Aus dem Unterricht des CAS Social Media Management mit Philippe Wampfler zum Thema „Psychologie im Social Web“ berichtet Fabienne Iten.

Philippe Wampfler gibt einen Einblick in die Psychologie im Social Web, indem er uns die verschiedenen Nutzungstypen zeigt und verschiedene Konzepte resp. Begriffe erklärt.

Affordances: der Angebotscharakter von digitalen Medien

Der Begriff „Affordances“ prägte Danah Boyd. Er definiert, zu was mich ein Tool einlädt. Welches Verhalten wird damit verstärkt?

  • Snapchat: Fotos machen und teilen
  • Facebook: Über mich schreiben und andere an meinem Leben teilnehmen lassen
  • Twitter: Kurz und bündig zu schreiben

In diesem Zusammenhang kommt der Begriff Social Scoring auf. Es geht darum, dass Menschen aufgrund ihres digitalen Verhalten bewertet werden. Inzwischen wird gar über eine App gemunkelt, wo jeder jeden bewerten kann – ohne Erlaubnis, versteht sich. Die App „Peeple“ wird es aber wohl schwer haben, denn auf Facebook tobt schon jetzt ein Shitstorm.

Wer an Social Scoring interessiert ist, soll sich laut Wampfler die Folge „Nosedive“ der Serie „Dark Mirror“ (S03F01) ansehen.

7 Nutzungstypen von digitalen Medien

Gemäss DIVSI gibt es sieben verschiedene Nutzungstypen. Menschen werden nach ihrer sozialen Lage und ihrer Haltung dem Internet gegenüber eingeteilt. Die Grafiken zeigen einerseits die Veränderung innerhalb von zwei Jahren (2014 gegenüber 2016) bei der deutschen Bevölkerung sowie die Aufteilung bei den 14- bis 24-jährigen.

Nutzungstypen gesamt D

Nutzungstypen bei 14- bis 24-Jährigen

15 Konzepte und Begriffe, die man kennen muss

Die folgenden 15 Konzepte soll man in der SM-Praxis wahrnehmen und anwenden können:

#1 Kontext

Der Kontext ist sehr wichtig, damit man ein Post resp. ein Tweet richtig versteht. Oder anders: Ohne Kontext wird ein Kommentar ganz schnell falsch interpretiert.

#2 Sympathie und Vertrauen

Gemäss der „Uncertainty Reduction Theory“ wird Unsicherheit abgebaut resp. Vertrauen aufgebaut, wenn …

  • … man auch Fremdes liked
  • … Bilder mit Text ergänzt wird
  • … Bilder lachende, also sympathische, Menschen zeigen
  • … Interaktion besteht

#3 Weak Ties

Facebook-Freunde sind sogenannte „weak ties“, mit denen man sich bei einem Apéro unterhält. „Strong ties“ dagegen sind echte Freunde, die man anruft, wenn man eine Übernachtungsmöglichkeit braucht. Letztere setzen sich wiederum aus verschiedenen Gruppen zusammen: Arbeits- resp. Schulfreunde, Familie, Freunde aus dem Sportverein oder aus dem Heimatdorf. Sie alle kennen eine spezifische Seite von mir: im Geschäft ist jemand anders als im Fussballclub. Durch SM fallen diese Grenzen weg und es kommt zum sogenannten „context collapse“.

#4 Confirmation Bias

Menschen werden kritisch, sobald etwas nicht ihrer Meinung entspricht. Dafür sind wir sehr unkritisch, wenn wir in unserer Meinung bestätigt werden. Das führt zu einer Verfälschung von Informationen.

#5 Resilienz

Social Media können ein bestehendes problematisches Verhalten zwar verstärken, sind aber selten der Auslöser dafür. Wenn man also beispielsweise kein Problem mit Wutausbrüchen hat, ist man gegen Gewaltspiele eher resilient (immun), weswegen solche Spiele nicht grundsätzlich problematisch sind. Das gleiche mit der Frage, ob SM einsam macht …

#6 Stress

Wenn man über SM über Menschen liest, denen es schlecht geht, kann das Stress auslösen. Ausserdem kann die Digitalisierung auch zu Stress führen, weil die Tools abhängig machen und der Mensch ohne sie scheinbar nicht mehr zurecht kommt.

#7 Narzissmus

Die meist genannten Bedürfnisse in SM sind:

  1. Soziale und emotionale Bedürfnisse befriedigen
  2. Negative Bedürfnisse ausdrücken
  3. Bestätigung und Aufmerksamkeit erhalten
  4. Sich unterhalten
  5. Kognitive Bedürfnisse befriedigen

Narzissmus gehört nicht dazu. Narzisstische Äusserungen werden in den sozialen Medien eher bestraft, indem sie kaum kommentiert werden.

 [Nebenbei: F62 ist nicht prüfungsrelevant (es blieb keine Zeit dafür)]

#8 Long Tail

Während wenige Beiträge sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, bekommen viele Beiträge kaum Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit ist in den sozialen Medien zu einer Art Währung geworden.

#9 90-9-1

Ganz einfach: 90% aller SM-Users sind Lurkers, sogenannte Schmarozer, die lediglich lesen und konsumieren. 9% sind Commenters, als auf den SM-Kanälen aktiv und lediglich 1% sind Creators, also sehr aktiv.

#10 Privacy in Public

Im realen Leben kann man einer Freundin im überfüllten Zug sagen, dass man schwanger ist, ohne dass es am nächsten Tag alle wissen. In den sozialen Meiden funktioniert das nicht – da gibt es keine Privatsphäre in der Öffentlichkeit.

#11 Schwarmverhalten

In den sozialen Medien können aus einzelnen kritischen Rückmeldungen schnell schwarmartige virale Kampagnen ergeben, die in einem Shitstorm enden. Wampfler ist jedoch der Meinung, dass diese überbewertet werden und selten passieren.

#12 Streisand-Effekt

Barbara Streisand verbot einem Journalisten, ein Bild von ihrem Haus aufs Netz zu stellen. Dadurch wurde das Interesse der Öffentlichkeit an ihrem Haus immer grösser. Wenn also jemand versucht, etwas Negatives über sich in den sozialen Medien zu löschen, erreicht oftmals das Gegenteil: Also noch mehr Aufmerksamkeit auf diese negative Sache. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob es im Netz ein „Recht auf Vergessen“ braucht und wie es konkret aussehen müsste. Dies ist ein sehr heikles und schwieriges Thema, das nicht abschliessend geklärt ist.

#13 Kool-Aid-Point

Der Grat zwischen top und flopp kann in den sozialen Medien sehr eng sein. Der Kool-Aid-Point ist der Punkt, wo ein Post oder ein Tweed von der positiven Verbreitung in die negative Bewertung reinfällt.

#14 Trolle

Eine kleine Übersicht von Brodnig:

Ist dieser User wirklich ein Troll?

#15 Digitaler Dualismus

Der Dualismus ist auch in Bezug auf unsere Persönlichkeit eine verbreitete Position: Er gibt vor, wir hätten eine feste Identität, die sich in der physischen Welt manifestiert. In der virtuellen Welt präsentieren wir Facetten dieser Identität, eigentliche Zerrbilder, häufig versehen mit Pseudonymen. Durch die virtuelle Zersplitterung könnten wir uns verlieren, könnten vergessen, wer wir wirklich sind und wessen wir bedürfen.