Aus dem Unterricht des CAS Digital Finance zum Thema Banken und FinTechs mit Stephan Odermatt berichtet Beatrice Stoller:

Ist es nur ein aktueller Trend, dass Banken mit FinTechs kooperieren? Kaum eine Woche vergeht, in der nicht mindestens ein FinTech-Engagement verkündet wird. Auf den ersten Blick ist eine Kooperation widersprüchlich, weil FinTechs das Ziel verfolgen, die Finanzgeschäfte zu revolutionieren und dadurch die Banken konkurrenzieren.

Was sind denn nun die Motive für eine Kooperation?

Motive aus Sicht FinTech:

  • Die Banken geniessen ein grosses Vertrauen und haben eine etablierte & loyale Kundenbasis
  • Ein FinTech benötigt durch einzelne Elemente im Geschäftsmodell (Betrieb von Konten und Depots, schnelle und einfach Bezahllösungen, Kreditvergabe, automatisierte Vermögensverwaltung etc.) eine Banklizenz
  • Effizienter Vertrieb (owned channels)
  • Grosses Know-how
  • Viel Erfahrung

Motive aus Sicht Bank:

  • Zusätzlichen Kundennutzen erschliessen – und trotzdem nur das selbst machen, worin man gut ist. Das heisst für eine Bank: beim Kerngeschäft bleiben und verwandte Dienstleistungen via ausgewählte Partnerschaften mit abdecken.
  • FinTechs sind agil und innovativ unterwegs
  • Kürzere Entwicklungszeiten
  • Differenzierung von Mitbewerber
  • Branding/öffentliche Wahrnehmung/PR

Für Banken wird es im heutigen Marktumfeld mit tiefen oder negativen Zinsen immer schwieriger, in ihrem Kerngeschäft Geld zu verdienen. Die Digitalisierung verändert unser Leben immer stärker und begünstigt den Eintritt von neuen Playern im Bankenumfeld. Die Technologien entwickeln sich schnell weiter und  werden laufend günstiger. Vor allem einfache Produkte und Dienstleistungen werden zunehmend nur noch digital abgewickelt. Aktuell haben die Banken noch eine gute Ausgangslage und sind daran, gezielt ihr Kerngeschäft zu ergänzen. Das heisst, laufend den Markt beobachten und auch prüfen, mit wem eine Zusammenarbeit einen Sinn ergibt. Eine Bank muss davon wegkommen, alles selbst anzubieten. Oft “screenen” die Banken die Startups aufgrund eines erkannten Bedürfnisses, welches aus der festgelegten Strategie hervorgehen. Ein Startup wird dann für eine Bank interessant, sobald ein konkretes Produkt (welches optimalerweise bereits von Kunden genutzt wird) vorgewiesen werden kann.

Nach dem Motto “prüfe wer sich bindet” – wird für jede Kooperation die Integrationstiefe festgelegt. Die Gestaltungsmöglichkeiten und Konstruktionen sind vielfältig und reichen vom völligen Getrenntlassen der Unternehmen (reine Finanzbeteiligung) über eine Kooperation bei weitgehender Eigenständigkeit (häufigste Anwendung) bis hin zur tiefgehenden Verschmelzung der IT-Systeme. Das frühzeitige Festlegen der Integrationstiefe ist aus folgenden zwei Gründen zwingend erforderlich:

  • weil sie das gesamte weitere Vorgehen bestimmt, sodass ohne eine Klärung dieser Frage keine sinnvolle Weiterarbeit möglich ist
  • weil der Aufwand und die Schwierigkeit der Kooperation maßgeblich von der gewählten Integrationstiefe abhängt.

Anforderungen an IT-Architektur

Für Banken ist es künftig zentral, dass ihre IT-Architektur mit APIs (Application Programming Interface) zu den wesentlichen Anwendungen, Datenbanken, Festplatten und Benutzeroberflächen modularisiert und standardisiert werden. Ein API dient zur Übersetzung von einem bestimmten System zu einem Anderen. Nur so sind sie mittels einer offenen Technologielandschaft auf die Zusammenarbeit mit externen Partnern ausgelegt. Was einem Vergleich von einer Portion Spaghetti zur Lasagne gleicht.

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Die Lasagne in der IT-Architektur

Die Lasagne in der IT-Architektur / Quelle: Axway, API Days London 2015

Bankinterne Hürden einer Kooperation

Jede Abteilung (zB. Compliance, Informatik, Produktmanagement, Verkauf, Operations) hat eine natürliche Tendenz, sich auf ihre eigenen Ziele zu fokussieren. Diese stehen bei innovativen und schnellen Lösungen oft in einem Zielkonflikt und verlangsamen dadurch den Innovationsprozess einer Bank massiv. Wir haben dies im Unterricht anhand eines Rollenspiels aus dem Arbeitsalltag einer Bank durchgespielt und analysiert und sind zur Erkenntnis gekommen, dass eine Unternehmung nur erfolgreich sein kann, wenn die Digitalisierungs- und Innovationsthemen einen zentralen Platz in der obersten Führungsetage (Beispiel Amazon) einnehmen. Folgende Ansätze fördern und unterstützen die Realisierung von Innovationen:

  • Gelebter Management Support: Priorisierung von Innovation auch bei harten trade-offs
  • KPI’s: Leistungsziele anpassen
  • Beförderungsprozesse: Innovation überall eine Stimme geben
  • Approval-Prozesse: Weniger Stellen mit Veto-Macht ausstatten
  • Organisation: Zusammenbringen der gesamten “Innovationswertschöpfungskette” unter eine einheitliche Führung

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Der Bereich Innovation/Digitalisierung muss innerhalb einer Unternehmung hoch genug eingegliedert werden. Ist das Innovationsteam auf einer tieferen Ebene, haben üblicherweise zu viele Stakeholder ein faktisches “Vetorecht”. Dadurch werden kundenfreundliche Innovationen vielfach verhindert oder zumindest stark verzögert sowie verteuert.

Fazit

Kooperationen sind kein vorübergehender Trend, sondern eine langfristige Veränderung, welche ein Umdenken erfordert. Kooperationen bieten eine kostengünstige Möglichkeit, Produkte und Dienstleistungen zu digitalisieren, zu individualisieren und Leistungen durch Kooperationspartner erbringen zu lassen. Es braucht Mut Kooperationen einzugehen und allfällige Misserfolge zu riskieren. Über den Erfolg einer Kooperation entscheidet schlussendlich der Markt und der Kunde!