins Spiel: Ethik und Moral.»

Denken wir an die kontroversen Diskussionen zu Dolly, dem 1996 geklonten Schaf zurück, und vergleichen sie mit den pränatalen Möglichkeiten der Gegenwart: Die Einschätzung, ob gemacht werden soll, was gemacht werden kann, ändert sich laufend und ist nicht homogen. Darüber hinaus unterscheidet sich der Umgang mit der Technologisierung des Menschen je nach kultur- und gesellschaftsbedingten Moralvorstellungen. Eingriffe bei der Zeugung und Entstehung von neuem Leben werden innerhalb von Europa sehr unterschiedlich gehandhabt. Global betrachtet, könnte das Spektrum von erlaubt bis verboten nicht grösser sein.

Zentrale Aufgabe: Die soziologische Integration von Technologie

Ein plakatives und kontroverses Beispiel für eine soziologische Integration ist das Thema Abtreibung. Fast jede/r hat zum Thema Abtreibung eine klare Meinung. Wenn wir pränatales Enhancement als Beispiel nehmen, ist das Meinungsbild wahrscheinlich weniger klar, obwohl die moralische Fragestellung ähnlich ist: Es geht um das Recht des ungeborenen Lebens. Der Grund hierfür ist, dass die technologischen Methoden des pränatalen Enhancements der breiten Bevölkerung kaum geläufig ist. Dies zeigt, dass Visibilität ein wichtiger Schlüssel für den offenen Diskurs und einen breiten Konsens ist, wenn es auf dem Weg dahin auch viel Dissens gibt.

«Breitgefächerte, anspruchsvolle Disziplinen, die sich rasch weiterentwickeln, erschweren eine mühelose Auseinandersetzung mit dem Weg zur transhumanistischen Vision.»

Die Herausforderung für den Diskurs bei der Auseinandersetzung mit der transhumanistischen Idee liegt in der Kombination dreier Faktoren (siehe Abbildung unten): Die technologischen Disziplinen, die bei der Verwirklichung der transhumanistischen Idee massgeblich sind, sind breit gefächert, dynamisch und erfordern viel Expertise. Dadurch entsteht eine hohe Komplexität, um das Thema Transhumanismus zu erfassen.

Transhumanismus Faktoren, Quelle: Rena Seiler

Transhumanismus Faktoren, Quelle: Rena Seiler

Das beschriebene Umfeld erschwert eine breit abgestützte individuelle Meinungsbildung und bietet einen perfekten Nährboden für Verschwörungstheorien.

Eine übergreifende Vision und ein Kompass im Bereich Transhumanismus

Eine fundierten Meinung erleichtert die Entwicklung einer übergreifenden, gemeinsamen Vision, wo wir als Menschheit hin wollen und welche Rolle die in den Menschen applizierte Technologie dabei spielen soll. Diese Vision ist Grundlage für die Entstehung eines ethischen und moralischen Kompasses, der uns durch soziologische Fragestellungen navigiert, die durch neue technologische Möglichkeiten aufgeworfen werden.


About the Author: Rena Seiler

In Deutschland geboren, zog Rena Seiler 2008 aus der Berliner Start Up- und Agenturszene in die Schweiz. Seitdem arbeitet sie hier in verschiedenen Positionen als Marketing- und Branding-Spezialistin. Die HWZ Studentin kam 2018 im MAS Digital Business mit der transhumanistischen Idee in Berührung. Seitdem setzt sie sich, auch im Rahmen der CAS Disruptive Technologies Abschlussarbeit, gezielt mit Transhumanismus auseinander. Privat inspirieren sie ihre vier Alpakas sowie Yoga als Schülerin und Lehrerin.

Porträt Rena Seiler, Transhumanismus

Rena Seiler, Autorin


Mit soziologischer Kurzsichtigkeit auf der Überholspur des technologischen Fortschritts

Das Dilemma ist, dass wir technologisch mit immer höherer Geschwindigkeit auf die Überholspur ziehen, jedoch an soziologischer Kurzsichtigkeit leiden. Der globale Wettlauf um den technologischen Fortschritt steht häufig im Vordergrund.

«Die Schere zwischen technologischen Möglichkeiten und dem Verständnis für diese in der breiten Bevölkerung, öffnet sich momentan.»

Normal ist ein Meister der Transformation

Persönliche Daten teilen, sich einen Chip implantieren lassen oder die Sinnesorgane erweitern: Was anfangs verstörend und kontrovers erschien, wird häufig aufgrund mangelnder Transparenz – und weil viele es tun – in der breiten Bevölkerung als neues “Normal” akzeptiert. “Normal” ist dynamisch; ein Meister der Transformation.

«Bildung ist der Schlüssel»

Bildung bzw. Aufklärung spielt – wie schon im Humanismus – eine zentrale Rolle. Durch Reflektion und Hinterfragen entstehen bewusst Neudefinitionen von Normal-Zuständen. Die Frage, die sich stellt ist, welche Auswirkungen darf und soll neue Technologie auf mich als Individuum und auf die Gesellschaft heute und in kommenden Jahren haben? Eine philosophische Auseinandersetzung:

Bildungsauftrag an uns selbst oder formt eine Elite die Zukunft?

Warum diese Diskussion so wenig stattfindet, liegt wahrscheinlich mit in der Natur der Themen. Für Politik und breite Medien ist die seriöse Bearbeitung von Themen wie genetische Nanotechnologie, Biohacking, Cyborgisierung oder Neuroimplantate kaum Garant für Leserzahlen oder Wählerstimmen. Es ist unbequem und kontrovers. Alle wollen zum Mars, aber wenige möchten sich damit auseinandersetzen, ob es dafür nötig ist, durch BCI (kurz für Brain-Computer-Interface) unsere neurologischen Fähigkeiten zu erweitern. Zudem sind Politiker*innen, Richter*innen oder Journalist*innen keine inhaltlichen Spezialisten. Ingenieur*innen oder Programmierer*innen neuer Technologien sind auf der anderen Seite keine Soziologen oder Philosophen.

Wenn die gesellschaftlichen Instanzen wie Politik, Recht oder Medien nicht gewappnet sind für die niveauvollen Auseinandersetzung, ist der Weg für eine Elite an Vordenkern frei, die – unbe(ob)achtet, aber nicht heimlich – mit Methoden experimentieren und Fortschritt voran treiben. Die Namensliste der technologischen Vordenker ist kein Geheimnis: Elon Musk, Jeff Bezos, Bill Gates, Mark Zuckerberg, Larry Page und weitere, die weniger im medialen Rampenlicht stehen. Viele von ihnen sind bekennende Sympathisanten der transhumanistischen Bewegung.

Durch eine oberflächliche Auseinandersetzung überlassen wir die Verantwortung dieser technologisch versierten Elite, die unsere Zukunft formt. Dies war bereits im Humanismus der Fall. Ob es uns geschadet hat, kann niemand beantworten. Im Gegensatz zum 15. Jahrhundert stehen uns heute allerdings die aus dem Humanismus stammenden Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung, welche uns eine Meinungsbildung ermöglichen. 

Wenn wir diese Möglichkeit nicht wahrnehmen, sollten wir uns nicht darüber mokieren, dass eine kleine elitäre Gruppe, die wir oft in Schlüsselpositionen von technologischen Vorreiter-Unternehmen wiederfinden, ihre Visionen voran treiben.

Ein Vorschlag: Integration der Vision “technologisierter Mensch” in die Bildungssysteme

Ein grosser Fortschritt für die breite Diskussion, wie die Technologisierung des Menschen vonstatten gehen soll, wäre aus meiner Perspektive die vertikale Integration des Themas in unser Bildungssystem. Der philosophische Aspekt dieser Fragestellung sollte Teil eines Computer Science Studiums sein, wie auch das Grundverständnis von Machine Learning Teil des Philosophiestudiums. Technologische Geschichte und Zukunft sollte einen Platz im Jura- und Soziologie-Studium bekommen. Technologischer Gemeinschaftsunterricht sollte – genau wie die Sterne unseres Sonnensystems, dass wir besiedeln wollen – Teil der regulären Lehrpläne ab der Primarschule sein.

Somit ist auch der Grund geklärt, weshalb die Auseinandersetzung mit dem Thema Transhumanismus bzw. der transhumanistischen Idee, Teil des Lehrplans im MAS Digital Business bzw. des CAS Disruptive Technologies ist.

Zum CAS Disruptive Technologies

Der CAS Disruptive Technologies ermöglicht innovative Technologien und Konzepte einzuordnen und als Führungspersönlichkeit die notwendigen Mechanismen so weit zu durchdringen, dass eine Umsetzung in Form von Projekten und Produkten im eigenen Unternehmen zielführend erfolgen kann. Themen wie Big Data & Data Science, Swarm Intelligence, Digital Security sowie Wearable Computing, Quantum Computing oder 3D Printing gehören zu den Inhalten. Die Teilnehmenden werden zudem in die Grundlagen der Innovation und ins Management der Kreativität eingeführt.