Aus dem Unterricht des CAS Mobile Business berichtet Nicole Candrian:

Am 12.09.2014 wurden wir bei Daniel Muther Versuchskaninchen eines spannenden Inputs zu den Themen: «Psychologie und Nutzung im Mobile Web», «User Experience Teil 1» und wie man diese beiden Themen verknüpfen muss.

Anhand einer kurzen psychologischen Einführung wurde uns vor Augen geführt, dass wir eben nicht immer das sehen, was wir glauben zu sehen und das tun, was wir glauben zu tun. Oooch, und dabei waren wir alle der festen Überzeugung selbständig zu handeln…

Die erste Erkenntnis war, unsere Wahrnehmung ist abhängig:

  • von unserer Erfahrung (dies erklärt vermutlich auch warum Kinder in dem uns gezeigten Bild Delphine wahrnehmen wo wir Erwachsene etwas ganz ganz anderes sehen :-))
  • vom Kontext (Je nach gezeigtem Hintergrund wird eine geometrische Figur plötzlich farbig und ändert ihre Grösse)

Spannend auch zu wissen, wie wir Informationen verarbeiten. So erreicht uns eine Information von aussen nicht direkt, sondern trifft erst auf einen Filter: unsere Sinneswahrnehmung. Eine Nachricht muss uns, resp. unsere Sinneswahrnehmung ziemlich begeistern um überhaupt wahrgenommen zu werden. Mit Klängen, Farben könnte diese Hürde genommen werden. Erst wenn Filter 1 passiert wurde, wird in Filter 2 die Bewertung der Information/Nachricht vorgenommen. Und hier liegt die Krux. Da die Bewertung auf Werten, Erinnerungen, Glaubenssystemen usw. basiert, nimmt jeder Mensch die Information auch anders war.

Subjektivitaet-der-Wahrnehmung

Unser Gehirn leistet Höchstarbeit. Nehmen wir mal diesen Text als Beispiel:

hhh

Wir sind so konditioniert aufs Lesen, dass unser Gehirn fähig ist diesen Text mehr oder minder problemlos zu lesen. Einzige Bedingung: Der erste und der letzte Buchstabe müssen am richtigen Ort stehen. Faszinierend!

Unsere Wahrnehmung, eine erste Zusammenfassung:

  • Unser Auge ist kein Kopierer > Unser Gehirn bestimmt, wie uns die Welt erscheint!
  • Das Original (aus der Welt) und unser Abbild (im Kopf) sind nicht identisch.
  • Wahrnehmung ist ein aktiver, komplexer und mehrstufiger Prozess.
  • Unser Gehirn hilft uns, das Gesehene zusammen zu fügen.

Mit diesem Wissen kann man sich jetzt überlegen, wie die wichtigen Informationen unsere Kunden am besten erreichen. Hierfür müssen wir aber auch dem Design ein grosses Gewicht geben. Dabei helfen uns die Gestaltungsgesetze der Wahrnehmung:

Gesetz der Prägnanz

Unter gleichen Objekten fällt dasjenige auf, das sich von der Gruppe durch ein bestimmtes Merkmal abhebt.

Gesetz der Geschlossenheit

Einzelne Teile können im Kopf zu einem Gesamten zusammengesetzt werden.

Gesetz der Ähnlichkeit

Ähnliche Dinge werden in unserem Kopf zusammengefasst, unähnliche werden getrennt.

Gesetz der Nähe

Etwas was nahe beieinander liegt, das gehört auch zusammen (Gruppierungen).

Gesetz der Kontinuität 

Linien folgen einem uns bekannten Weg auch wenn sie nicht ganz durchgezogen sind.

Gesetz der Erfahrung

Bekanntes wird logisch kombiniert.

Nach einem kurzen Intermezzo in dem wir einem tanzenden Gorilla unter Basketballern zuschauten, stand das letzte psychologische Thema auf dem Lehrplan: Persuasives Design oder wie wir Entscheidungen beeinflussen (können). Persuasives Design beinhaltet verschiedene Prinzipien, die man zur Beeinflussung nutzen kann:

  • Soziale Bewährtheit – Wir sind ein Herdentier, was andere tun, kann nicht schlecht sein.
  • Reziprozität – «Tust Du mir was Gutes, tu ich Dir was Gutes». Oder kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.
  • Committment – Wir stehen hinter unserem Produkt! Wir stehen für Qualität!
  • Verknappung – Kleine Lagerbestände, zeitliche Begrenzung regen zum schnellen Kaufentscheid an.
  • Autorität – Testimonials können hier sehr hilfreich sein.

Fazit zum Thema «Psychologie und Nutzung im Mobile Web»

  • Die Welt, so wie wir sie sehen, ist nicht die Welt die andere sehen…
  • Wie wir wahrnehmen und ob wir überhaupt etwas wahrnehmen hängt von vielen (internen und externen) Faktoren ab…
  • Wir glauben, wir entscheiden autonom, tun dies aber selten…
  • Durch persuasive Techniken können (wir) sie (uns) beeinflussen…

«User Experience Teil 1»

Am Nachmittag befassten wir uns mit «User Experience», also der konkreten Umsetzung des am Morgen erworbenen Wissens.

Bei der Neuentwicklung von Websites, Apps, Systemen sind zunächst drei Fragen wichtig:

  • Wer sind die Benutzer des zukünftigen Systems?
  • Welche Aufgaben sollen damit erfüllt werden können?
  • In welcher Umgebung wird das System genutzt?

Geht man dann noch nach folgendem Kreislauf vor, steht einer erfolgreichen Umsetzung nichts im Wege. Aber Achtung: Schnell schnell, geht da gar nichts. Gut Ding will Weile haben und vor allem gut geplant sein!

Entwicklungskreislauf_UserExperience

Und hier noch weitere Tipps zum Design für Mobile Usability:

  • «Reduce to the max»
    Inhalte kurz und klar definieren und nur das zeigen, was wirklich wichtig ist.
  • Touch first – «Wurschtfinger» haben auch ihre Berechtigung 😉
    Tauglichkeit beachten, einfach zum handhaben und den User auf der Tastatur halten.
  • Content before Chrome
    Minimale Navigation, maximaler Content, «Blingbling» ist nicht gefragt.
  • Use Device Capabilities
    Funktionen, Features des Gerätes auch nutzen und mit einbeziehen (GPS usw.).

Oberstes Gesetz beim Design für Mobile Usability: Niemals den Flow des Users unterbrechen!

Fazit zum Thema «User Experience Teil 1»:

  • Kontext und Fokus: Kenne deine User, deren Bedürfnisse und Ziele
  • Prototyping: Fail early, fail often, fail cheap, iterate
  • Web ist nicht Mobile!
  • Dateneingaben auf mobilen Geräten sind mühsam, optimiere so weit wie möglich
  • Nutze die Features der Smartphones sinnvoll
  • Messe vor Verbesserung und danach und sprich darüber

Wir freuen uns heute schon auf «User Experience Teil 2» im November 2014. Dann nämlich greifen wir zu Papier, Stift und Schere…